Weltausstellung mit Computer

Geschrieben am 17.04.2018 von

In der belgischen Hauptstadt Brüssel öffnete am 17. April 1958 eine Weltausstellung mit Pavillons von 48 Ländern. Sie lief bis zum 19. Oktober und zog 41 Millionen Besucher an. Im Zentrum erhob sich das 102 Meter hohe Atomium, die Darstellung eines Eisenkristalls. Man sah aber auch schon Elektronenrechner. Der Philips-Konzern präsentierte eine bahnbrechende Multimedia-Schau.

Die Weltausstellung ist eine englische Erfindung des 19. Jahrhunderts; die erste eröffneten 1851 Königin Victoria und ihr deutscher Ehemann, Prinz Albert, im Londoner Kristallpalast. Danach fanden 34 größere und kleinere Weltausstellungen auf vier Kontinenten statt, die vorerst letzte 2015 in Mailand. Außerdem betreute das Bureau International des Expositions BIE eine Anzahl Spezialausstellungen und solche für den Gartenbau.

Eine Spezial- und sechs normale Weltausstellungen richtete seit 1897 das Königreich Belgien aus. Die größte und schönste öffnete vor 60 Jahren ihre Pforten. Am 17. April 1958 startete in einem Park der Hauptstadt Brüssel die Exposition Universelle et Internationale oder auf Flämisch die Wereldtentoonstelling. Neben dem Veranstalter Belgien nahmen 47 Länder teil, darunter auch die Bundesrepublik. Die DDR war nicht dabei. Hinzu kamen internationale Organisationen und Privatfirmen sowie ein Jahrmarkt zur Entspannung.

Die Buden, Pavillons und Hallen bedeckten zwei Quadratkilometer und standen unter dem Motto „Bilanz der Welt – für eine menschlichere Welt“. Darüber glänzte das Kennzeichen der Ausstellung, das Atomium. Die 102 Meter hohe Aluminiumstruktur war innen begehbar; die oberste Kugel enthielt ein Restaurant. Wie der Name andeutete, stellte das Atomium eine Gruppe von Atomen dar, genauer gesagt, einen Ausschnitt aus einem Eisenkristall. 1958 war die Stahlindustrie noch ein bedeutender belgischer Wirtschaftszweig.

Röhrenrechner IBM 305 RAMAC – links erkennt man zwei der großen Plattenspeicher.

Zugleich symbolisierte die Konstruktion das Atomzeitalter, ein Schlagwort der 1950er-Jahre. Die USA, die UdSSR und England besaßen Kernwaffen. Viele Menschen hatten Angst vor einem zukünftigen Atomkrieg. Es wurden ebenso Hoffnungen in die friedliche Nutzung der Kernenergie gesetzt, etwa durch die Medizin oder in Kraftwerken. Der Wissenschaftsbereich der EXPO widmete dem Atom eine ganze Halle. Eine andere behandelte die Kristalle. Dort waren bereits Halbleiter, Transistoren und Kernspeicher für Computer zu sehen.

Ein funktionsfähiger Computer summte im kreisrunden Ausstellungspavillon der USA. Der Röhrenrechner vom Typ IBM 305 RAMAC gab in mehreren Sprachen Auskünfte zu einem beliebig anwählbaren Kalenderjahr. Die Informationen steckten in einem tonnenschweren Plattenspeicher und wurden auf Papierstreifen ausgedruckt. Eine frühe Form der virtuellen Realität bot das Rundum-Kino der Halle: Hier sahen die Besucher eine Produktion der Disney-Studios über die landschaftlichen Schönheiten Nordamerikas.

Gegenüber dem amerikanischen stand der russische Pavillon. Computer gab es keine, dafür aber Modelle der Sputnik-Satelliten. Zwei von ihnen flogen im Oktober und November 1957 ins All, der dritte Sputnik startete kurz nach Eröffnung der Weltausstellung am 15. Mai 1958. Wer noch Elektronengehirne suchte, fand sie 500 Meter weiter in der IBM-Halle. Im Netz erhalten ist ein Film, den sich die Besucher anschauen konnten. The Information Machine dauerte knapp zehn Minuten und stammte vom Designer-Duo Charles und Ray Eames.

Neben dem Gebäude von Mother Blue erhob sich der Rundbau der belgischen Lampen- und Röhrenfirma MBLE. Er hatte die Form einer Elektronenröhre. Die westdeutsche Sektion der Weltausstellung umfasste acht Pavillons in Glasbauweise. Ihre Texte, Bilder und Exponate stellten ein demokratisches und zugleich wirtschaftlich erfolgreiches Deutschland vor. Unter den Produkten fanden sich Schreib- und vermutlich auch Rechenmaschinen. Belegt ist eine logarithmische Rechenscheibe des Münchner Herstellers Controller.

Der revolutionäre Philips-Pavillon (Foto Wouter Hagens CC BY-SA 3.0)

Den faszinierendsten Beitrag zur Informationstechnik brachte in Brüssel die Firma Philips. Der berühmte Architekt Le Corbusier und sein Assistent Iannis Xenakis entwarfen einen Pavillon aus dünnem Stahlbeton mit 500 Stehplätzen. In seinem Inneren lief ein acht Minuten langes Elektronisches Gedicht über den Menschen und die Welt. Vier Projektoren warfen eine Serie von Schwarzweißfotos an die Wand, zusätzlich erschienen farbige Lichtfelder. Unterlegt war alles durch die Techno-Klänge des Komponisten Edgar Varèse.

Bis zum Ende der Weltausstellung – sie schloss am 19. Oktober 1958 – sahen zwei Millionen Besucher die Präsentation. Insgesamt strömten mehr als 41 Millionen zur EXPO. Nach ihrem Ende verschwanden die meisten Pavillons. Die Gebäude der Tschechoslowakei und von Österreich wurden demontiert und in Prag und Wien wiederaufgebaut, der jugoslawische Pavillon lebte als Schule in der belgischen Provinz weiter. Das Atomium blieb am Platz, ebenso leicht abgeändert der US-Pavillon. Er befindet sich aber in schlechtem Zustand.

Auf die Brüsseler Schau folgten 1962 eine Weltausstellung in Seattle und 1964/65 eine in New York; diese wurde jedoch nicht vom Bureau International des Expositions anerkannt. 1967 nahm die Bundesrepublik an der legalen EXPO in Montreal teil. Im deutschen Pavillon stand auch ein Gerät der EDV, der Zuse Z64 Graphomat. Die nächste Weltausstellung im BIE-Kalender soll vom Oktober 2020 bis April 2021 in Dubai stattfinden.

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Ein Kommentar auf “Weltausstellung mit Computer”

  1. Herbert Bruderer sagt:

    Schachautomat auf der Brüsseler Weltausstellung
    1958 wurde in der Brüsseler Hauptstadt auch die voll funktionsfähige mechanische Schachmaschine des spanischen Ingenieurs Leonardo Torres Quevedo gezeigt. Der österreichische Informatikpionier Heinz Zemanek spielte gegen den Automaten. Mehr dazu in:
    Meilensteine der Rechentechnik, Band 1
    https://www.degruyter.com/view/product/480555
    Meilensteine der Rechentechnik, Band 2
    https://www.degruyter.com/view/product/503373

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