40 Jahre Xerox Star

Geschrieben am 27.04.2021 von

Am 27. April 1981 kündigte der Kopiererhersteller Xerox einen Computer an, den Xerox 8010 Star. Er war das erste System auf dem Markt, das eine grafische Benutzeroberfläche und eine Maus besaß. Der Xerox Star war teuer und verkaufte sich schlecht; er bildete aber das Bindeglied zwischen dem visionären System Xerox Alto und den späteren Apple-Rechnern.

1970 eröffnete die Kopiererfirma Xerox das Forschungszentrum PARC im Silicon Valley. Die Mitarbeiter dachten über die Zukunft nach und schufen unter anderem den revolutionären Minicomputer Alto. 1979 besuchte Apple-Chef Steve Jobs das Zentrum; die dort gewonnenen Erkenntnisse flossen 1982 in die Apple Lisa und zwei Jahre später in den Macintosh ein. Ihre Grundprinzipien finden wir heute in unseren Digitalrechnern.

Eine solche Erzählung ist im Prinzip korrekt, doch rückt ein Computer zu Unrecht in den Hintergrund: der Xerox 8010, auch bekannt als Xerox Star. Er entspricht dem berühmten „Missing Link“ der Evolutionstheorie, das uns mit unseren äffischen Vorfahren verknüpfen soll. Wie der Name schon sagt, war der Star ebenfalls ein Xerox-Produkt. Er entstand jedoch nicht wie der Alto im Forschungszentrum PARC, sondern in zwei anderen kalifornischen Standorten der Xerox Corporation.

Der Entwicklungsleiter des Star hieß David Liddle. Geboren wurde er 1945 als Sohn eines Ingenieurs in der Autometropole Detroit. Liddle studierte Elektrotechnik an der Universität von Michigan; anschließend arbeitete er für den Glashersteller Owens-Illinois in Toledo. Hier befasste er sich mit den neuen Plasma-Bildschirmen, die später im Netzwerk PLATO eingesetzt wurden. Daneben setzte er an der örtlichen Hochschule das Studium fort und machte seinen Doktor.

Ein Xerox 8010 Star mit einer etwas flacheren Tastatur fand den Weg ins HNF-Depot.

1972 erhielt David Liddle eine Stelle im erwähnten Forschungszentrum. Sein Arbeitsgebiet war die Gestaltung von Bürocomputern. 1975 richtete die Firma Xerox eine neue Abteilung ein, das Systems Development Department. Das SDD verteilte sich auf die Orte El Segundo bei Los Angeles und Palo Alto im Silicon Valley. Palo Alto war auch die Heimat des PARC; mehrere Mitarbeiter wechselten zum SDD, darunter Liddle. Er erhielt den Auftrag, auf der Grundlage der PARC-Forschungen einen marktfähigen Rechner zu entwickeln.

Das war der Xerox 8010 Star. Er umfasste, siehe Eingangsbild, eine Tastatur mit Maus und einen großen Monitor; dazu kam der Elektronikkasten mit Diskettenlaufwerk. Er enthielt Chips aus der Am2900-Familie von AMD und einen Speicher zwischen 384 Kilobyte und anderthalb Megabyte. Der Star besaß eine grafische Benutzeroberfläche mit Ikonen und Fenstern und ließ sich mit anderen Xerox-Systemen verknüpfen. Manche Merkmale fanden sich schon beim Alto, doch eigentlich handelte es sich um eine Parallelentwicklung.

Die Xerox Corporation gab den neuen Computer am 27. April 1981 bekannt. Die damalige Pressemitteilung nannte ihn ein persönliches Informationssystem für Geschäftsleute, das Textverarbeitung, Grafikfunktionen und Netzkommunikation verbinden würde. Der Kaufpreis betrug 16.595 Dollar. Die technikinteressierte Öffentlichkeit erlebte den Star im Mai 1981 auf einer Fachmesse in Chicago. Glaubt man den Journalisten, so war er die Hauptattraktion, und die Besucher reckten die Hälse, um ihn in Augenschein zu nehmen.

Der Monitor des Xerox Star maß 43 Zentimeter und enthielt 1024 mal 809 Pixel. (Foto Xerox Corporation)

Vor der offiziellen Präsentation konnte ein deutscher Fachmann den Xerox 8010 studieren: Heinz Nixdorf. Das geschah direkt im Xerox-Standort Palo Alto. Für den Gast aus Paderborn öffneten die Techniker die Elektronikbox, Nixdorf war von der Verarbeitungsqualität aber nicht beeindruckt. Außerdem kritisierte er das Betriebssystem. Wir verdanken den Bericht von seinem Besuch dem Xerox-Manager Paul Strassmann, der aus der Slowakei stammte. Er steht im Buch Die Computer, die niemand haben wollte auf den PDF-Seiten 136 bis 138.

Auch den Star mochten nur wenige; von allen Versionen wurden insgesamt 25.000 Stück verkauft. Im August 1981 erschien der IBM PC; er war lange nicht so innovativ wie der Xerox 8010, kostete aber gerade ein Zehntel. Der PC etablierte eine neue Computerkategorie mit kompatiblen Modellen und einer Vielzahl von Software-Anbietern. Der Apple Macintosh machte ab 1984 die grafischen Menüs und die Mausbedienung populär; damit büßte der Star seinen technischen Vorsprung endgültig ein. Auch bei seiner Vermarktung soll Xerox einige Fehler gemacht haben – hier ist eine Analyse von 1984.

Wir überlassen den Experten die Antwort auf die Frage, ob die Evolution zum heutigen Computer über den Xerox Alto, den Xerox Star oder über beide verlief. David Liddle, der Vater des Modells 8010, verließ den Hersteller im Jahr 1982. Er blieb bis zur Jahrtausendwende in der IT-Branche, seitdem betätigt er sich als Wagniskapitalgeber. Der Xerox 8010 Star in unserem Eingangsbild steht im Depot des Nationalmuseums für Amerikanische Geschichte der Smithsonian Institution in Washington, dem wir ebenso das Foto verdanken.

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Ein Kommentar auf “40 Jahre Xerox Star”

  1. Ulrich Klotz sagt:

    „Der PC etablierte eine neue Computerkategorie“ – das ist, mit Verlaub, Quatsch. Den Begriff PC (Personal Computer) gab es schon lange vorher, z.B. bei Alan Kay. Und in gewisser Weise brachte der erfolgreiche Apple II die Firma IBM erst auf diese Produktidee. Allerdings besaß IBM die Unverfrorenheit, das eigene Gerät frech als Industriestandard zu vermarkten. Das verfing bei vielen Kunden – leider. Andernfalls wäre der Menschheit viel Zeitvergeudung durch grauenhaft schlecht designte Systeme erspart geblieben …

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