Lernen mit PLATO

Geschrieben am 01.12.2020 von

Plato hieß ein Philosoph, PLATO steht für Programmed Logic for Automatic Teaching Operations. Die Programmierte Logik für den automatischen Unterricht war eines der ersten computergestützten Lehrsysteme; es nahm im Herbst 1960 in der Universität des US-Bundesstaates Illinois den Betrieb auf. In der Folgezeit entwickelte sich PLATO zu einem Netzwerk, das bereits Eigenschaften des Internet aufwies.

Ab den späten 1950er-Jahren entstanden in den USA Geräte, mit denen man etwas lernte. Meist zeigten sie kurze Texte an und stellten Fragen, zu denen die Schüler Antworten eingaben. Die Lehrmaschinen konnten einfach sein wie der Didak 501 des Psychologen Burrhus Skinner oder kompliziert wie der Autotutor des Erfinders Norman Crowder. Sie führten zur Technik der programmierten Unterweisung, auch in der Bundesrepublik. Ein Hauptvertreter war der in Paderborn tätige Pädagogik-Professor Helmar Frank.

Donald Bitzer 1971 (Courtesy of the University of Illinois Archives)

Das maschinelle Lernen beschäftigte nicht nur Pädagogen, sondern auch Ingenieure. Einer von ihnen war Donald Bitzer. Er wurde am 1. Januar 1934 in East St. Louis im US-Staat Illinois geboren. Als Junge beschäftigte er sich mit Radiobasteln und las die populären Technikmagazine. Er studierte Elektrotechnik an der Universität seines Bundesstaates in Urbana-Champaign. 1960 machte er seinen Doktor und wurde dort Assistenzprofessor im Institut für Elektro- und Computertechnik.

Kaum eingestellt, erhielt Blitzer den Auftrag für ein computergestütztes Lehrsystem, Als Computer stand ein Mainframe-Riese aus dem Jahr 1952 zur Verfügung. Der ILLIAC rechnete mit Elektronenröhren und ging noch auf Konzepte des IT-Pioniers John von Neumann zurück. Im Juni 1960 war Blitzers Entwurf für PLATO („Programmed Logic for Automatic Teaching Operations“) fertig; im November wurde der automatische Unterricht erfolgreich erprobt. In der Hochschule gehörte das Projekt zum Koordinierten Wissenschaftslabor CSL.

Groß und eindrucksvoll: Röhrenrechner ILLIAC (Foto Computer History Museum)

Die Urversion von PLATO umfasste eine gebrauchte Tastatur und ein normales Fernsehgerät. Im März 1961 fand ein Online-Test statt, über den auch die Presse berichtete. Donald Bitzer saß mit Tastatur und Fernseher dreißig Meilen vom Computer entfernt und hielt mit ihm telefonisch Kontakt. Der Lehrstoff war High-School-Mathematik und -Französisch. Im Herbst 1961 bot der Computer den ersten Kurs auf Universitätsniveau an. Inzwischen bewältigte der ILLIAC zwei Terminals gleichzeitig, ein frühes Beispiel von Time-Sharing.

Anfang 1963 ersetzte ein Transistorcomputer des Typs Control Data 1604 den ILLIAC. Das Time-Sharing wurde erweitert; 1964 war eine Kommunikation zwischen zwei Terminals möglich. 1965 erfolgte der erste Kurs exklusiv im PLATO-System, 1966 bekam es einen eigenen CDC-1604-Rechner und 1967 eine Abteilung in der Universität. 1968 wurden Plattenspeicher hinzugefügt, die das Ändern des Lehrstoffs während des Unterrichts erlaubten. 1969 konnten die Studenten in der Schulstunde auf 150 Lektionen zugreifen.

Terminal der 3. PLATO-Generation aus den 1960er-Jahren (Foto Computer History Museum)

Ein großer Sprung nach vorn geschah 1972  mit der Version PLATO IV. Die Terminals erhielten Plasma-Monitore – Donald Bitzer zählte zu den Erfindern der Technik – mit Touchscreens. Sie zeigten zudem Mikrofiches an, gaben Audio-Clips wieder und hatten Anschluss an ein Gerät zur Sprachsynthese sowie an einen Synthesizer für Musik. Diese Seite zeigt Fotos aus jener Zeit. Bitzers System wurde damals auch von Mitarbeitern des kalifornischen Forschungszentrums Xerox PARC studiert.

Zwei andere Besucher kamen aus Paderborn. Im Spätherbst 1972 unternahmen Heiko Closhen vom Geschäftsbereich Lehrsysteme der Firma Nixdorf und sein Kollege Otmar Allendorf eine Informationsreise in die USA. Am 29. November hatten die beiden in der Universität von Illinois ein Gespräch mit Donald Bitzer. Sechs Jahre später klopfte ein Fachmann aus München an, Franz Gaffal vom Bayerischen Kultusministerium. Seine Amerika-Tour beschrieben wir bereits im August 2019 in unserem Blog.

Das Plato-IV-Terminal der 1970er-Jahre wirkte klobig, bot aber schon eine Vernetzung an. (Courtesy of the University of Illinois Archives)

1978 hatte sich das System vor allem im Kommunikationsbereich weiterentwickelt. Es besaß jetzt digitale Pinnwände sowie Vorläufer von E-Mails, Newsgroups und Chat-Räumen. Unter den angebotenen Programmen waren allerlei Spiele, sogar schon ein Flugsimulator. Laut Franz Gaffals Reisebericht umfasste PLATO 5.000 Stunden Kurse für 1.100 Terminals in 140 Orten. Weltweit existierten sieben PLATO-Netze, fünf in den USA, eins im kanadischen Quebec und eins in Amsterdam. Letzteres bestand aber nur von 1977 bis 1979.

Seit 1976 wurde das System von der Control Data Corporation verwaltet, die dafür von den Nutzern Geld nahm. In den 1980er-Jahren entstanden PLATO-Programme für Mikrocomputer. Ab 1989 verschwand PLATO nach und nach aus der Computerwelt; das letzte Netz mit einem Großrechner schloss 2006. Ein Online-Nachfolger ist die Plattform Cyber1. 2010 richtete das kalifornische Computer History Museum eine Tagung Plato@50 aus, wo auch Donald Bitzer auftrat (ab Minute 25:00). Im Fernsehen war er bereits 1981 zu sehen.

PLATO-Menü im typischen Plasma-Leuchten (Foto Jason Scott CC BY-SA 3.0)

In unseren Tagen weckte PLATO als Internet-Vorläufer neues Interesse; hier und hier sind Erinnerungsseiten, und hier geht es zu einem Buch. Unser Eingangsbild oben zeigt ein Plato-V-Terminal, das ab 1977 installiert wurde; in ihm steckte bereits ein Mikroprozessor des Typs Intel 8080. Es steht im Living Computer Museum in Seattle. Das Foto nahm Jason Scott auf (CC BY 2.0 seitlich beschnitten).  We thank the University of Illinois Archives for the two photos and the permission to use them.

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Ein Kommentar auf “Lernen mit PLATO”

  1. Rainer sagt:

    Der Start des digitalen Lernens liegt also 60 Jahre zurück. So richtig weitergekommen sind wir da ja noch nicht …
    Jetzt werden iPads in einigen Bundesländern ausgegeben, doch die digitalen Lerninhalte fehlen – das Versenden von PDFs als Übungsblätter rechne ich jetzt mal nicht als Erfolg 😉

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