Der elektronische Rechenschieber

Geschrieben am 04.01.2022 von

Vor fünfzig Jahren gab es schon Taschenrechner; sie kamen in der Regel aus Japan und beherrschten die vier Grundrechenarten. Am 4. Januar 1972 erschien ein revolutionärer Neuzugang. Die Firma Hewlett-Packard brachte den HP-35 heraus. Er bot zum ersten Mal technisch-wissenschaftliche Funktionen an. Der HP-35 war nicht billig, er läutete aber das Ende des Rechenstabs ein.

Er galt ein Jahrhundert lang als Kennzeichen von Ingenieuren und Wissenschaftlern: der logarithmische Rechenschieber. Seine Resultate waren nur auf drei oder vier Stellen genau, doch seine Vielseitigkeit, die leichte Bedienung und der relativ geringe Preis machten ihn zum unverzichtbaren Helfer in Werkstätten, Laboren und Forschungsinstituten.

Das änderte sich am 4. Januar 1972. An diesem Tage stellte Bill Hewlett, der Präsident der kalifornischen High-Tech-Firma Hewlett-Packard, den Taschenrechner HP-35 vor. Allem Anschein nach geschah das im piekfeinen St.-Regis-Hotel in New York. Hewletts Freund und Firmen-Mitbegründer David Packard hatte mit dem Gerät nur wenig zu tun; von Januar 1969 bis Dezember 1971 arbeitete er als stellvertretender Verteidigungsminister in Washington. Bill Hewlett war außerdem der Inspirator des kleinen Rechners.

Die Idee kam ihm im März 1968 in New York. Dort führte Hewlett den Tischrechner HP 9100A dem Elektronik-Unternehmer An Wang vor, der ebenfalls solche Geräte herstellte. Wang war beeindruckt und verabschiedete sich mit den Worten: „Sie haben eine gute Maschine. Wir werden uns jetzt hinsetzen.“ Hewlett ahnte, dass die Konkurrenz ähnliche Produkte bauen würde, und er sagte zu Thomas Osborne, dem Chefentwickler des HP 9100A: „Ich denke, unser nächster Rechner muss ein Zehntel des Preises und ein Zehntel der Größe haben und zehnmal so schnell sein.“

Die beiden Leiterplättchen des HP-35 (Foto Computer History Museum)

Das war leichter gesagt als getan. Der neue Rechner sollte die mathematische Leistung des HP 9100A erbringen, tragbar sein und in die Brusttasche eines Hemds passen. Es gab noch keine Chips mit dem nötigen geringen Stromverbrauch, deshalb wurden zunächst das Design und die Tastatur entwickelt. Erst im Herbst 1970 stieß der Projektleiter David Cochran auf Halbleiter der Firma Fairchild Semiconductor; sie basierten auf der PMOS-Technik, die auch beim ersten Mikroprozessor, dem Intel 4004, verwendet wurde.

Das Entwicklerteam ging nun zur Sache; nach einem Jahr lagen funktionsfähige Prototypen des HP-35 vor. Den Namen hatte Bill Hewlett geprägt: Der fünfzehn  Zentimeter lange und acht Zentimeter breite Taschenrechner hatte 35 Tasten. Er besaß fünf Register und zeigte die Ergebnisse auf fünfzehn LED-Feldern an. Die Zahlen wurden mit 56 Bit gespeichert; das entsprach vierzehn Dezimalstellen oder bei Fließkommazahlen zehn Stellen für die Mantisse, zwei für den Exponenten und zwei für die Vorzeichen.

Die Elektronik verteilte sich über zwei Platinen; die Batterien zur Stromversorgung reichten drei Stunden, danach mussten sie gewechselt werden.  Neben den Grundrechenarten bot der HP-35 alle trigonometrischen Funktionen, die Quadratwurzel und Potenzen, den Zehner- und den natürlichen Logarithmus und die Exponentialfunktion an. Die Algorithmen dazu stammten noch vom HP 9100A. Die Eingabe erfolgte mit umgekehrter polnischer Notation. Dabei tippt man zuerst die Zahlen und anschließend die gewünschte Operation ein.

