Die Mail, die aus dem Kreml kam

Geschrieben am 29.03.2019 von

Am Montag ist 1. April. Im Zeitalter der Fake-News haben Aprilscherze ihren Reiz verloren, doch die Witze der Vergangenheit bleiben unvergessen, besonders die aus der IT-Technik. So erreichte vor 35 Jahren eine getürkte Botschaft des sowjetischen Staatsoberhaupts Tschernenko vier Newsgroups des Internets. Berühmt wurden auch humorvolle TV-Clips von der BBC und altägyptische Sprachaufzeichnungen in Tonkrügen.     

Wer kennt noch Konstantin Tschernenko? Im Februar 1984 wurde er Generalsekretär der sowjetischen Regierungspartei KPdSU und danach der Staatschef der UdSSR. Nach nur dreizehn Monaten im Amt starb er am 10. März 1985. Zu Lebzeiten machte sich Tschernenko – so schien es jedenfalls  – als erster Politiker seines Landes im Internet bemerkbar.

Am 1. April 1984 stand in vier Newsgroups eine E-Mail von chernenko@kremvax.UUCP. Sie begann wie folgt: „Ja, heute, 840401, tritt die Sozialistische Union der Sowjetrepubliken endlich dem Netzwerk Usenet bei und sagt allen Hallo.“ Danach beschwor sie die friedliche Koexistenz, kritisierte die bösen Amerikaner und lud die Leser ein, Kommentare zu senden. Nach Angabe der Adressdaten holte der Autor den Wodka hervor, hob das Glas und schloss mit einem groß geschriebenen NA ZDAROVJE! Wohl bekomm’s!

Die Post kam weder von Konstantin Tschernenko noch aus der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Sie stammte vom Informatiker Piet Beertema. Er arbeitete in Amsterdam im Centrum Wiskunde & Informatica; wir haben es bereits unter dem alten Namen Mathematisches Zentrum im Blog kennengelernt. Die Botschaft war ein Aprilscherz, der erste im Internet. International trägt er die Bezeichnung Kremvax Hoax. VAX war eine Computerfamilie von Digital Equipment, die oft für Netzwerke eingesetzt wurde.

KPdSU-Generalsekretär Konstantin Tschernenko (Foto Dragium CC BY-SA 4.0 – das Bild wurde oben und unten beschnitten)

Aprilscherze gab es lange vor dem Internet; das deutsche Wort taucht 1717 im Druck auf. Im 19. Jahrhundert begannen Zeitungen, solche Scherze zu verbreiten, im 20. schloss sich das Fernsehen an. Legendär ist der Film der BBC vom 1. April 1957, der die Spaghetti-Ernte in der Schweiz zeigte. Man sah, dass die Nudeln auf Bäumen wachsen, ähnlich wie die Maggi-Früchte, aus denen unsere Suppenwürze gewonnen wird. Ebenso erstaunlich waren 2008 die fliegenden Pinguine. Zu diesem Aprilscherz drehte die BBC sogar ein Making of.

Auch Informatiker haben Humor, das bewies der Kremvax-Jux. Jüngere Computerscherze finden sich zuhauf auf Wikipedia. Berühmt waren einst die April-Überraschungen der Firma Sun Microsystems, die alle im Internet archiviert sind. Wenig Mühe macht der 1. April dem Mathematiker. Er nimmt einfach ein ungelöstes Problem und verkündet eine Lösung oder ein Gegenbeispiel. Ein Meister dieser Kunst war der Wissenschaftsredakteur Martin Gardner. Hier gibt es eine kleine Liste von seinen und anderen Mathe-Späßen.

Der schönste Aprilscherz ist aber der, der überhaupt nicht als Scherz erkannt wird. Ein Beispiel ist der altägyptische Tonkrug. Er besteht aus Ton und zeichnet zweitens wie ein Edisonscher Phonograph Töne auf, nämlich die Lieder, die der Töpfer beim Drehen der Töpferscheibe singt.  Gefunden wurde er mitten im Zweiten Weltkrieg von der Berliner Illustrierten „Koralle“. Das Heft 13 vom 30. März 1941 stellte dazu den Ägyptologen Lirpa vor – bitte den Namen einmal rückwärts lesen.

Der Ägyptologe Prof. Lirpa mit dem Lichttonfilm, der die Töne aus dem nebenstehenden Krug wiedergibt. Man erkennt am Krug den Tonabnehmer. (Foto Gustav Schwarz)

Professor Lirpa bemerkte, „dass der Holzgriffel, den die Töpfer zum Glätten der Tongefäße benutzten, durch den Gesang in Schwingung geriet und nach demselben Prinzip wie beim Phonographen Lied und Worte des Töpfers dem feuchten Ton in Rillen aufprägte.“ Lirpa nahm nun einen Krug der Pharaonenzeit und übertrug die gespeicherten Schwingungen auf einen normalen Lichttonstreifen. Bei der Projektion erklang, man höre und staune, der melodische Gesang des Töpfers.

Nach Kriegsende sprach sich die Geschichte herum und stand gelegentlich ohne Quelle in populären Zeitschriften. Offenbar verbreitete sie sich auch im Ausland. In den 1960er-Jahren entwickelte sich die Archäoakustik, die sich unter anderem den antiken Ton-Gefäßen widmete. Ein amerikanischer und zwei schwedische Forscher veröffentlichten 1969 und 1983 hoffnungsvolle Resultate. 2015 berichtete das Deutschlandradio unter dem Titel „Können Vasen sprechen?“. Die Idee landete auch in der Science Fiction und den X-Akten.

2006 erschien in Belgien ein Video, das Herrn Lirpa zu bestätigen schien; es entpuppte sich aber als Scherz. Im gleichen Jahr überprüfte eine Folge der amerikanischen Fernsehserie MythBusters das Phänomen und konnte es widerlegen. Die Sendung wurde 2007 auch bei uns ausgestrahlt. Damit ist sicher, dass dem französische Drucker Edouard-Léon Scott 1860 die früheste Tonaufnahme gelang. Abgespielt wurde sie erst in unserer Zeit.

Unser Eingangsfoto zeigt natürlich den Moskauer Kreml, den Arbeitsplatz von Konstantin Tschernenko. Wir bedanken uns bei Franziska Pertsch (Axel Springer Syndication GmbH) und Jan Böttger (bpk-Bildagentur) für die hilfreichen Auskünfte zu Fotorechten.

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Ein Kommentar auf “Die Mail, die aus dem Kreml kam”

  1. Ulrich Klotz sagt:

    Schöne Sammlung. Und auch wahr, heute sind ganze Bereiche im Internet ein einziger fortwährender #Aprilscherz. Nur dass diese oft gar nicht witzig sind. Leider.

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