Der Sommer des Moorhuhns

Geschrieben am 09.08.2019 von

Am nächsten Montag feiern die britischen Waidmänner und -frauen den Glorious Twelfth: Ab dem 12. August wird in Schottland und Nordengland das Moorhuhn geschossen. Die Hatz auf den rotbraunen Vogel inspirierte auch ein legendäres deutsches Computerspiel. Die erste Moorhuhnjagd erschien im Herbst 1998. Vor zwanzig Jahren verbreitete sich das Programm dann immer schneller im Netz. 

Der lateinische Name lautet Lagopus lagopus scotica, in Schottland heißt es Red Grouse oder einfach Grouse. Alfred Brehm sah es im hintersten Ostpreußen und verzeichnete es in Band 18 seines Tierlebens: „Das Moorhuhn gehört zu den regsamsten und lebendigsten Hühnern, die ich kenne, ist gewandt, deshalb auch selten ruhig… Die breiten, dicht befiederten Füße gestatten ihm, ebenso rasch über die trügerische Moosdecke als über den frischen Schnee wegzulaufen, befähigen es wahrscheinlich auch zum Schwimmen.“

Das hilft dem Moorhuhn jedoch nur wenig, wenn am 12. August die Jagdsaison beginnt. Im nördlichen Großbritannien wird es unbarmherzig mit Schrot geschossen und anschließend zum Essen serviert. Der rotbraune Vogel überlebte aber in einem ganz anderen Biotop: dem deutschen Büro. In diesem brach in den späten Neunzigern das Moorhuhnfieber aus; schuld daran war ein Computerspiel. Die Tiere fielen dabei neunzig Sekunden lang vom Himmel; in der nächsten Runde flatterten sie quicklebendig aufs Neue.

Die Moorhuhnjagd wurde in der Hamburger Werbeagentur V und B geboren. Hier entwarfen Heidi Vorwerk und ihr Team Ende 1997 eine Kampagne für die Whiskybrennerei Johnnie Walker. Sie sollte die schottische Heimat des Getränks betonen. Im Brainstorming stellten sich das Moorhuhn und ein mit ihm verknüpftes Computerspiels ein. Der Auftraggeber war mit allem einverstanden; die Agentur wandte sich nun an das Bochumer Softwarehaus Art Department. Es legte ein Jahr später die Erstfassung des Schießvergnügens vor.

Moorhuhn-Familie, ein Werk des englischen Ornithologen und Tiermalers John Gould.

Glaubt man den Quellen, war die Moorhuhn-Figur eine Schöpfung der Grafiker Ingo Mesche und Ernst Weber. Das Programm stammte vom holländischen Studio Witan Entertainment. Es hatte bereits ein ähnliches Spiel entwickelt; überliefert ist der Name „Kippen Schieten“ – Hühner schießen. Im Herbst 1998 zogen PR-Gruppen mit Laptops durch Hamburger Kneipen; sie enthielten das fertige Spiel. Die Gäste durften auf das digitale Federvieh zielen; zur Belohnung gab es Whiskyproben. Die besten Jäger bekamen das Programm auf Diskette.

Im Sommer 1999 eroberte das Spiel die Datenautobahn. Es erschien zum Download auf privaten Homepages und auf der Seite der Radiostation 104.6 RTL. Harald Schmidt stellte es in seiner Show vor; zu Weihnachten nahm in London die Zeitschrift New Scientist Notiz. Im Jahr 2000 erhielt das Moorhuhn eine eigene Website, es berichteten SPIEGEL und Heise-Ticker. Der Schottenvogel machte Schlagzeilen; angeblich legten die Moorhuhn-Gamer Firmen und Ämter lahm und verbrannten Millionen DM an Computerzeit.

Schon 1999 benannte sich die Firma Art Department in Phenomedia um und ging an die Börse. In kurzer Zeit sammelte sie 22 Millionen ein. Die AG wurde ein Star im Dotcom-Boom; 2000 erschien mit „Moorhuhn 2“ ein kommerzieller Nachfolger. Anfang 2002 verkündete Phenomedia zwanzig Millionen Euro Umsatz für das abgelaufene Jahr. Im April gab es erste Zweifel an der Bilanz. Auch das neue Spiel „Sven, das Schaf“ konnte die Firma nicht retten; im Mai 2002 war die Phenomedia AG insolvent.

Unbekanntes Moorhuhn im schottischen Hochland.

Es folgte 2004 ein langer Strafprozess. 2009 kamen der frühere Vorstand Markus Scheer und sein Finanzchef Björn Denhard wegen Bilanzfälschung und Kreditbetrug ins Gefängnis. Ihre Firma erlebte eine Wiederauferstehung als phenomedia publishing GmbH; bis 2017 blieb sie im Geschäft. Danach brachte die Moorhuhn GmbH den Vogel von Bochum-Wattenscheid in die virtuelle Realität. Die klassischen Spiele vertreibt die ak tronic Software & Services GmbH im münsterländischen Saerbeck.

Laut Statistik wurden seit seiner Geburt achtzig Millionen Moorhühner heruntergeladen; fünfzehn Millionen wurden auf CD verkauft. Damit ist das „Crazy Chicken“ der erfolgreichste deutsche Beitrag zur Weltkultur der Computerspiele. Es ist natürlich längst online. Die Bedeutung für die Wirtschaft studierte 2001 die Universität Mannheim; 2017 fand es den Weg ins Philosophie-Lexikon. Ihm gehörte auch die Sympathie des Dichters Christian Morgenstern, der in den Galgenliedern fragte: „Wird dem Huhn / man nichts tun?“

Der kommende Montag ist aber leider der schon erwähnte Glorious Twelfth. Jäger und Nicht-Jäger sollten beachten, dass das HNF vom 12. bis zum 19. August schließt; danach heißen wir alle Besucher wieder herzlich willkommen. Das Eingangsbild oben zeigt ein historisches Moorhuhn aus dem Phenomedia-Archiv, das im Netz erhalten ist.

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