Exidy_Sorcerer

Der Zauberer aus Sunnyvale

Geschrieben am 20.03.2026 von

Im Englischen ist ein Sorcerer ein Zauberer, der nicht mit Tricks arbeitet, sondern mit höheren Mächten in Verbindung steht. Sorcerer nannte die kalifornische Firma Exidy auch einen Heimcomputer, den sie im April 1978 vorstellte. Er verkaufte sich schlecht in den USA, doch gut in Europa und in Australien. Er beeinflusste sogar die Software-Branche der DDR.

Unsere Leser – und die Besucher der PC-Ausstellung des HNF – wissen es: Der Altair 8800 startete 1975 die Mikrocomputer-Revolution. In Schwung kam sie 1977, als die „Großen Drei“ erschienen, der Commodore PET 2001, der Apple II und der Tandy TRS-80. Sie hielten andere Unternehmen nicht davon ab, ebenfalls ihr Glück im Acht-Bit-Markt zu versuchen.

Die 1973 im kalifornischen Palo Alto gegründete Firma Exidy war ein Videospiel-Pionier. 1976 löste ihr Death Race den ersten Skandal der jungen Branche aus, denn der Spieler musste mit einem gepixelten Auto möglichst viele Fußgänger niederfahren. Harmlos war ein anderes Produkt. Am 28. April 1978 enthüllte die Exidy Inc. auf einer Technikmesse in Long Beach den Heimcomputer Sorcerer. Der Name bedeutet auf Deutsch Magier oder Zauberer; ein „Sorcerer’s Apprentice“ ist ein Zauberlehrling.

Der Schacht für Einsteck-Module (Foto Marcin Wichary CC BY 2.0 seitlich beschnitten)

Der Schöpfer des magischen Rechners hieß Paul Terrell. Er schrieb 1976 Technikgeschichte, als er für seinen Byte Shop fünfzig Apple-1-Platinen bestellte. Terrell gründete eine Ladenkette für Mikrocomputer und ihre Peripheriegeräte. Anfang 1977 bot er einen von ihm selbst entwickelten Acht-Bit-Rechner mit einem Intel-8080-Chip an. Der BYT-8 besaß das kastenförmige Design des Altair 8800 und des ganz ähnlichen IMSAI 8080. Im gleichen Jahr verkaufte Terrell aber seine Geschäfte und wandte sich einem neuen Projekt zu.

Das war der Sorcerer, den Exidy in Sunnyvale fertigte. Nach der Präsentation bot sie ihn im Sommer 1978 für 895 Dollar an. Äußerlich wirkte er wie ein geschrumpfter Apple, im Inneren saßen der Z80-Prozessor von Zilog und Speicherchips zwischen acht und 32 Kilobyte. Auf der rechten Seite konnte man eine Kassette mit der Sprache BASIC einstecken. Für die Ausgabe ließen sich ein Fernseher oder ein Monitor anschließen; der Sorcerer zauberte darauf 30 Zeilen mit 64 Zeichen oder 512 mal 240 Grafikpixel, allerdings nur schwarzweiß.

Der Compudata-Sorcerer mit Monitor, Erweiterungseinheit und Diskettenlaufwerken

Im September 1978 schildert das Magazin Creative Computing den Rechner, CHIP berichtete Anfang 1980. Wir lesen unter anderem, dass es neben der BASIC-Kassette Module für einen Assembler, eine Textverarbeitung und ein Terminal-Programm gab. Ein zweiter CHIP-Artikel folgte im März 1981, beide waren durchweg positiv. Inzwischen lagen ein Monitor mit zwei Disketten-Laufwerken sowie ein Doppel-Laufwerk vor. Das komplette Software-Angebot findet sich hier; viele Schriften zum Sorcerer birgt die Bitsavers-Bibliothek.

Leider hatte das Exidy-Management wenig Ahnung in der Vermarktung von Computern, mit der Folge, dass der Sorcerer in den USA floppte. 1981 stieß Exidy die Sorcerer-Abteilung ab, die Fertigung endete 1982. Ein Erfolg wurde der Zauberer in Australien und den Niederlanden. Hier sah man ihn 1980 in einem Fernseh-Kurs zur Elektronik; der Importeur Compudata brachte einen Nachbau heraus. 1983 erschien der Nachfolger Tulip, eine Kopie des IBM PC. So nannte sich ab 1987 auch die Firma Compudata, die aber 2009 vom Markt verschwand.

Horst Völz  (Foto Reinhard Ferdinand CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Ein besonderes Schicksal erfuhr der Sorcerer in der DDR, wofür Horst Völz sorgte. Er wurde 1930 in Pommern geboren; später besuchte er das Gymnasium in Greifswald und studierte dort. 1958 promovierte er in Physik. Von 1959 bis 1989 arbeitete er in Berlin für die Akademie der Wissenschaften, von 1992 bis 1995 lehrte er an der Freien Universität und der TU Berlin. Er zählt bis heute zu den vielseitigsten und publizistisch aktivsten IT-Forschern des Landes, er bemühte sich stets um die Popularisierung der Informatik.

1981 gelang es Horst Völz, einen Sorcerer samt BASIC- und Assembler-Kassette aus der Bundesrepublik in die DDR einzuführen. Das Gerät ist oben in unserem Eingangsbild zu sehen. Auf ihm erstellte er für den VEB Mikroelektronik im thüringischen Mühlhausen ein Textverarbeitungsprogramm. Es wurde 1986 fertig, trug den Namen TEXOR und lief ab 1988 auf Kleincomputern der KC-85-Serie. Die Exidy Inc. konzentrierte sich auf Spielautomaten, überstand 1985 einen Bankrott und schloss 1999 endgültig die Pforten.

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