In der Garage fing es an

Geschrieben am 01.01.2019 von

Bill Hewlett und David Packard studierten in den 1930er-Jahren Elektrotechnik an der Stanford-Universität in Kalifornien. Sie waren enge Freunde und beschlossen, eine Firma aufzubauen. Vor achtzig Jahren, am 1. Januar 1939, gründeten sie die Hewlett-Packard Company, kurz HP. Sie gilt als die Keimzelle des Silicon Valley. Ab 1966 fertigte HP auch Computer und später Taschenrechner.

Sie ist wohl die einzige Garage mit eigener Wikipedia-Seite. Das historische Denkmal Nr. 976 steht hinter einem Haus an der Addison Avenue in Palo Alto/Kalifornien, der Heimat der Stanford-Universität. 1938 richteten zwei junge Ingenieure in der Garage eine Werkstatt ein. Daraus entwickelte sich eine der bekanntesten High-Tech-Firmen der Welt, die Hewlett-Packard Company.

Bill Hewlett wurde 1913 in Ann Arbor im US-Staat Michigan geboren, er wuchs aber in San Francisco auf. Sein Vater lehrte Medizin an der Universität. Der ein Jahr ältere David Packard war der Sohn eines Rechtsanwalts; er kam aus Pueblo im Bundesstaat Colorado. 1930 begannen beide ein Studium in Stanford. Packard hatte sich auf die Elektrotechnik festgelegt, Hewlett schwankte noch zwischen diesem Gebiet und der Medizin. Schließlich entschied er sich ebenfalls für das technische Fach.

Die zwei besuchten oft dieselben Kurse, vor allem beim jungen Professor Fred Terman. Er befasste sich mit Elektronik und Funktechnik; außerdem ermutigte er seine Studenten, Unternehmen zu gründen. Hewlett und Packard waren neugierig, ehrgeizig und liebten tagelange Touren in der Wildnis. Bald waren sie die dicke Freunde und überlegten, was sie nach Abschluss des Studiums gemeinsam anpacken könnten. Doch zunächst trennten sich ihre Wege. 1935 erhielt David Packard einen Job bei General Electric im Osten der USA.

David Packard (links mit Rechenschieber) und Bill Hewlett in ihrer Garage

1938 nahm er unbezahlten Urlaub und fuhr nach Palo Alto zurück. Hier machte er den Master in Elektrotechnik und arbeitete zugleich in einem Forschungsprojekt. Darüber hinaus baute er mit Bill Hewlett ein Unternehmen auf. Hewlett hatte 1936 den Master am Massachusetts Institute of Technology erworben, ging aber ebenfalls wieder nach Stanford. Schon 1937 skizzierten die Freunde einen provisorischen Geschäftsplan; die gemeinsame Firma erhielt den Namen Engineering Service Company.

Im Sommer 1938 bezog David Packard die erwähnte Adresse in der Addison Avenue; Bill Hewlett wohnte im Gartenhaus daneben. Die Garage diente als Werkstatt. Zu Beginn nahmen die zwei jeden Auftrag an, den sie kriegen konnten, von der Teleskopsteuerung bis zu einem Anzeigengerät für Bowlingbahnen. Die laufenden Kosten bestritt Packards junge Ehefrau Lucille; sie verdiente etwas Geld im Archiv der Stanford-Universität. Daneben erledigte sie die Sekretariatsarbeiten für die beiden Ingenieure.

Im Herbst stellte Hewlett einen von ihm erfundenen Tongenerator fertig. Das Modell 200A war das erste serienmäßige Produkt der Firma; es kostete 54,40 Dollar. Die Walt-Disney-Studios äußerten Interesse, verlangten aber Änderungen. Schließlich kauften sie acht Stück der verbesserten Version 200B zum Stückpreis von 71,50 Dollar. Am 1. Januar 1939, einem Sonntag, formalisierten Bill Hewlett und David Packard ihre Partnerschaft und schufen die Hewlett-Packard Company, kurz HP. Die Reihenfolge der Namen entschied ein Münzwurf.

Als zweites Produkt bot HP ein Messgerät für Tonfrequenzen an. Das erste Geschäftsjahr endete mit einem Umsatz von 5.369 Dollar und 1.563 Dollar Gewinn. 1940 bezog die Firma ein größeres Gebäude, stellte Leute ein und setzte 34.396 Dollar um. Nach Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg diente Bill Hewlett als Fernmeldeoffizier. Der Betrieb ging unter Leitung von David Packard weiter; 1942 lagen die Einnahmen bei über einer halben Million. 1943 fertigte man die ersten Geräte für den Mikrowellen-Bereich.

