MSX – aus Japan für die Welt

Geschrieben am 26.06.2018 von

Viele Marken, ein Standard: Das war die Grundidee hinter den MSX-Computern. Sie wurden im Juni 1983 von der Firma Microsoft und einer Reihe japanischer Hersteller angekündigt. Später schloss sich auch Philips an. Das Ziel war eine Familie von 8-Bit-Rechnern mit ähnlicher Hardware und untereinander austauschbarer Software. 1984 erschienen MSX-Computer bei uns, blieben aber letztlich erfolglos.

Anfang der 1980er-Jahre gab es aus Japan Taschenrechner, Videorekorder und tragbare Tonbandgeräte, japanische Heimcomputer waren eher selten. Ältere erinnern sich vielleicht an den kantigen Sharp MZ-80K, der gegen die Commodores, Sinclairs und Ataris aber nicht ankam. Fernöstliche Automatenspiele eroberten das Universum, doch Spielprogramme für den Hausgebrach liefen auf amerikanischen und englischen Rechnern.

Kazuhiko Nishi wollte das ändern. Der 1956 in Kobe geborene Japaner gründete 1977 eine Computerzeitschrift und bald darauf die nächste. Ein zweites Standbein war Software: Hier kooperierte er mit dem nur wenig älteren Bill Gates. Der Erfolg kam 1979. In diesem Jahr erschien der NEC PC 8000, der erste japanische Heimcomputer. Nishi sorgte dafür, dass er mit der Programmiersprache BASIC von Microsoft lief. Die Zusammenarbeit zahlte sich auch beim Laptop Kyotronic 85 aus; er wurde in den USA und Europa oft nachgebaut.

1982 hatte die US-Firma Spectravideo den ergonomischen Joystick Quickshot entwickelt. Nun dachte man an einen richtigen Rechner für den 8-Bit-Markt. Fertigen sollte ihn das in Hongkong ansässige Unternehmen Bondwell. Für die Software wandte sich Spectravideo an Kazuhiko Nishi. Dem gefiel das Konzept, das ihn auf eine Idee brachte. Könnten nicht unterschiedliche Hersteller Computer bauen, die ähnliche Grundelemente enthalten und eine einheitliche Gruppe von Peripheriegeräten und Spielmodulen akzeptieren?

Kurz, wäre es nicht möglich, für Heimcomputer eine Norm zu schaffen, wie es sie bei den Videorekordern mit dem VHS-System gab? Kazuhiko Nishi schaute sich die Prozessoren und Schnittstellen des geplanten Spectravideo-Computers an und bastelte ein Modell. Damit besuchte er die führenden japanischen IT-Firmen und warb für seinen Standard. Das Echo war positiv. Im Januar 1983 zeigte Spectravideo seinen SV-318 auf der Computermesse CES in Las Vegas, im Juni folgte – siehe unten – das Modell SV-328. Im selben Monat wurde die daran angelehnte Computernorm MSX veröffentlicht.

Der Spectravideo SV-328 kam im Juni 1983 heraus und enthielt viele MSX-Merkmale.

Bis heute ist unklar, wofür das Kürzel steht. Die wahrscheinlichste Lesart lautet „Machines with Software eXchangeability“ – Geräte mit austauschbarer Software. Sicher ist, dass sich am 16. Juni 1983 Microsoft zu MSX bekannte. Am 27. Juni 1983 sagten fünfzehn japanische Unternehmen ihre Teilnahme zu: Casio, Canon, Fujitsu, Hitachi, Victor, Kyocera, Mitsubishi, NEC, Yamaha, General, Pioneer, Sanyo, Sharp, Sony und Toshiba. Später folgten Firmen aus anderen Weltteilen, so drei aus Südkorea, Philips aus den Niederlanden und natürlich Spectravideo.

Vor 35 Jahren gab es keinen MSX-Computer, aber eine Liste von Merkmalen. Ein Rechner erfüllte die Norm, wenn er einen Z80-Prozessor von Zilog, einen Grafikchip TMS9918 von Texas Instruments, eine Toneinheit AY-3-8910 von General Instrument und Mindestmengen an Speicherplatz besaß. Vorgeschrieben waren Schächte für Spielkassetten, Anschlüsse für Joysticks, einen Kassettenrekorder, für den Fernseher oder für einen Monitor sowie die Belegung von Tasten. MSX-typisch ist der Viererblock zur Steuerung des Cursors.

Jedes Mitglied der Familie erhielt außerdem eine BASIC-Sprache aus dem Hause Microsoft. Die ersten realen Computer erschienen im Herbst 1983 in Japan; bis Sommer 1984 wurden mehr als eine Viertelmillion verkauft. Bis zum Ende der Norm legten sich fünf Millionen Japaner einen MSX-Rechner zu. Nach Europa kamen sie im Juni 1984; das belegt ein Film, der anlässlich der Londoner Computermesse entstand. Man sieht darin Kazuhiko Nishi, Bill Gates und einen verständlicherweise skeptischen Clive Sinclair.

Der Sony Hit Bit erschien Ende 1984 in der Bundesrepublik (Foto Eike Sauer CC BY-SA 3.0)

Erfolgreich waren MSX-Computer in den Niederlanden, wo mit Philips ein wichtiger Projektpartner saß. Dort soll der Konzern 400.000 Stück abgesetzt haben. Ende 1984 konnten sich deutsche Kunden an MSX-Spielen erfreuen – hier sind Erinnerungen eines Zeitzeugen. 1985 erschien ein leicht abgeänderter Standard MSX-2 mit größerem Speicher und besserem Grafikchip. Ein schönes Beispiel war der Philips VG-8235 aus dem Jahr 1986, der in unserem Eingangsbild zu sehen ist (Foto Micha L. Rieser).

Für die Präsentation wählte Philips die CeBIT, die damals ihre Premiere als eigenständige Messe erlebte. Als prominenten Werbeträger fand man den achtzehnjährigen Tennisstar Boris Becker. Er hatte 1985 sensationell das Turnier von Wimbledon gewonnen und sollte den Erfolg 1986 wiederholen. In Hannover erhielt er einen VG-8235 als Geschenk, sicher ohne Kenntnis der technischen Details. In unserem Video tritt Boris bei Minute 2:35 auf. Hier ist noch ein Foto von computerbegeisterten Kindern am Philips-Messestand.

1986 begann der Abstieg von MSX. Die Computer der Familie hatten am Ende keine Chance gegen den Commodore C64; bedrängt wurden sie außerdem von 16-Bit-Rechnern wie Amiga und Atari ST. Die 8-Bit-Ära ging zuende. Es dämmerte das Zeitalter der „IBM-Kompatiblen“, die „Wintel-Welt“ mit Intel-Chips und Windows-Betriebssystemen. Im gleichen Jahr trennten sich die Wege von Kazuhiko Nishi und Bill Gates. Nishi arbeitete dann als Autor und als Dozent; wer mehr wissen will, muss Japanisch lernen. Der letzte MSX-Computer, der FS-A1 GT von Panasonic, wurde 1993 gebaut.

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2 Kommentare auf “MSX – aus Japan für die Welt”

  1. Mazze sagt:

    jeder alte msx´er weiss das es hierfür steht
    MicroSoft eXtended BASIC

    https://de.wikipedia.org/wiki/MSX

  2. Hasi sagt:

    genau so ist es. Microsoft Extended BASIC .Gruß ein Msxler der heute noch programmiert.

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