Der HP-35 kostete bei der Einführung 395 Dollar, so viel wie ein Jahr zuvor ein japanischer Taschenrechner von Busicom. Der Preis eines Rechenschiebers lag aber bei höchstens zwanzig Dollar. Die Marktanalysen fielen entsprechend skeptisch aus; man hielt einen Absatz von 50.000 Stück für möglich. Als der HP-35 auf dem Markt erschien, wurde er ein sensationeller Erfolg. Pro Monat verkaufte die Firma über 10.000 Stück, und sie musste Wartelisten anlegen. Allein der General-Electric-Konzern erwarb angeblich 20.000 Rechner.

Auf der Vorderseite der Elektronik-Platine sitzen die Chips. (Foto Computer History Museum)

Vom HP-35 und seinen Nachfolgemodellen wurden insgesamt zwanzig Millionen Exemplare gebaut. Die Konkurrenz schlief aber nicht. 1973 brachte die japanische Firma Sharp den wissenschaftlichen Taschenrechner PC-1801 heraus; er benutzte einen amerikanischen Chip und kostete nur 245 Dollar. Den SR-50 von Texas Instruments gab es 1974 bereits für 170 Dollar. Im gleichen Jahr stellte Hewlett-Packard den HP-65 vor. Er kostete stolze 795 Dollar, doch man konnte ihn mit kleinen Magnetkärtchen programmieren.

Ob Vier-Spezies- oder wissenschaftliche Modelle, die Taschenrechner wurden mit der Zeit immer billiger. Das Opfer war der logarithmische Rechenstab, der vom Markt verschwand. Der wichtigste deutsche Hersteller Dennert & Pape beendete 1976 die Produktion der Aristo-Typen; DDR-Rechenschieber hielten noch etwas länger durch. Hewlett-Packard gibt es nicht mehr in alter Form. 1999 wurde die Firma Agilent abgetrennt, 2015 erfolgte die Aufspaltung in Hewlett Packard Enterprise und HP Inc. Bill Hewlett starb 2001 im Alter von 87 Jahren.

Eine gute Einführung in den HP-35 liefert das Hewlett-Packard Journal vom Juni 1972; es enthält auch einen Leistungsvergleich von Taschenrechner und Rechenstab. Lesenswert ist ebenso der Bericht von Projektleiter David Cochran. Wer online die 35 HP-Tasten drücken möchte, findet sie hier. Im SPIEGEL wurde der HP-35 im Mai 1972 vorgestellt; damals kostete er 1.987 DM. Im November des Jahres beschrieben der SPIEGEL und die ZEIT die hiesige Taschenrechner-Szene. Bitte beachten: Zu jener Zeit bestanden Chips noch aus „Silikon“.

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3 Kommentare auf “Der elektronische Rechenschieber”

  1. Schon die Römer hatten Taschenrechner. Leider sind nur drei Originale erhalten, ein viertes aus Elfenbein wird gesucht:
    Original Roman Pocket Calculators are Extremely Rare | blog@CACM | Communications of the ACM.

    Mit römischen Zahlen zu rechnen ist mühsam, es gab zudem keine Ziffer Null. Die Handhabung des römischen Abakus ist hingegen einfach, man kann auch die Null darstellen. Das römische Zahlensystem wurde wahrscheinlich nur für die Darstellung der Ergebnisse, nicht aber fürs Rechnen verwendet.

    Mit chinesischen, japanischen und russischen Rechenbrettern sind alle vier Grundrechenarten möglich.

  2. Erhard Anthes sagt:

    Ein tolles Jubiläum! Nur 10 Jahre brauchte die Entwicklung vom ersten elektronischen Tischrechner (1962 Anita von Sumlock) bis zum ersten ETR mit den wesentlichen transzendenten Funktionen; und das ist schon 50 Jahre wieder her. Die Entwicklung ist weiter gegangen, aber beim ETR war der Sprung zum HP 35 wohl einmalig.

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