David Packard (links) und Bill Hewlett um 1980. Tatsächlich war Dave einen Kopf größer als Bill. (Foto: Hewlett-Packard Company)

Ende 1945 kehrte Bill Hewlett aus der Armee zurück. Im Frieden gingen die Verkäufe zurück, in den späten 1940er-Jahren begann jedoch ein Aufwärtstrend. Am 18. August 1947 wurde HP zur GmbH und David Packard ihr Chef. Am 6. November 1957 ging die Firma an die Börse, 1958 verdiente sie 30 Millionen Dollar. 1959 eröffnete HP eine Produktion in Böblingen, zunächst als Untermieter in einer Textilfabrik. 1961 bezog HP Deutschland ein eigenes Gebäude. 1962 gehörte Hewlett-Packard zu den 500 größten Unternehmen der USA.

Die wichtigsten HP-Erzeugnisse blieben viele Jahre elektronische Mess- und Testgeräte einschließlich Frequenzzähler und Oszilloskope. Hier eroberte sich die Firma die führende Position im Markt. 1966 brachte sie mit dem HP 2116A einen Minicomputer im 16-Bit-Bereich heraus. 1968 erschien der revolutionäre Tischrechner HP 9100A, 1972 der wissenschaftliche Taschenrechner HP-35. Der HP-65 von 1974 ließ sich sogar programmieren. Rechnen konnte auch die Digitaluhr HP-01, sie war aber nur von 1977 bis 1979 erhältlich.

1977 wagte sich Hewlett-Packard mit dem HP 9845A in den Markt der Mikrocomputer. 1980 kam der kleine HP-85. Einen Überblick über die gesamte IT-Palette liefert das HP Computer Museum. In den 1980er-Jahren entwickelte Hewlett-Packard preisgünstige Tintenstrahl- und Laserdrucker. 1999 trennte das Unternehmen den Instrumentenbereich ab; daraus entstand die Firma Agilent Technologies. Im Jahr 2002 übernahm HP in einer nicht unumstrittenen Aktion den PC-Hersteller Compaq.

Der HP-35 war nicht der erste, aber 1972 der beste Taschenrechner. Er kostete 2.000 DM. (Foto: Jan Braun, HNF)

Damals lebten die Gründer nicht mehr. David Packard starb 1996 in Stanford. Nach Jahren an der Spitze der Firma war er von 1969 bis 1971 stellvertretender Verteidigungsminister der USA. Bill Hewlett leitete HP von 1968 bis 1977. Er starb 2001 in Palo Alto. Im Oktober 2007 überschritt der Umsatz die 100-Milliarden-Dollar-Schwelle: HP war der größte IT-Hersteller der Welt. Danach rutschte die Firma in die Krise und wurde aufgeteilt. Seit 2015 gibt es eine HP Incorporated für Privatkunden und eine Hewlett Packard Enterprise für Unternehmen.

Nicht vergessen sollten wir aber die Beiträge, die Hewlett-Packard zur Betriebswirtschaft leisteten. 1967 führte HP Deutschland die Gleitzeit ein, die von der Mutterfirma übernommen wurde. Die HP-Methode des kollegialen Umgangs von Managern und Mitarbeitern bildete die Grundlage für die Silicon-Valley-Kultur. Lange vor den Google-Gründern Sergey Brin und Larry Page sahen sich Bill Hewlett und David Packard als „die Guten“, die nicht allein an die Umsatzrendite, sondern zuerst an die Kunden dachten.

Im Herbst 2017 fielen Archivalien von HP einem der vielen kalifornischen Buschbrände zum Opfer. Zum Glück wurde der Großteil schon vorher im Rahmen eines historischen Projekts ausgelagert. Darüber hinaus existieren ein Online-Archiv und ein virtuelles Museum. Das Schlusswort überlassen wir dem bekanntesten HP-Veteranen, der später selbst eine nicht unbedeutende Firma gründete. Es findet sich hier. Thank you, Steve Wozniak !

Aus aktuellem Anlass noch ein trauriger Nachtrag: Am 2. Weihnachtstag, kurz nach seinem 81. Geburtstag, starb in Kalifornien der Ingenieur und Informatiker Larry Roberts. Er gilt allgemein als der Vater des ARPANET; aus diesem entwickelte sich bekantlich das uns allen vertraute Internet. Leider kann Roberts nicht mehr den 50. Geburtstag des ARPANET feiern, der im Oktober ansteht. Wir werden dann im Blog ausführlicher auf sein Werk eingehen.

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Ein Kommentar auf “In der Garage fing es an”

  1. Es hätte mich ja gewundert, wenn nicht zumindest die Garage Steve Jobs eine eigene Wikipedia-Seite hätte: https://fr.wikipedia.org/wiki/Garage_Apple

    Frohes Neues Jahr und ich bin gespannt auf viele weitere kleine Geschichte aus der Digitalgeschichte hier im Blog. Für Larry Roberts empfehle ich einen Blick in Schmitt, Martin: Internet im Kalten Krieg: eine Vorgeschichte des globalen Kommunikationsnetzes, Bielefeld: transcript 2016 (Histoire, Band 102), S. 90, 122 ff.

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