Unterm Strich ist alles gut

Geschrieben am 29.09.2020 von

Vor dreißig Jahren, am 1. Oktober 1990, entstand die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG, abgekürzt SNI. Sie vereinte die Nixdorf Computer AG und den Bereich Daten- und Informationstechnik der Siemens AG. Der Fusion ging eine schwere Krise des Paderborner Herstellers voraus. Im Folgenden schildern wir die letzten Monate, in denen die Firma Nixdorf noch eigenständig war.

Es stand, wie so oft, im SPIEGEL. Im Beitrag Planspiele um Nixdorf hieß es am 30. Januar 1989: „Branchenführer Siemens würde den Konkurrenten gern übernehmen, darf aber nicht: Die Münchner wissen, daß die Berliner Kartellbehörde den Kauf nicht genehmigen würde.“ Die Meldung leitete das vielleicht dramatischste Jahr in der Geschichte der Paderbornern Computerfirma ein. Nach dem plötzlichen Tod von Heinz Nixdorf am 17. März 1986 wurde sie vom damals 47-jährigen Klaus Luft geleitet.

Die Nixdorf Computer AG (NCAG) hatte Probleme. Zwei Monate vor obiger Meldung widmete ihnen der SPIEGEL bereits einen längeren Artikel. Der Titel war ein Klaus-Luft-Zitat: „Wir müssen kämpfen wie noch nie.“ Das Magazin sprach von schlechten Nachrichten, Krisenstimmung, zurückgehenden Gewinnen und abstürzenden Aktienkursen. Eine interne Analyse hätte gezeigt: „Wenn Nixdorf so weitermacht wie bisher, dann steckt das Unternehmen spätestens in fünf Jahren nachhaltig in den roten Zahlen.“

Konkrete Zahlen für 1988 gab es am 10. April 1989. An diesem Tag trafen sich der NCAG-Aufsichtsrat in Paderborn und hörte den Bericht für das abgelaufene Geschäftsjahr. Wie Klaus Luft erläuterte, hatte das Unternehmen 5,347 Milliarden DM umgesetzt, das waren fünf Prozent mehr als 1987. Die Zahl der Mitarbeiter stieg weltweit von 29.440 auf 31.037. Der Auftragsbestand erhöhte sich um ein Prozent, die Kundenzahl wuchs um neun Prozent auf rund 90.000. Im zweiten Halbjahr 1988 entwickelte sich das Geschäft jedoch schlecht.

1984 gab es noch Grund zur Freude: Heinz Nixdorf und Gerhard Schmidt (rechts) beim Börsengang der NCAG-Aktie in Düsseldorf. Links stehen Friedrich Wilhelm Christians und Herbert Zapp von der Deutschen Bank.

Der Wettbewerb verschärfte sich, und der Geschäftsbericht bemerkte: „Die Hardwarepreise standen das ganze Jahr unter anhaltendem Druck. Der Preisverfall erreichte bei einzelnen Komponenten mehr als 20 Prozent.“ Der Jahresüberschuss belief sich nur auf 26 Millionen DM, und dazu mussten Grundstücke und Gebäude verkauft werden. Ein Jahr vorher betrug er noch 264 Millionen DM. An Dividenden zahlte Nixdorf für 1988 vier DM pro Vorzugsaktie. Ihre Inhaber hatten keinen Einfluss auf die Firmenpolitik wie die Besitzer der Stammaktien.

Am 5. Juni 1989 brachte der SPIEGEL erneut das S-Wort mit Nixdorf zusammen. Im Text hieß es: „Die einstige deutsche Computer-Hoffnung arbeitet derzeit mit hohen Verlusten, eine Wende ist nicht in Sicht. Nixdorf würde gut zu Siemens passen. Ganz vorsichtig läßt Kaske daher bei Eigentümern und Aufsichtsräten sondieren, ob ein Arrangement möglich ist.“ Gemeint war Siemens-Chef Karlheinz Kaske und mit den Eigentümern vermutlich die Familie Nixdorf.  Eine Quelle wurde SPIEGEL-üblich nicht verraten.

