G1 – der erste deutsche Röhrenrechner

Geschrieben am 07.06.2022 von

Vor siebzig Jahren, am 7. Juni 1952, ging in Göttingen die G1 in Dienst; sie war der erste frei programmierbare Elektronenrechner in Deutschland. Ihr Bau wurde durch Gelder aus dem Marshallplan ermöglicht. Sie enthielt 476 Röhren, 101 Relais und einen Trommelspeicher. Das Gerät des Physikers Heinz Billing bildete den Beginn einer kleinen Computerfamilie der Max-Planck-Gesellschaft.

Im November 1951 gab es kein Fernsehen, dafür berichtete die Wochenschau vom Besuch des Bundespräsidenten Theodor Heuss in Göttingen. Der Anlass war die 200-Jahr-Feier der Akademie der Wissenschaften. Ab Minute 2:20 sehen wir den Nobelpreisträger Werner Heisenberg; er leitete das Göttinger Max-Planck-Institut für Physik. Dieses besuchte Heuss ebenfalls, jedoch ohne Wochenschau-Kameras; er interessierte sich für eine Rechenanlage, die dort entwickelt wurde, die G1.

Im Januar 1951 lief schon ein elektronisches Rechengerät in Kiel. Die Sprick-Maschine half einem Lochkarten-Tabellierer bei der Multiplikation. Ihr Erbauer, der Physiker Walter Sprick, unterstützte später den jungen Heinz Nixdorf beim Start seiner Firma. Im Oktober 1951 trat der englische Röhrenrechner Nimrod in Berlin auf, wo man gegen ihn Nim spielen konnte. Beide Systeme besaßen feste Programme; dagegen sollte die neue G1 – das G stand für Göttingen – alle möglichen Probleme lösen und dies ebenfalls mit elektronischer Technik.

Die G1 entsprang der Zusammenarbeit zweier Max-Planck-Institute, des erwähnten Physik-Instituts und des 1946 gegründeten Instituts für Instrumentenkunde. Dieses besaß seit 1950 eine Arbeitsgruppe Numerische Rechenmaschinen mit dem Physiker Heinz Billing an der Spitze; wir porträtierten ihn im Blog. Sein Ansprechpartner im Max-Planck-Institut für Physik war der Astrophysiker Ludwig Biermann. Biermanns Chef Werner Heisenberg besorgte 200.000 DM für den Bau der G1 aus Mitteln des Marshallplans.

Heinz Billing kaufte einem anderem Max-Planck-Institut einen Oszillographen ab; Röhren erwarb er bei einer Sammelstelle für ehemaliges Kriegsgerät und alte Lagerbestände. Konrad Zuse unterstützte das G1-Projekt mit Relais. Für den Arbeitsspeicher griff Billing auf die von ihm entwickelte Magnettrommel zurück. Sie war 17 Zentimeter lang und hatte 8,8 Zentimeter Durchmesser; dreizehn Spuren enthielten je vier Speicherplätze zu 32 Bit. Die Ein- und Ausgabe erfolgte mit einer elektrischen Schreibmaschine und per Lochstreifen.

Heinz Billing und Konrad Zuse 1991 auf der Münchner Computermesse SYSTEMS

Die fünf Löcher im Streifen ermöglichten 32 Befehle. Die 476 Röhren und 101 Relais verteilten sich über vier Stellwände; neben den Lochstreifenstanzern und -lesern gab es ein kleines Bedienpult. Im Durchschnitt schaffte die G1 zwei bis drei Rechenoperationen pro Sekunde. Beim Göttingen-Besuch im November 1951 erlebte Theodor Heuss schon eine Addition. Im Februar 1952 führte die G1 anspruchsvollere Rechnungen aus; so zog sie etwa Wurzeln. Ende Mai 1952 gingen die Lochstreifenleser in Betrieb.

Am 4. Juni 1952 absolvierte die G1 einen umfangreichen Test. Am 6. Juni fuhr Heinz Billing zur Jahrestagung der Gesellschaft für Angewandte Mathematik und Mechanik GAMM nach Braunschweig; dort hielt er einen Vortrag über den Computer. Am 7. Juni, einem Samstag, weihte er die G1 offiziell ein; anwesend waren noch Teilnehmer der GAMM-Konferenz, die ihre Heimreise in Göttingen unterbrachen. So bekam die Bundesrepublik ihr allererstes Elektronengehirn; es war das dritte auf dem europäischen Kontinent – also außerhalb von England – nach zwei Röhrenrechnern in der Sowjetunion.

Diese Online-Broschüre bringt ab PDF-Seite 80 Informationen zu Heinz Billing und zur G1 – Achtung, dicke Datei! Der SPIEGEL feierte den Computer Mitte Juni, im Juli sprachen auch Tageszeitungen vom „Göttinger Rechenwunder“. Im September 1952 wurde die G1 im Max-Planck-Institut für Instrumentenkunde abgebaut und in dem für Physik installiert. 1958 zog sie mit dem gesamten Institut von Göttingen nach München um. Dort lief sie bis 1965 in der Universität München, danach wurde sie leider verschrottet. Das Deutsche Museum verwahrt den Trommelspeicher.

Im Januar 1955 nahm die große Schwester der G1 den Dienst auf, die G2; sie war der erste deutsche Rechner mit Speicherprogrammierung. Hier sieht man sie 1960 in München; bitte zu Minute 7:10 vorgehen. Ab 1958 entstanden drei Exemplare der G1a, ein viertes wurde in Finnland nachgebaut. Ab 1960 arbeitete in München die G3. Sie verwendete noch Röhren, aber auch einen Kernspeicher. Mit ihrem Abschalten am 9. November 1972 endete die Ära der Max-Planck-Computer. Es folgt nun eine kleine Bilderstrecke zu ihrer Geschichte.

Neuland 1951: Bundespräsident Heuss schaut sich in Göttingen erste Resultate der G1 an. Neben ihm stehen Ludwig Biermann, Otto Hahn und Werner Heisenberg. (Foto Max-Planck-Gesellschaft CC BY-NC-ND 4.0)

Die fertige G1 mit Heinz Billing; vorne sitzt der Physiker Wilhelm Hopmann. (Foto Archiv der Max-Planck-Gesellschaft CC BY 4.0 unten beschnitten)

Trommelspeicher der G1; hinter der Abdeckung links von ihm stecken Relais. Vorne ist das helle Bedienpult. (Foto Archiv der Max-Planck-Gesellschaft CC BY 4.0 seitlich beschnitten)

Die G1 mit ihren Lochstreifen-Geräten (Foto Max-Planck-Gesellschaft CC BY-NC-ND 4.0)

Die G2, Heinz Billing und sein Kollege Hermann Öhlmann am Fernschreiber (Foto Archiv der Max-Planck-Gesellschaft CC BY 4.0 rechts beschnitten)

Blick auf die G2 und ihre vergrößerte Speichertrommel. Auch das Bedienpult links wuchs an. (Foto Max-Planck-Gesellschaft CC BY-NC-ND 4.0)

Die G3 war 1960 einer der letzten Röhrenrechner. (Foto Heinz Reutersberg CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)

Die G3 mit Peripheriegeräten (Foto Heinz Reutersberg CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)

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Ein Kommentar auf “G1 – der erste deutsche Röhrenrechner”

  1. Prof. Billing gehörte auch zu der großen Delegation von Mitgliedern des GI-Arbeitskreises „Geschichte der Informationstechnik“, die auf meine Einladung hin 1993 das Computermuseums-Projekt in Paderborn besuchten und kommentierten. N. Ryska

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