Auf der Straße des ersten Films

Geschrieben am 20.03.2020 von

Am 22. März 1895 sahen in Paris zweihundert Zuschauer einen Filmstreifen. Er zeigte die Belegschaft der Firma Lumière und Söhne, die in die Mittagspause geht. Gedreht wurde er drei Tage vorher von Louis Lumière. „Das Tor der Lumière-Fabrik in Lyon“ war nicht der erste Film der Welt, doch der erste, der mittels Projektor vorgeführt wurde.

Lyon, 19. März 1895. Die Arbeiterinnen und Arbeiter der Firma Lumière und Söhne machen Mittag. Sie strömen aus dem Fabriktor in der Rue Saint-Victor, um in der Nachbarschaft etwas zu essen und sich auszuruhen. Vor dem Tor steht Louis Lumière, dreißig Jahre alt und Sohn des Firmengründers Antoine Lumière. Er kurbelt an einem Kasten mit einer Linse, einer frühen Filmkamera; unser Eingangsbild zeigt den Drehort. Nach knapp vierzig Sekunden ist die Aufnahme beendet; es gibt sie heute mehrfach auf YouTube.

Vor 125 Jahren entwickelte Louis Lumière seinen Filmstreifen, danach packte er die Sachen für eine Fahrt nach Paris. Hier hielt er am 22. März einen Vortrag vor der Gesellschaft zur Förderung der nationalen Industrie. Die Firma Antoine Lumière et ses fils war bekannt und erfolgreich; ihre dreihundert Mitarbeiter fertigten Fotoplatten, Fotopapier und fotografische Chemikalien. Louis Lumière sprach über die jüngsten Fortschritte des Gewerbes und projizierte Bilder auf eine Leinwand. Am Ende kam noch sein Film.

Die Brüder Lumière 1895, links Auguste, rechts Louis.

Die zweihundert Zuschauer im Saal waren höchst angetan. Einige hatten vielleicht das Kinetoskop gesehen, das im Sommer 1894 in Paris gezeigt wurde. Das von Thomas Edison erfundene Gerät enthielt schon einen Filmstreifen aus Zelluloid, betrachten konnte ihn aber nur eine einzige Person im Stehen. Zu den Benutzern des Kinetoskops gehörte auch Antoine Lumière. Er brachte seine ältesten Söhne, Louis Lumière und den zwei Jahre älteren Bruder Auguste, zur Entwicklung eines Projektionssystems.

In den folgenden Monaten führten die Lumières den Kinematograph in Lyon, Brüssel und noch zweimal in Paris vor. Das geschah vor Fachleuten; die erste öffentliche Vorstellung fand am 28. Dezember 1895 im indischen Salon des Pariser Grand Café statt. Auf den Stühlen saßen Theaterbetreiber und Journalisten. Bei einem Franc Eintritt erlebten sie zehn Filme von maximal vierzig Sekunden Länge. Mehr Zelluloid passte nicht in die Kamera, an einen Filmschnitt dachten Louis und Auguste noch nicht.

Das Haus der Industrie am Place Saint-Germain des Prés, der Ort der ersten Filmvorführung mit Zuschauern. (Foto Sebjarod CC BY-SA 2.5)

Eröffnet wurde das Programm von den Arbeitern und Arbeiterinnen auf der Rue Saint-Victor. Der Streifen trug jetzt den Titel „Das Tor der Lumière-Fabrik in Lyon“. Die anderen neun Filme waren ebenfalls dokumentarisch. In einem Film füttert Auguste Lumière sein Töchterchen, in einem anderen hält er es ans Aquarium. Der künstlerisch beste Film ist der mit dem Gärtner. Ein Lausbub tritt auf seinen Wasserschlauch und gibt das Wasser plötzlich frei. Der Gärtner wird nass und wütend, der Junge wird bestraft.

Am ersten Tag sollen nur 33 zahlenden Zuschauer gekommen sein. Das Programm sprach sich aber herum, und Ende Januar waren alle Vorstellungen ausverkauft. Die Brüder Lumière beglückwünschten sich und machten weiter. So drehten sie den berühmten Film mit der einfahrenden Eisenbahn, den Mechanischen Metzger, das erste Science-Fiction-Werk der Kinogeschichte, und den allerersten Katzenfilm. 1896 realisierten sie schon einen Filmtrick: Eine Mauer wird abgebrochen und richtet sich durch Zauberkraft wieder auf.

Das Lumière-System: Rechts läuft ein perforierter 35-mm-Film durchs Gerät, links steht die Lampe. Ohne Lampe ließ sich der Projektor ebenso als Kamera benutzen.

Louis und Auguste Lumière zogen sich 1897 aus der aktiven Filmarbeit zurück. Ihre Firma schickte aber Kameramänner um die Welt; in Deutschland besuchten sie Dresden, Frankfurt, Görlitz, Hamburg, Kiel, Köln, München, Stuttgart und natürlich Berlin. Bis 1905 entstanden so 1.428 Streifen, die zum größten Teil erhalten sind. Die Lumières richteten außerdem im Ausland Abspielstätten ein. Die erste deutsche Kinostadt wurde Köln. Parallel zu ihren Aktivitäten entwickelte sich die globale Filmindustrie.

Auguste Lumière starb 1954, Louis Lumière sechs Jahre früher. Der Schauplatz seines ersten Films sah im Juni 1953 noch so aus wie im März 1895. Danach verfielen die Gebäude; am Ende stand nur noch der Schuppen, der im “Tor der Lumière-Fabrik in Lyon“ zu erkennen ist. Er wurde in den 1990er-Jahren restauriert und erhielt eine durchsichtige Verkleidung. In der benachbarten Villa der Familie sitzt heute das Institute Lumière. Die Rue Saint-Victor, auf die 1895 die Belegschaft strömte, heißt Rue du Premier-Film – Straße des ersten Films. Unten ist ein letzter Blick auf die Lumière-Fabrik; der Pfeil markiert den Drehort am 19. März 1895.

Lumière-Fabrik in Lyon. Der Fotograf stand auf dem nicht mehr existierenden Doppelhaus der Brüder direkt neben dem Fabrikgelände.

Erwähnen müssen wir noch Max und Emil Skladanowsky, das zweite Brüderpaar der Filmgeschichte. Sie führten am 1. November 1895 und danach Kurzfilme im Berliner Varieté Wintergarten vor. Max besuchte am Ende des Jahres auch die Lumière-Premiere im Pariser Grand Café. Das deutsche Bioscop war aber dem französischen Kinematograph technisch unterlegen. Ab 1897 widmeten sich die Skladanowskys anderen Medientechniken wie Wasserschauspielen und Daumenkinos.

 

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