Weitere angebliche Interessenten nannte das Nachrichtenmagazin am 20. November: die Firmen Kienzle und Bosch sowie den amerikanischen Telekom-Riesen AT&T. Außerdem teilte es mit, dass die NCAG von Januar bis September 465 Millionen DM Verlust gemacht hätte. Am selben Tag fand in Paderborn wieder eine Aufsichtsratssitzung statt, auf der Klaus Luft seinen Posten niederlegte. Neuer Nixdorf-Chef wurde Dr. Horst Nasko. 1933 in Wien geboren, war er im Vorstand zuvor für den Bereich Telekommunikation zuständig.

Klaus Luft, 1989

Zum Verhängnis wurden Klaus Luft vor allem zwei Dinge. In seiner Amtszeit wurden 5.500 Mitarbeiter eingestellt, die meisten für den Vertrieb. Damit setzte er die Strategie von Heinz Nixdorf fort, aber zu einer Zeit, in der eher Zurückhaltung nötig gewesen wäre. Viel zu spät stoppte er die Neueinstellungen. Zweitens war 1989 bald klar, dass es keinen Gewinn und keine Dividende geben würde. Nach zwei Jahren ohne Dividende durften aber die Besitzer von Vorzugsaktien in der Hauptversammlung mitstimmen. Das galt es zu verhindern.

Die Krise der NCAG hatte, wenn überhaupt, nur wenig mit Mikrocomputern zu tun. Es stimmt, dass Heinz Nixdorf keine Zuneigung zu kleinen Rechnern empfand. Seit 1983 wurden sie jedoch in Gestalt der Nixdorf-8810-Familie angeboten. Von 1986 an brachten sie jedes Jahr einen dreistelligen Millionenbetrag herein. 1988 betrug der Verkaufserlös 349 Millionen DM und 1989 fast eine halbe Milliarde. Nur die Baureihe Nixdorf 8870 war erfolgreicher als die „Personal Workstations“.

Im Jahr 1989 verzeichnete die NCAG einen Umsatz von 5,261 Milliarden DM – also fast den Wert von 1988 – und eine Milliarde Verlust. Es kam, wie es kommen musste. Im Dezember 1989 und Januar 1990 trafen sich Abgesandte von Nixdorf und Siemens und handelten ein Zusammengehen aus. Am 8. Januar signierten Horst Nasko und Gerhard Schmidt, der Vorsitzende des NCAG-Aussichtsrats, in München die Vereinbarung. Für die Siemens AG unterschrieben die Vorstandsmitglieder Hermann Franz und Karl-Hermann Baumann.

Sein Nachfolger Dr. Horst Nasko

Bekannt wurde der Fusionsplan am 10. Januar 1990. Im Frühjahr gab das Bundeskartellamt seinen Segen. Am 11. April 1990 übernahm die Siemens AG die Mehrheit der Stammaktien der NCAG. Im August fand eine Kapitalerhöhung statt, bei der Siemens den Bereich Daten- und Informationstechnik einbrachte. Am 1. Oktober 1990 entstand so die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG SNI mit Sitz in Padeborn und München. Vorsitzender des Vorstands war Hans-Dieter Wiedig von Siemens; Horst Nasko wurde sein Stellvertreter.

In ihren letzten neun Monaten setzte die Nixdorf Computer AG noch 3,428 Milliarden DM um; die Verluste betrugen 800 Millionen DM. Am 30. September 1990 arbeiteten für das Unternehmen weltweit 25.155 Menschen; in den Standorten im Inland waren es 16.053. Unter den Siemens-Nixdorf-Fahnen waren ab dem 1. Oktober rund 50.000 Angestellte tätig. Das Logo der neuen Firma mit SIEMENS oben und NIXDORF unten führte dann zu dem spöttischen Kommentar, dass unterm Strich alles gut wäre.

Die Fabrik der NCAG am Heinz-Nixdorf-Ring gibt es noch; sie gehört dem Bankautomaten- und Kassenhersteller Diebold Nixdorf. In der ehemaligen Firmenzentale befindet sich seit 1996 das Heinz Nixdorf MuseumsForum. Die Computerproduktion von Siemens endete 2009. Horst Nasko ist noch für die einst von Heinz Nixdorf gegründeten Stiftungen tätig; Klaus Luft betreibt in Bayern ein Versandhaus für edle Geschenkartikel. Gerhard Schmidt starb am 20. Februar 2009 in Essen.

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