Vom Zeitplaner zum PDA

Geschrieben am 03.01.2020 von

Vor vierzig Jahren erschien ein neuer Computertyp. Der Taschencomputer war so groß wie ein Taschenrechner und besaß Tasten mit Buchstaben; damit gab man Programme ein. Aus dem Taschencomputer entwickelten sich der Laptop sowie eine zweite Gerätegattung, der Organizer oder Persönliche Digitale Assistent. Er ist kaum noch im Handel, doch lebt er in Gestalt des Smartphones weiter.  

Am Anfang war der Terminkalender. Das Wort ist seit dem späten 18. Jahrhundert im Deutschen belegt; zuvor kannte man schon die Schreibkalender und –almanache. Kurz nach 1900 erfand ein findiger Kanadier das Ringbuch; daraus entstand 1921 in England der moderne Zeitplaner aus Papier, oft auch Filofax genannt. Dann kam der Computer. Kluge Köpfe sahen, dass man mit ihm ebenfalls Termine planen konnte, vorausgesetzt, das Elektronengehirn passte in die Jackentasche.

Der Organiser II der Firma Psion kam 1986 heraus.

1980 war die Technik so weit. Der Pocket Computer Sharp PC-1210 maß 17,5 mal sieben Zentimeter und wog nur 170 Gramm. Andere japanische Modelle folgten, etwa von Canon, Casio und Toshiba. 1984 erschien ein britischer Taschencomputer, der Organizer der Firma Psion. Er war kürzer als der Sharp und wurde aufrecht wie ein Taschenrechner gehalten. Das Fensterchen zeigte Tage, Uhrzeiten, Zahlen und Namen an; gespeichert wurden die Daten auf kleinen Steckmodulen. Sie fassten acht oder sechzehn Kilobyte. Der Arbeitsspeicher enthielt zwei Kilobyte.

Das war nicht viel, aber der Psion gilt als der erste digitale Organizer der Welt. Der Acht-Bit-Computer kostete 99,95 Pfund; für die Speicherstecker zahlte man 12,95 bzw. 19,95 Pfund. 1986 brachte der Hersteller den Organizer II heraus. Für 82,19 Pfund gab es acht Kilobyte Arbeitsspeicher und ein zweizeiliges Display. Vom Modell wurden eine halbe Million Exemplare abgesetzt. Noch erfolgreicher war 1991 die Psion-Serie 3: sie fand anderthalb Millionen Käufer.

Palm-Gründer Jeff Hawkins etwa zur Jahrtausendwende.

1992 enthüllte Apple einen Organizer. Firmenchef John Sculley – er hatte 1985 Steve Jobs herausgedrängt – stellte auf einer Messe in Chicago den ersten MessagePad vor. Sculley nannte ihn einen persönlichen digitalen Assistenten, abgekürzt PDA, womit ihm eine technische Revolution vorschwebte. Der Computer sollte ein netzwerkfähiger Wissensnavigator sein, wie es ein Apple-Video von 1987 zeigte. Das Publikum musste sich bis zum 2. August 1993 gedulden, ehe es den neuen Rechner kaufen konnte. Der spätere MessagePad 130 ist oben im Eingangsbild zu sehen.

Der Newton, wie er in der Regel genannt wurde, war 18,4 Zentimeter hoch, 11,4 Zentimeter breit und kostete 699 Dollar. Im Inneren operierte ein 32-Bit-Prozessor der englischen Chipschmiede ARM; der Arbeitsspeicher nahm 640 Kilobyte auf. Die Vorderseite des Newton füllte ein Touchscreen mit  336 mal 240 Pixeln. Der Benutzer konnte ihn mit einem Stift antippen und außerdem Worte und Zahlen draufschreiben. Ein aus Russland stammendes Leseprogramm entzifferte und speicherte sie. So schilderte es jedenfalls die Werbung.

Der erste Palm Pilot von 1996. Buchstaben werden in das Rechteck unten im Display geschrieben; sie erscheinen dann in einer Zeile im oberen Teil.

Die Realität sah anders aus: oft deutete die Software die handschriftlichen Notizen falsch. In den ersten beiden Monaten verkaufte Apple 50.000 PDAs, doch die Leseschwäche wurde schnell publik und beschädigte das Image des Produkts. Der SPIEGEL sprach Ende 1993 von einem Megaflop. In den folgenden Newton-Versionen behob Apple die Fehler, die Krise ließ sich aber nicht mehr aufhalten. 1997 kehrte Steve Jobs ins Unternehmen zurück, 1998 stoppte er die Newton-Fertigung. Tausende wurden in einer Mülldeponie entsorgt.

Da erging es den kleinen Palm-Computern besser. Der 1957 geborene Ingenieur Jeff Hawkins hatte die Palm Incorporated 1992 im kalifornischen Sunnyvale gegründet. Ihr erster PDA, der Zoomer, erschien kurz nach dem Newton und war ein Misserfolg. Das nächste Modell, der Palm Pilot, hob ab wie eine Rakete. Ab März 1996 im Laden, wurden von ihm bis Dezember 350.000 Stück verkauft. Das lag vor allem am Handschrift-Erkennungssystem Graffiti. Der User musste die Eingabe etwas üben, doch dann funktionierte sie hervorragend. Bald beherrschte Palm den gesamten PDA-Markt.

Der Palm V von 1999. Die rechte obere Ecke zeigt an, dass der Hersteller mittlerweile zur Firma 3Com gehört.

Schon 1995 begab sich die Firma unter die Fittiche des Modem-Herstellers U. S. Robotics; ihn schluckte 1997 die 3Com Corporation. Jeff Hawkins und seine Kollegen Donna Dubinsky und Ed Colligan gründeten daraufhin die Handspring Incorporated; sie produzierte ebenfalls digitale Assistenten. Die weiteren Unternehmensgeschichten möchten wir überspringen; festzuhalten bleibt, dass PDAs allmählich durch Smartphones mit Kalender-Apps abgelöst wurden. In der Evolution des Computers gibt es eben Verlierer und Gewinner.

Jeff Hawkins und Donna Dubinsky starteten zusammen mit dem Gehirnforscher Dileep George im Jahr 2005 die Firma Numenta. Sie befasst sich mit Künstlicher Intelligenz auf neurologischer Grundlage. Die Marke Palm gehört inzwischen einem Konzern in China; er bietet winzige Palm Phones namens Pepito an. Zeitplaner mit Papierfüllung gibt es wie eh und je. Wir hoffen, dass Sie sich rechtzeitig einen Kalender für 2020 besorgten, aber das neue Jahr ist natürlich auch im Internet.

Palm Tungsten T von 2002. In jenem Jahr war die Palm Inc. eigenständig – man beachte das Logo – und an der Börse notiert.

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Ein Kommentar auf “Vom Zeitplaner zum PDA”

  1. Ray sagt:

    Der Palmpilot war mein erster PDA, es kamen noch einige Modelle, bevor das Smartphone siegte.
    Den Palmpilot hatten wir sogar mal für eine Cebit über berühmte Nokia Sliderphone 7110 an einen IBM-Mainframe angebunden und konnten Zahlendownloads für Reports demonstrieren. Damals der Hammer.

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