Was geschah mit Tron?

Geschrieben am 16.10.2018 von

Unter Hackern war Boris F. unter dem Namen Tron und als Spezialist für Chipkarten bekannt. Am 17. Oktober 1998 wurde der Berliner Informatiker zum letzten Mal lebend gesehen. Am 22. Oktober fand man seine Leiche in einer Grünanlage in Neukölln. Wie es schien, hatte sich der junge Mann erhängt. Sein Ende ist bis heute ungeklärt.

Am südlichen Stadtrand im Bezirk Neukölln liegt die Betriebswerkstatt Britz-Süd der Berliner U-Bahn. Vom oberirdischen Bahnhof biegen zwei Gleise nach Norden ab und führen in eine kleine Grünanlage. Hier verschwinden sie im Untergrund, wo die Linie U7 verläuft. Ein Zaun grenzt Schienen und Wäldchen voneinander ab.

Am Donnerstag, dem 22. Oktober 1998, machte ein Spaziergänger dort einen schrecklichen Fund. An einem Baum hing, einen Gürtel um den Hals, ein Toter. Er hatte seinen Ausweis dabei: Boris F., 26 Jahre alt, aus der Gropiusstadt, einer riesigen Neubausiedlung. Seine Mutter hatte ihn schon am Wochenende als vermisst gemeldet. Boris wohnte bei ihr und hatte nach dem Mittagessen das Haus verlassen. Als er nicht zurückkehrte, ging die Mutter zur Polizei. Die unternahm aber zunächst nichts.

Der Leichnam wurde gerichtsmedizinisch untersucht. Laut Obduktionsbericht starb Boris an Sauerstoffmangel infolge Erhängens. Spuren von Gewalteinwirkung fehlten, der junge Mann brachte sich wahrscheinlich um. Manches blieb aber rätselhaft, das Motiv der Tat, der Zeitpunkt des Todes, die Herkunft des tödlichen Gürtels. Die größte offene Frage ist: Haben die Geschehnisse vor zwanzig Jahren etwas mit der Lieblingsbeschäftigung des Verstorbenen zu tun, dem Entschlüsseln von Chipkarten für Telefone und Pay-TV?

Polizeibild von Tron (Foto www.tronland.net)

Boris F. war ein Nerd, wie es auf Neudeutsch heißt. Seine große Liebe war das Hacken; Chips interessierten ihn mehr als junge Mädchen. Tron – so nannte er sich nach dem Computermärchen aus den Disney-Studios – erhielt ein Informatik-Diplom mit Note 1, um seine Karriere sorgte er sich wenig. Nach der Lehre zum Kommunikationselektroniker und dem Studium an der Technischen Fachhochschule Berlin, der heutigen Beuth Hochschule, lehnte er vielversprechende Jobangebote ab.

Als Hacker sauste er nicht durch Netze, sondern bastelte mit Schaltkreisen und Mikrochips. Schon 1995 gerieten Tron und ein Freund mit dem Gesetz in Konflikt, als sie ein öffentliches Kartentelefon aufbrachen. Das Gericht verurteilte Boris zu zehn Monaten Gefängnis auf Bewährung. Die Anklage lautete auf Sachbeschädigung und Computerbetrug nach §263a Strafgesetzbuch. Das Corpus Delicti war ein flaches Gebilde, das ins Telefon gesteckt wurde. Die von Tron erstellte Elektronik täuschte diesem eine mit 50 DM aufgeladene Karte vor.

Die 1990er-Jahre waren nicht nur die goldene Ära der Telefonkarte, sondern ebenso die Pionierzeit des Pay-TV. Dabei wurden die Fernsehwellen zunächst codiert. Beim Empfänger liefen sie durch einen Decoder mit einem auswechselbaren Chip oder eine sogenannten Smartcard. Die Helferlein kosteten alle etwas. Sie verwandelten die hereinkommenden Signale in eine Form, die im Fernseher ein normales Bild erzeugte.

Deutscher Pay-TV-Decoder aus den 1990er-Jahren, noch für analoges Fernsehen. Vorne links ragt der weiße „Schlüssel“ mit dem Chip hervor.

Der Aufstieg des Bezahlfernsehens rief in Europa eine Szene technisch versierter und meist jüngerer Männer hervor, die sich der illegalen Entschlüsselung widmeten. Sie trafen sich per Mail, in Newsgroups oder persönlich. In jener Szene finden wir auch Tron. 1997 publizierte er in der Datenschleuder des Chaos Computer Clubs eine Anleitung, um den Decoder der deutschen Kirch-Gruppe zu überlisten – bitte zu PDF-Seite 16 gehen. Er tat es wohl nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern einfach aus Spaß am Problemlösen.

Im Herbst 1998 beschäftigte sich Tron mit dem holländischen System Irdeto, das in mehreren europäischen Ländern zum Einsatz kam. Kurz vor seinem Tod erfuhr er, dass jemand eine von ihm geschriebene Decodier-Software ins Internet gesetzt hatte. Trieb ihn das zu seiner schicksalsschweren Tat? Oder war der Suizid – um eine fantastische Theorie zu zitieren – gar keiner, sondern ein raffiniert eingefädelter Mord, weil Tron das Pay-TV-Geschäft störte? In den Neunziger wurden dort Hunderte von Millionen umgesetzt.

Ältere Informationen über Tron bewahren die Internet-Seiten von Andy Müller-Maguhn, Robert Pahl und Burkhard Schröder. Aus dem Jahr 2011 stammt ein Fernsehbericht. Unser Eingangsbild zeigt das Cryptofon, das Tron 1998 für seine Diplomarbeit baute; es handelt sich um ein ISDN-Telefon mit digitaler Sprachverschlüsselung. Das Gerät ist im Deutschen Technikmuseum in Berlin ausgestellt. Boris F. fand seine letzte Ruhestätte auf einem Friedhof in Istrien; diese Region von Kroatien ist die Heimat seines Vaters.

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