Sir James und die Roboter

Geschrieben am 15.07.2022 von

Die Künstliche Intelligenz erlebte in ihrer Geschichte Höhen und Tiefen, begeisterte Zustimmung und bissige Kritik. Vor fünfzig Jahren evaluierte der englische Mathematiker Sir James Lighthill die Forschung in jenem Fach; die Robotik sah er dabei recht skeptisch. Sein Bericht, der Lighthill-Report, führte anschließend zu Kürzungen in der staatlichen KI-Förderung. Wir haben ihn uns einmal angeschaut.

Fangen wir mit dem Namensgeber an. James Lighthill wurde am 23. Januar 1924 in Paris geboren; sein Vater war Ingenieur. Er besuchte ein Internat und studierte Mathematik in Cambridge. Ab 1946 lehrte Lighthill angewandte Mathematik an der Universität Manchester. 1959 wechselte er zu einem Luftfahrt-Forschungsinstitut in Farnborough. 1964 wurde er Professor in London und 1969 Lucasian Professor in Cambridge. Im Jahr 1971 erhielt er den Adelstitel. 1979 kehrte Sir James nach London zurück, 1989 ging er in Pension.

Lighthill war Spezialist für Berechnungen der Aerodynamik und zur Lärmentwicklung von Düsentriebwerken. Wahrscheinlich lernte er früh den Umgang mit Computern kennen. Er war hochgebildet, vielsprachig sowie ein Exzentriker. So verweigerte er öfter die Bezahlung von polizeilichen Strafzetteln; als sein Zug nicht in einem Bahnhof anhalten konnte, bat er um verlangsamte Fahrt und sprang einfach heraus. Sein Hobby war Langstreckenschwimmen im offenen Meer. Am 17. Juli 1998 starb James Lighthill an einem Herzschlag, als er die Insel Sark im Ärmelkanal umrundete.

Sir James Lighthill (Fotograf unbekannt Wikipedia Fair Use)

1972 blickte die Computerwelt auf sechzehn Jahre Künstliche Intelligenz zurück, gerechnet von der Gründungskonferenz im amerikanischen Dartmouth 1956. Die Begeisterung für das Gebiet war aber geschwunden. Schon 1965 verglich der Philosoph Hubert Dreyfus die KI mit der mittelalterlichen Alchemie. 1966 wurden in den USA eine ganze Anzahl Projekte für die Sprachübersetzung gestoppt. 1969 kritisierten die Informatiker Marvin Minsky und Seymour Papert die Forschung an Perceptrons, frühen neuronalen Netzen, in einem Buch.

Das Science Research Council SRC, das englische Gegenstück zur DFG, erhielt viele Anträge für die Förderung von KI-Projekten; es machte sich ebenfalls Gedanken um die Entwicklung des Feldes. Es hatte Zugriff auf die Fachliteratur und Kontakte zu Forschern. Der Leiter des SRC, der Atomphysiker Sir Brian Flowers, interessierte sich jedoch für die Meinung eines Außenstehenden. Das war niemand anders als Sir James Lighthill, der vermutlich Anfang 1972 mit einem Gutachten beauftragt wurde. Im Juli 1972 lieferte er es ab.

„Artificial Intelligence: A General Survey“ umfasste 22 A4-Seiten, die man hier oder hier lesen kann. Für seinen Überblick holte Lighthill Informationen bei KI-Koryphäen wie John McCarthy, Donald Michie oder Marvin Minsky ein. Er gliederte die Künstliche Intelligenz in drei Bereiche A, B und C, die er aber nicht in dieser Reihenfolge abarbeitete – da brach der Exzentriker durch. Die Geburt des Fachs setzte Sir James ins Jahr 1947. Er orientierte sich an einem Text von Alan Turing über intelligente Maschinen, der allerdings 1948 entstand.

Lighthill überschrieb Bereich A mit „Verbesserter Automation“, doch deckte er mehr oder weniger die programmierbare Künstliche Intelligenz ab. Bereich B umfasste die Robotik jenseits der Industrieroboter sowie das Schachspiel, Bereich C neuronale Netze und alles, was mit dem Gehirn zu tun hatte. Sir James erwähnte zwei konkrete Programme, Dendral und SHRDLU. Ersteres war ein Expertensystem der Stanford-Universität für die organische Chemie. SHRDLU kam vom Massachusetts Institute of Technology; es ermöglichte Dialoge über eine fiktive Bauklötzchen-Welt.

Umschlag des Lighthill-Reports mit stilisiertem „ai“ (Foto www.chilton-computing.org.uk)

Das Schlüsselwort des Gutachtens lautete „disappointment“; der Mathematiker war von den Leistungen der KI enttäuscht. Den Grund sah er in der kombinatorischen Explosion, der Vielzahl der Fälle, die ein KI-Programm beim Lösen einer Aufgabe abarbeiten musste. Für die Zukunft prophezeite Sir James Fortschritte in anwendungsorientierter Software und bei den neuronalen Netzen. Von Schachprogrammen und von der Robotik erwartete er wenig, später bezeichnete er einen zukünftigen Allzweck-Roboter als Gespenst („mirage“).

Der Lighthill-Report, wie er dann genannt wurde, erschien im Frühjahr 1973 mit einigen Kommentaren in Druck. Sir James betrachtete ihn nicht als Empfehlung an die Politik, das erwähnte Science Research Council ergriff aber die Gelegenheit und drosselte umgehend die KI-Förderung. In der Künstlichen-Intelligenz-Forschung rückten die USA an die Spitze; erst in jüngster Zeit stellte sich Konkurrenz aus China ein. Erwähnen müssen wir noch die 2010 in London gegründete Firma DeepMind, die aber seit 2014 zum Google-Imperium gehört.

Es mag unangemessen sein, nach fünfzig Jahren Lighthill zu kritisieren, aber 1972 kannte man schon das Mooresche Gesetz, und auch Nicht-KI-Experten wussten, dass Computer schneller und besser werden würden. Sir James hat den Sieg des Schachprogramms Deep Blue über Weltmeister Garri Kasparow noch erlebt. Anerkennen muss man seine positive Sicht der neuronalen Netze zu einer Zeit, als diese Forschungsrichtung als Sackgasse galt. Heute hat das maschinelle Lernen die programmierbare KI an den Rand gedrängt.

Ein technikhistorisches Nachwort: Im Juni 1973 sendete die BBC eine Diskussion über den Lighthill-Report, in der nach dem Autor drei „Halbgötter“ der KI auftraten, Donald Michie, John McCarthy und Christopher Strachey, der 1952 für einen Rechner in Manchester ein Liebesbrief-Programm schuf. Vor zehn Jahren lief es im HNF. Strachey erstellte außerdem Software für das Damespiel und für Computermusik. Im Video hört und sieht man ihn ab Minute 1:15:20. Es ist ein seltenes Filmdokument des großen englischen Informatikers.

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