Steuern, Daten und Computer: DATEV

Geschrieben am 12.02.2021 von

Ab dem 1. Januar 1968 gab es in der Bundesrepublik eine neue Abgabe an das Finanzamt: die Mehrwertsteuer. Sie ersetzte die frühere Umsatzsteuer und erforderte umfangeiche Buchungen. Westdeutsche Steuerberater schufen deshalb schon vorher eine Organisation, die Steuererklärungen mit Hilfe von Computern bearbeitete. Vor 55 Jahren, am 14. Februar 1966, wurde in Nürnberg die DATEV gegründet.

Ein kluger Mann nannte Politik einmal die Kunst, stets Gründe für neue Steuern zu finden. Manchmal können solche Gründe aber  vernünftig sein. So erregte die Umsatzsteuer nach dem Zweiten Weltkrieg – sie betrug damals vier Prozent – zunehmend Kritik. Wenn eine Ware vor dem endgültigen Verkauf mehrere Firmen durchlief, dann wurde jene Steuer immer wieder erhoben. Das war nicht nur unsinnig, sondern bevorzugte große Unternehmen, die mehrere Bearbeitungsvorgänge unter einem Dach vereinten.

Die Lösung des Problems war die Mehrwertsteuer. Sie bezog sich auf den Wertzuwachs, den die Ware bei einem Produzenten erfuhr. Das Verfahren wird hier vom SPIEGEL erklärt: Bitte die PDF-Datei des Artikels aufrufen, die eine Grafik enthält. In der Bundesrepublik wurde die neue Steuer ab dem 1. Januar 1968 erhoben; sie belief sich auf zehn Prozent. Eine Firma konnte jetzt die im Preis der Ware versteckten Steuerzahlungen nach dem Weiterverarbeiten von der eigenen Steuer absetzen. Das erforderte allerdings mehr Buchungen als früher.

Fünf der acht DATEV-Gründer 1966 vor dem Schönen Brunnen in Nürnberg. Heinz Sebiger ist der Zweite von rechts. (Foto DATEV eG)

Einige Experten sahen das voraus. Zu ihnen gehörte der 1923 in Nürnberg geborene Heinz Sebiger. Er wuchs in armen Verhältnissen auf; der Vater starb früh, und das Geld reichte nicht für das Gymnasium.  Er machte deshalb eine Lehre als Industriekaufmann. Nach Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft erwarb er mit Verspätung die Hochschulreife; anschließend studierte er. 1959 war Sebiger Diplom-Volkswirt und wurde freiberuflicher Steuerbevollmächtigter. Schon 1957 lernte er als Praktikant in der IBM die EDV kennen.

In den 1960er-Jahren verbreitete sich der Computer in der freien Wirtschaft. Heinz Sebiger sah die Möglichkeiten für die Steuerberater. Außerdem stand die Mehrwertsteuer vor der Tür, die viel Rechenarbeit verlangte. Computer oder Rechenzentren waren aber zu teuer für Einzelnutzer. Mit sieben Kollegen gründete er deshalb am 14. Februar 1966 in Nürnberg die DATEV, die Datenverarbeitungsorganisation der Steuerbevollmächtigten für die steuerberatenden Berufe in der Bundesrepublik Deutschland.

Franz Josef Strauß startet 1969 die IBM 360 im DATEV-Rechenzentrum. (Foto DATEV eG)

Die DATEV war eine Genossenschaft, die die Computerkosten auf viele Köpfe verteilte. Ein DATEV-Mitglied, also ein Steuerbevollmächtigter oder ein Steuerberater, stanzte seine Daten in einen Lochstreifen; das geschah meist mit einer Buchungsmaschine des Typs Olivetti 1731. Der Streifen wurde an ein externes Rechenzentrum geschickt und mit einem schnellen Lesegerät auf Magnetband übertragen; dieses gelangte zum Computer. Nach der Berechnung erhielt der Absender schließlich die ausgedruckten Resultate per Post.

1966 begann die DATEV mit 180 Mitgliedern. Am 31. Januar 1969 weihte sie ein eigenes Rechenzentrum in Nürnberg ein; den Startknopf drückte Finanzminister Franz Josef Strauß. Die vier IBM-Computer der Familie 360 kosteten 245.000 DM Monatsmiete. In den frühen Siebzigern ersetzte die DATEV sie durch zwei 370-Systeme. Wir sehen diese samt Peripheriegeräten in einer Wochenschau von 1973. Damals umfasste die Genossenschaft schon 9.000 Personen. Am Ende deutete der Film die künftige Datenfernübertragung an.

