Die Eva der Zukunft

Geschrieben am 29.03.2016 von

Im 19. Jahrhundert entstand mit der Analytischen Maschine von Charles Babbage das erste Konzept eines Computer und, erdacht von Ada Lovelace, das erste lange Computerprogramm. 1886 erschien außerdem in Paris der erste Roman, der detailliert einen Roboter schildert, „L’Eve future“. Im Mittelpunkt steht eine künstliche Frau. Ihr Erbauer ist der berühmte Erfinder Thomas Edison.

Jean Marie Mathias Philippe Auguste de Villiers de L’Isle-Adam stammte, wie der Name und die vielen Vornamen andeuten, aus altem französischen Adel. Geboren wurde er am 7. November 1838 in der Stadt Saint-Brieuc in der Bretagne; ab 1860 lebte er in Paris. Seine mageren Einkünfte – die Familie ließ ihn finanziell im Stich – kamen von Gelegenheitsjobs und aus der Schriftstellerei.

Villiers verfasste Dramen, Romane und Kurzgeschichten, die zur literarischen Bewegung des Symbolismus zählen. Vom Inhalt her liegen seine Werke zwischen Romantik, Phantastik und Horror. Der Stil ist höchst ästhetisch und manchmal arg aristokratisch. In einem seiner Stücke findet sich der Spruch „Leben? Das überlasse ich meinen Dienern“. Der Roman „L’Eve future“ bringt aber auch Ideen zu Wissenschaft und Technik, die an seinen Zeitgenossen Jules Verne erinnern.

Auguste de Villiers de l'Isle-Adam

Auguste de Villiers de l’Isle-Adam

„L’Eve future“ erschien 1886 in Paris. Der Titel der ersten deutschen Übersetzung, die 1909 in München herauskam, nannte bereits den Haupthelden: „Edisons Weib der Zukunft“ Edison ist natürlich Thomas Edison. Der Roman spielt im Jahr 1876 in seinem Haus, das korrekt in Menlo Park im US-Bundesstaat New Jersey verortet wird. Ansonsten beschreibt Villiers einen ganz und gar fiktiven Erfinder. Das gleiche gilt für die Nebenfiguren, den edlen Lord Ewald, die Sängerin Alicia Clary, Edisons Vertraute Annie Anderson und die geheimnisvolle Hadaly.

Zur Handlung des Romans: Lord Ewald verliebt sich unsterblich in Alicia, die so schön wie die Venus von Milo ist, und verlobt sich mit ihr. Ihre geistigen Fähigkeiten bleiben aber sehr hinter den körperlichen Vorzügen zurück, was Ewald nicht ruhen lässt. Er reist deshalb in die USA und klagt Edison sein Leid. Dieser arbeitet gerade an einer Androide, einem naturgetreuen weiblichen Roboter. Er kann ihn so verändern, dass Hadaly – so heißt der Maschinenmensch – Alicia ähnelt wie ein Ei dem anderen.

Die mitgereiste Sängerin ahnt nichts von Edisons Aktion, sie hilft ihm sogar unwissentlich, die Kopie ihrer selbst zu erstellen. Anschließend verlassen Alicia und ihr Freund Menlo Park, um nach England zurückzukehren. Aber nur Lord Ewald weiß, wer außerdem auf das Schiff gebracht wird. Während der Überfahrt schlägt das Schicksal zu. Das Schiff gerät in Brand und sinkt. Alicia kommt dabei um. Lord Ewald überlebt, doch er muss mit ansehen, wie die Kiste mit Hadaly im Meer versinkt.

Thomas Edison mit seinem Phonographen

Thomas Edison mit seinem Phonographen

Villiers de L’Isle-Adam gab sich in seinem Roman viel Mühe mit dem Innenleben der Androide. Hadaly, der fünfte der sechs Abschnitte, widmet sich ihrer Konstruktion und ihrem Funktionieren. In ihrem Oberkörper sitzen goldene Phonographen-Walzen, die vierzehn Stunden erlesener Konversation speichern. Weiter unten dreht sich eine Rolle für die Gesten, die Haltung, den Gang und das Mienenspiel Hadalys. Ein besonderer Regelkreis sorgt dafür, dass sie beim Laufen immer das Gleichgewicht hält und Blumen pflücken kann, ohne zu Boden zu fallen.

Leider beschloss unser Autor, Hadaly neben dem Leib noch eine Seele zu geben. Dazu griff er tief ins Arsenal des Okkultismus und Spiritismus und holte den Astralkörper hervor, der die Lebensenergie eines Menschen ausmacht. Einen solchen Körper überträgt der Edison des Romans von seiner Assistentin Annie Anderson auf den Roboter, der sich daraufhin wie ein echtes lebendiges Wesen benimmt und auch so spricht. Bald nach der Operation stirbt Annie.

Da staunt der Laie, und der Technikhistoriker wundert sich. Trösten wir uns damit, dass das Buch faszinierende Einblicke in die Mediengeschichte liefert. Villiers‘ Edison perfektioniert die Tonwalzen des echten Erfinders. Darüber hinaus benutzt er Telegraph und Telefon und hat ein privates Kino. Die deutsche Übersetzung erwähnt eine „kinematographische Aufnahme“, während das Original nur von „photographie successive“ spricht. Wahrscheinlich kannte Villiers die filmischen Experimente seines Landsmanns Émile Reynaud und die Reihenbilder des Engländers Eadweard Muybridge.

Villiers starb am 18. August 1889 in Paris. Im April 1890 präsentierte der reale Thomas Edison eine echte Eva der Zukunft, eine Spielzeugpuppe mit eingebautem Phonographen. Edison’s talking doll gab gereimte Verse von sich und brachte es sogar auf das Cover des Scientific American. Das Publikum war aber weniger angetan. Experten schätzen, dass nur etwa 500 Stück verkauft wurden. Nach einem Monat stoppte Edison die Fertigung der Puppen. Inzwischen kann man sich im Internet digitale Kopien ihrer Stimmen anhören.

„Edisons Weib der Zukunft“ sowie die späteren deutschen Ausgaben „Die Eva der Zukunft“ (1984) und „Die künftige Eva“ (2004) sind heute nur im Antiquariat erhältlich. Das französische Original ist aber online und ebenso eine Bearbeitung, die 1926/27 als Serie in einer US-Zeitschrift erschien. Eine gute Einführung in englischer Spache erschien 1984 in den Science Fiction Studies. Unser Eingangsbild zeigt die Pariser Schönheit Madame X, die der Maler John Singer Sargent 1883 porträtierte

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