Ein Laptop für die Welt

Geschrieben am 17.04.2020 von

Vor 35 Jahren, am 17. April 1985, stellte die japanische Firma Toshiba den Laptop T1100 in Hannover vor. Er war nicht der erste aufklappbare Computer, aber der erste, der wirklich Erfolg hatte. Bis Ende 1985 wurden schon 10.000 Stück verkauft. Heute gilt der T1100 als der Rechner, der die Allgemeinheit von der neuen Technik überzeugte.   

Es war die letzte Hannover-Messe alter Art. Die riesige Halle 1 sowie die Hallen 3, 4 und 18 belegte das Centrum der Büro- und Informationstechnik CeBIT. Vom 17. bis 24. April 1985 stürmten 357.000 Besuchern die 1.300 Stände; insgesamt fanden 872.000 Menschen den Weg zur Industrieschau. 1986 wurde aus dem CeBIT die CeBIT, die Computermesse gleichen Namens.  Jahrelang ein Erfolg und Treffpunkt der IT-Welt, schrumpfte sie – oder wurde geschrumpft – und endete 2018.

Vor 35 Jahren war die Welt noch in Ordnung, und die Besucher des CeBIT sahen sich satt. Zu den Attraktionen zählte der 16-Bit-Rechner Atari 520 ST, den der frühere Commodore-Chef Jack Tramiel ins Feld führte. Seine alte Firma zeigte den neuen Commodore 128; er sollte die Nachfolge des C64 antreten, blieb allerdings in der Acht-Bit-Welt. Auf einem riesigen Stand lockten die Siemens-PC Interessenten an. Die Bundespost eröffnete eine Datex-L-Leitung für Textnachrichten nach Amerika mit Datenraten von 2.400 und 4.800 Bit pro Sekunde.

Der T2100 von 1986. Toshiba verwendete die Zahl 2100 später auch für andere Laptops.

Auch Toshiba war in Hannover vertreten. Der Elektrokonzern aus Tokio enthüllte den T1100. Er zählte zu einer Gattung tragbarer Computer, die Laptops oder Notebooks genannt wurden. Angetrieben von einem Akkumulator, ließ er sich überall einsetzen. Der LCD-Monitor enthielt 25 Zeilen und war in der hochklappbaren Haube integriert. Im Inneren des T1100 steckte der Intel 80C88, ein 16-Bit-Prozessor, aber mit Acht-Bit-Datenleitungen. Der Arbeitsspeicher fasste 256 Kilobyte; außerdem besaß der Computer ein Laufwerk für eine 3,5-Zoll-Diskette. Festplatte hatte er keine. Der Computer ist oben im Eingangsbild zu sehen.

Der T1100 war nicht der erste Laptop auf dem Markt. Diese Ehre gebührt dem Compass 1100 der kalifornischen GRiD Systems Corporation von 1982. Sein Preis betrug aber mehr als 8.000 Dollar; der Toshiba-Computer kostete später nur 1.899 Dollar. In der Bundesrepublik gab es ihn 1985 für 6.480 DM. In Japan erschien schon 1983 der tragbare PC-5000 der Firma Sharp; sein Monitor wies jedoch nur acht Zeilen auf. Einen Überblick über amerikanische Laptops zu Beginn des Jahres 1985  liefern die Computer Chronicles.

Der Toshiba T3200SX brachte 1989 einen 386-Prozessor, ein Plasma-Display und eine Vierzig-Megabyte-Festplatte mit.

Der Vater des T1100 war Atsutoshi Nishida. Der Manager war Jahrgang 1943 und arbeitete seit 1975 für Toshiba. Er gehörte nicht zum PC-Bereich, sondern betreute das Europageschäft in Neuss nahe Düsseldorf. Die Idee für einen Laptop kam ihm 1983, als er zwei Monate bei der Unternehmensberatung McKinsey in Los Angeles verbrachte. Mit viel Mühe konnte er die Toshiba-Spitze von seinem Konzept überzeugen. Er musste aber das Projekt mit dem Geld seiner Abteilung finanzieren und versprechen, 10.000 Rechner pro Jahr abzusetzen.

Die Entwicklung des T1100 begann im April 1984; im August lag der Prototyp vor. Von Anfang an stand fest, den Rechner voll kompatibel zum IBM PC zu machen. Ein Problem stellte das Diskettenlaufwerk dar. Der Standard war 5,25 Zoll, Floppies mit dreieinhalb Zoll Durchmesser sah man selten. Nishida musste viele Klinken putzen, um die Größen der Software-Branche vom kleinen Format zu überzeugen. 1985 konnten die T1100-Käufer unter anderem die Tabellenkalkulation Lotus 1-2-3, das Datenbankprogramm dBase II und den Microsoft-Flugsimulator in den Diskettenschlitz schieben.

Der T1100 im Toshiba-Museum mit der Auszeichnung von 2013. (Foto keyaki CC BY-SA 2.0 seitlich beschnitten)

Nach der Hannover-Messe gelangte der Toshiba-Laptop bei uns in den Handel. In den USA war er im Januar 1986 erhältlich. Bis Ende 1985 hatte Nishida aber im Rest der Welt genau 9.770 Stück verkauft, seine Chefs betrachteten sein Versprechen als eingelöst. 1986 erschien das Modell T1100 Plus mit zwei Diskettenlaufwerken sowie der T3100 mit Festplatte und größerem Bildschirm. Er war allerdings auf eine Steckdose für den Strom angewiesen. 1987 folgten der zu hundert Prozent mobile T1200 und der elegante T1000.

Die Toshiba-Laptops zählen zu den Meilensteinen der IT-Technik; 2013 wurde der T1100 in die Liste des amerikanischen IEEE-Verbands aufgenommen. Atsutoshi Nishida rückte im Unternehmen nach oben. Von 2005 bis 2009 war er Toshiba-Präsident, danach saß er bis 2013 dem Aufsichtsrat vor. Anschließend verklagte ihn seine Firma wegen Betrugs. Zu einer Verurteilung kam es nie, denn Nishida starb im Dezember 2017 kurz vor seinem 74. Geburtstag. Sein T1100 steht heute im Toshiba-Technikmuseum in Kawasaki südlich von Tokio.

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4 Kommentare auf “Ein Laptop für die Welt”

  1. Schöner Artikel. Mein erster Laptop, damals der meines Vaters in den frühen 1990er-Jahren, war auch ein Toshiba.

  2. Hallo.
    Unglaublich wie die Computer in der Zwischenzeit weiterentwickelt wurden. Damals war Toshiba ein Vorreiter in dieser Technologie. Nun hinken sie etwas zurück.
    Liebe Grüße

  3. Recktenwald sagt:

    Das waren noch Zeiten. Internet mit cslipper.com und tn3780.exe auf einer superschnellen 360 kB grossen virtuellen Festplatte.

  4. Heinz sagt:

    Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie teuer die Elektronik damals war. Ein Laptop kostete mehrere tausend Mark und war damit für den Privatmann unerschwinglich. Auch hätte dieser damit viel weniger anfangen können, als mit einem heutigen Notebook. Das Display war monochrom, der Speicher auf Disketten begrenzt. Kein Video, kein Audio, kein Internet. Für textorientierte Businessanwendungen hingegen waren die Laptops eine Revolution. Nun konnte man überall, wo es eine Steckdose gab (die Akkus waren wenig leistungsfähig) mit Office-Anwendungen wie Framework, Symphony, 1-2-3, Multiplan, WordStar usw. arbeiten.

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