DATEV-Mitglieder benutzten in den ersten Jahren die Buchungsmachine Olivetti 1731. Sie gab die eingetippten Daten auch auf Lochstreifen aus.

Ab 1974 konnten DATEV-Mitglieder die Steuererklärung durch die Telefonleitung schicken. Als Erfassungsgerät diente der Computer TA 1000 von Triumph-Adler. 1975 richtete die Genossenschaft eine Datenbank zum Steuerrecht ein, die per DFÜ ansprechbar war. In den 1980er-Jahren empfahl sie den Mitgliedern den Personal Computer Olivetti M24 mit einem 16-Bit-Prozessor. Ab 1990 stand eine ISDN-Übertragung zur Verfügung. 1999 schrieb die DATEV ihre Programme auf Windows um, im Jahr 2000 ging sie ins World Wide Web.

Nach den Umsatzzahlen ist DATEV der drittgrößte deutsche Software-Anbieter hinter SAP und Microsoft. 2018 übersprang der Umsatz die Milliardengrenze. Mit DATEV-Programmen wurden jeden Monat 13,5 Millionen Lohn- und Gehaltsabrechnungen erstellt – die Angaben stammen aus Vor-Corona-Zeiten. 2020 hatte die Genossenschaft rund 8.000 Mitarbeiter, über 40.000 Mitglieder und mehr als 380.000 Kunden. Das Rechenzentrum verfügt über vier IBM-Großrechner neuerer Bauart sowie 1.510 Unix- und 7.018 Windows-Server.

Die bisherigen DATEV-Vorstandsvorsitzenden Robert Mayr (seit 2016), Heinz Sebiger (1966-1996) und Dieter Kempf (1996-2016) (Foto DATEV eG)

Seit 1996 wird die Geschichte der DATEV mit einem Ausstellungsbereich im HNF behandelt, um das Prinzip der zentralen Datenverarbeitung darzustellen. Den Bereich zeigt unser Eingangsbild. Vielleicht wegen des trockenen Themas gibt sich die Genossenschaft viel Mühe im historischen Teil ihrer Homepage. Heinz Sebiger ist 2016 verstorben; mehr über ihn und die DATEV steht in dem im gleichen Jahr erschienenen Jubiläumsbuch, das man im Netz herunterladen kann. Die Mehrwertsteuer beträgt heute übrigens 19 Prozent, nur für Waren des täglichen Bedarfs gilt ein reduzierter Satz von sieben Prozent.

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3 Kommentare auf “Steuern, Daten und Computer: DATEV”

  1. Peter Wolf sagt:

    Nach dem Studium habe ich im Rechenzentrum der Victoria Versicherung in Düsseldorf an der IBM 360 dann an der 370 gearbeitet. Zuerst als Operator, dann als Arbeitsvorbereiter. Es war sehr interessant, aber mit der Zeit wurde es immer stressiger.

  2. Ein spannendes Thema und ein toller Beitrag in der Wochenschau. Hier kann man spürbar greifen, welche Faszination die Großrechner auf die Zeitgenossen ausgeübt haben. An dieser Stelle möchte ich auf das Forschungsprojekt von Michael Homberg am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam zur Digitalisierung der Dienstleistung verweisen. Darin wird die Datev eines der Fallbeispiele sein: https://zzf-potsdam.de/de/forschung/projekte/datenarbeit-eine-geschichte-der-it-dienstleistungen-der-bundesrepublik-von-den-1950er

  3. Bleiben auch noch die DATEV Version der Olivetti Audit A5 – DES (Daten Erfassungs System) mit dem ungewöhnlichen Mostek Mk 6048 / Micro 8 Prozessor oder die 8080 basierte Olivetti BCS 2020 – DES zu erwähnen. Oder der Olivetti PC M24 als XP1050 DATEV.
    Aber auch von Triumph Adler gab es noch die 8080 basierte DATEV Version der TA 20 – DES oder den TA alpahtronic P20 PC als 1700PC…

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