Café Internet

Geschrieben am 01.07.2019 von

In den 1990er-Jahren entstand eine neue Form der Kommunikation: das Surfen im Netz, genauer gesagt, im World Wide Web. Die Computer dafür gab es in den Internetcafés; dort saßen alle, die keinen Anschluss besaßen und auch keinen Zugang am Arbeitsplatz oder in der Hochschule hatten. Das erste deutsche Internetcafé öffnete vor 25 Jahren in Fürth.

Die Stadt Fürth ist bekannt durch den Eisenbahnzug, der 1835 vom benachbarten Nürnberg dorthin fuhr, und durch ein großes Versandhaus. Es bescherte uns jedes Jahr einen dicken Katalog, 1957 außerdem den ersten deutschen Transistorrechner, das Informatik-System Quelle. 1994 folgte eine weitere Innovation: Am 1. Juli 1994 startete in der Fronmüllerstraße 120 das Falken’s Maze. Es war das erste deutsche Internetcafé.

Älter als das Falken’s Maze ist das 1993 in Helsinki gegründete CompuCafe. Schon 1991 entstand in San Francisco das SF Net. Seine Computer führten nicht ins World Wide Web, denn das war erst „under construction“. Sie erlaubten jedoch Aktivitäten in Mailboxen und das Versenden und Empfangen von E-Mails. Die Frage, wann genau man durchs Weltnetz surfen konnte, müssen wir mangels Quellen offenlassen. Der Mosaic-Browser stand jedenfalls im April 1993 zur Verfügung, der Netscape Navigator Ende 1994.

Rüdiger Pretscher versicherte uns aber, dass man mit den Computern des Falken’s Maze ins WWW hineinkonnte. Zusammen mit seinem Bruder Reinhold und seiner Schwester Angelika Hammer bildete er das Gründertrio des Cafés. Der Name stammte – im Blog haben wir es bereits 2018 erwähnt – aus dem amerikanischen Hackerfilm WarGames. Nach dem Start in der Fronmüllerstraße zog das Falken’s Maze noch zweimal um; im März 2004 wurde es geschlossen. Ein Zeitungsartikel von 1998 bringt Fotos von Machern und Nutzern.

Die Friemersheimer Dorfschenke „Zum Alten Götzinger“ im Jahr 2001.

Das zweite deutsche Netzcafé nahm in Duisburg seinen Dienst auf. Dort betrieb der 1940 geborene Galerist Hans-Joachim Wiese im Stadtteil Friemersheim eine Kneipe, die Dorfschenke. 1980 richtete er ein Kino ein. Er interessierte sich ebenso für Computer, und  am 12. Oktober 1994 schaltete er die Rechner Paprika, Tomate und Zitrone ein. Online-Zeiten wurden am Tresen bestellt. Das Geschäft lief acht Jahre; im Oktober 2004 wurde die Schenke zwangsgeräumt. Hans-Joachim Wiese starb 2007; hier und hier kann man ihn im Video sehen.

Zur Dorfschenke gibt es im Netz eine Erinnerungsseite. 2004 diente sie als Drehort des Musikfilms „Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm“ und wurde auf DVD gebrannt. Sie gehörte zur ersten Generation der Internetcafés, bei der die Gastronomie im Vordergrund stand. Ende 1995 notierte die Studentenzeitschrift UNICUM weitere Online-Stätten in Köln, Weimar, Hamburg und München. Das „Schicki-Micki-Cafe“ an der Nymphenburger Str. 145, Ecke Landshuter Allee, ist bis heute archiviert, sogar mit Fotos.

1996 erfolgte eine Gründungswelle; es bildete sich der vertraute Typ mit nebeneinander liegenden Computerplätzen heraus.  Am 2. September 1996 zählte die druckfrische ComputerBILD 41 Internetcafés in ganz Deutschland. An der Spitze lag Hamburg mit vier Adressen, gefolgt von Frankfurt am Main mit dreien. Je zwei Cafés florierten in Augsburg, Dortmund, Erlangen und Nürnberg. Wer in Paderborn surfen wollte, konnte das in der Ausstellung des HNF tun, oder er fuhr nach Soest und besuchte das Euro-Pub.

Internetcafé in Edinburgh in den 2000er-Jahren. Man beachte die Flachbildschirme.

In Berlin fand ComputerBILD nur das Virtuality Café am Adenauerplatz. Dieses begann ursprünglich als Spielplatz für Freunde der Virtuellen Realität. Computer zum Surfen boten 1996 aber auch das Deutsche Historische Museum in Berlin-Mitte und das Haus der Kulturen der Welt – die einstige Kongresshalle – am Tiergarten. Im Jahr 2003 verfügte die Hauptstadt über ein halbes Hundert Internetcafés; das sagt unsere mit hoher Wahrscheinlichkeit unvollständige Liste.

So viele gibt es 2019 nicht mehr, ausgestorben sind die Cafés aber nicht. Wir schließen mit einem Film von 1995 über die Eröffnung des Cyberia im schottischen Edinburgh und einem elegischen Artikel zum Falken’s Maze. Der SPIEGEL druckte ihn im Jahr 2000, also vier Jahre vor dem Ende. Das Eingangsbild von Ph. Nocturne (CC BY 2.0) zeigt das easyInternetCafé in New York im Jahr 2006. Wie es scheint, hat es mittlerweile wie viele andere dichtgemacht.

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