Morgenröte der Taschenrechner

Geschrieben am 30.10.2020 von

Im Jahr 1967 schuf der Ingenieur Jack Kilby einen kleinen elektronischen Rechner für die vier Grundrechenarten in der Firma Texas Instruments. Er blieb ein Prototyp. 1970 kamen in Japan und in den USA Rechengeräte auf den Markt, die klein, tragbar und batteriegetrieben waren. Man konnte sie schon Taschenrechner nennen. Wir möchten sie im Folgenden vorstellen.   

Wir haben es im Blog erzählt: 1965 suchte Patrick Haggerty, der Direktor der Firma Texas Instruments, nach einer Anwendung für die wenige Jahre zuvor erfundenen integrierten Schaltungen. Die Lösung war eine elektronische Rechenmaschine mit den Maßen eines Taschenbuchs. 1967 stellte Texas-Instruments-Ingenieur Jack Kilby – er zählte auch zu den Erfindern der integrierten Schaltung – den kleinen Cal Tech fertig. Eine Serienproduktion erfolgte noch nicht.

Das geschah drei Jahre später in Japan. Im April 1970 kündigte die Firma Canon in Tokio den Pocketronic an. Er basierte auf dem TI-Prototyp von 1967 und operierte mit drei Mikrochips aus Texas. Der Rechner enthielt dreizehn Nickel-Cadmium-Zellen zur Stomversorgung  und einen Thermodrucker zur Ausgabe des Resultats. Er kam im Herbst 1970 auf den japanischen Markt; in den USA war er erst im Frühjahr 1971 erhältlich, da Texas Instruments Probleme mit der Fertigung des Druckers hatte. Der Verkaufspreis betrug knapp 400 Dollar.

Der Pocketronic konnte an jeden beliebigen Ort mitgenommen und dort eingesetzt werden, er war aber noch kein Taschenrechner im eigentlichen Sinne. In deutschen Texten finden wir für solche Geräte den Namen „Handrechner“, in englischen die Bezeichnung „hand-held calculator“. Der Canon-Rechner war nicht der erste seiner Art, denn im Frühsommer 1970 waren in Japan schon zwei Konkurrenten erhältlich, der Sanyo ICC-82D und der QT-8B  „micro Compet“ von Sharp.

Der Sanyo besaß A5-Format und eine Dicke von fünf Zentimetern. Im Inneren steckten aufladbare Batterien und Mikrochips der amerikanischen Firma General Instrument. Im Ergebnisfenster saßen Nixie-Röhren; später wurden diese durch Gasentladungs-Anzeigen ersetzt. Ab September 1970 bot das New Yorker Unternehmen Dictaphone, eine Gründung von Telefon-Pionier Alexander Graham Bell, den Sanyo ICC-82D in Lizenz an. Er war wohl der erste Handrechner, den man in den Vereinigten Staaten kaufen konnte.

So fing es an: ein maßstabgerechter Nachbau des Cal Tech von Jack Kilby im HNF

Die Ahnenreihe des Sharp QT-8B ging ins Jahr 1969 zurück und zum Vorläufer QT-8D. Er sah genauso aus, rechnete mit integrierten Schaltkreisen des US-Herstellers Rockwell und zeigte die Ziffern mit Vakuum-Fluoreszenzröhren an. Man musste ihn allerdings an das Stromnetz anschließen. Der QT-8B hatte dagegen Akkumulatoren und wurde in ein eindrucksvolles Ladegerät gesteckt. Mit den Dimensionen 24,5 mal 13,2 mal sieben Zentimetern war er etwas größer als der Canon Pocketronic.

Der Nachfolger des Sharp QT-8B erschien noch vor Jahresende 1970. Der Sharp EL-8 schrumpfte auf die Größe 16,3 mal 10 mal 6,7 Zentimeter. Wie der Vorläufer kombinierte er Multiplikation und Division in einer einzigen Taste. Beim Tastendruck ermittelte der Rechner beide Resultate und speicherte sie ab. Drückte der Benutzer anschließend die Plus-Taste, wurde das Produkt angezeigt, beim Druck auf die Minus-Taste kam der Quotient In den USA kostete der kleine Sharp 345 Dollar.

Schließen wollen wir mit dem Marchant I. Die amerikanische Büromaschinenfirma SCM alias Smith-Corona Marchant brachte ihn im Spätherbst 1970 heraus. Er besaß eine verschiebbare Tastatur-Abdeckung, die Nixie-Röhren für die Ziffern wurden mit einer Klappe geschützt. Die Chips lieferten die Firmen American Micro-systems und Texas Instruments. Das Ganze war 26 Zentimeter lang, zwölf Zentimeter breit und für 495 Dollar erhältlich. Dieser Link führt direkt zu einem Foto.

Mit den geschilderten Geräten begann ein neues Zeitalter der Rechentechnik, die Ära des Taschenrechners. Die Rechner schrumpften weiter, wurden noch flacher und erhielten LCD-Zahlen. Der SPIEGEL entdeckte den Rechenschieber der Zukunft im Mai 1972; im November beschrieb er den Boom im anlaufenden Weihnachtsgeschäft. Die schlauen Winzlinge waren ein Vorspiel der Mikrocomputer-Welle, die uns zehn Jahre später überrollte. Die Mikros sind Vergangenheit, der Taschenrechner ist geblieben. Hier sind noch einmal die Wegweiser:

Die Canon Pocketronic mit einer Rolle Thermopapier für den Output

Der Sanyo ICC- 82D kam vermutlich als erster Handrechner auf den Markt.

Der Sharp QT-8B war die Batterie-Ausgabe des QT-8D von 1969, der ein Stromkabel besaß.

Der Sharp EL-8 war der kleinste der Kleinrechner von 1970.

Der Aristo M27 aus dem Jahr 1972 gilt als erster Taschenrechner „Made in Germany“.

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