Der Schachtürke aus Italien

Geschrieben am 17.07.2015 von

Zu den bekanntesten Objekten des Heinz Nixdorf MuseumsForums zählt der Nachbau des Schachtürken, den im 18. Jahrhundert der österreichische Adelige Wolfgang von Kempelen erfand. Weniger bekannt ist, dass ein italienischer Ingenieur in den 1790er Jahren eine freie Kopie schuf, die wohl ähnlich funktionierte, nämlich so, dass ein im Inneren versteckter Mann Arm und Greifhand bediente.

Auf der Internetseite der Universitätsbibliothek Bielefeld fanden wir einen Augenzeugenbericht zum Schachtürken Nr. 2, der im Jahr 1800 in der deutschen Zeitschrift „London und Paris“ erschien. Da die Kunst, Fraktur zu lesen, langsam ausstirbt, haben wir den anonymen Bericht transkribiert. Der Schauplatz der Handlung ist Paris, die Erläuterungen in den Klammern sind von uns:

„Morosi, ein hierhergeflüchteter Italiener, läßt um 30 Sols [Sou, franz. Münze] ein Automat sehen, welches Schach und auf der Dame spielt. Er versichert, ein noch künstlicheres in Florenz für den Großherzog gemacht zu haben, welches 25tausend Franken gekostet habe und in dem dortigen Kunstkabinett befindlich war. Bei jenem, sagt er, war viel Metall angebracht, daher die Maschine besser und länger geht, statt daß die hiesige, die er in Eile, und um sich ein Erwerbmittel zu verschaffen, verfertigt hatte, nur aus Holz gemacht ist.

Die Schachspielende Figur stellt einen Türken vor, der an einem Tisch sitzt, auf dem das Schachbrett befestigt ist. Um den Tisch her ist eine Gallerie, so daß das Automat und die mit ihm spielende Person von den Zuschauern abgesondert sind. Morosi benachrichtigt den Mitspieler, daß er bei jedem Zug mit der Schachfigur stark auf das Feld, welches ein wenig dem Druck nachgiebt, drucken müsse. Macht dieser einen falschen Zug, der gegen die Regeln des Spiels ist, so schüttelt der Türke mit dem Kopf und setzt den falschgezogenen Stein wieder an seine Stelle; wird noch ein falscher Zug gemacht, so fährt er mit Arm über das Schachbrett hin und wirft alle Figuren um, und hiermit hat eine solche Parthie ein Ende.

Die Bewegungen des Türken sind sehr langsam, weit langsamer als die des berühmten Schachspielers des Herrn v. Kempelen, so daß eine Parthie meist außerordentlich lange währt, und viele Parthien sich damit endigen, daß sich der Mitspiele ennuyirt [langweilt] und etliche falsche Züge macht. Der Türke hat immer den ersten Zug; wenn sein Gegner gezogen hat, so ist eine ziemliche Pause; sodann hört man ein Rollen, wie das einer Schlaguhr, ehe sie schlägt; der Arm des Türken hebt sich perpendikulär [senkrecht] in die Höhe; macht dann eine horizontale oft noch zickzackförmige Bewegung, bleibt endlich über der Figur, die er zu nehmen hat, still, fährt auf sie herab, schließt die Finger und faßt die Figur, macht alsdann die nemliche langsame Bewegung rückwärts, um die genommene Figur beiseite zu schaffen; eine zweite Bewegung dient sodann seinen Zug zu machen.

Morosi macht aus der ganzen Sache wenig Geheimniß; er steht immer mit einem Carton neben den Spielern; auf diesem Carton ist das ganze Spiel wiederhohlt, und er folgt sorgfältig allen Zügen der beiden Spieler, die er jedesmal auf dem kleinen Schachbrett, welches er in der Hand hat, wiederhohlt. Von Zeit zu Zeit greift er unter den Tisch und zieht das Uhrwerk auf, aber nicht immer an demselben Platz, sondern bald hier bald dort, statt daß Hr. v. Kempelen ganz unbefangen in dem Zimmer herumzugehen schien, und nur von Zeit zu Zeit in eine Schachtel sah, aber nie seinen Schachspieler anrührte.

Morosi gab uns nach geendigter Parthie manche Erläuterungen. Er sagte, alles bestehe blos aus combinirten und zuvor berechneten Zügen, daher müsse das Automat den ersten Zug haben, um den Gegner zu bestimmten Zügen zu verleiten. Oft nöthigt ein Zug des Gegners die erste Combination zu verlassen und eine neue zu befolgen; daher muß alsdann Morosi seinem Automat zu Hülfe kommen, und gleichsam ein neues Register oder Uhrwerk aufziehen; er hob auch den Teppich, der auf allen Seiten am Tisch herunterhängt, in die Höhe, und zeigt die Theile der Maschinen, die hier verborgen sind. Der Schachspieler, den er in Florenz verfertigt hatte, braucht seiner Versicherung nach weniger äußere Beihülfe, indem die Maschinen dort besser und complicirter sind, so daß aus einer Combination ohne Anstand in die andere übergegangen werden kann. Er verspricht sogar in der Folge den ganzen von ihm angewandten Mechanismus in einem eigenen Werke zu beschreiben.

Er erzählte selbst, daß sein Türke schon mehrmahls die Parthie verlohren habe, wenn er einen geschickten Gegner gefunden, der die vorausberechneten Combinationen geschickt zu eludiren [vermeiden] wußte.

Mir scheint diese Art, eine solche Maschine sehen zu lassen, weit interessanter, als wenn man das Ding zu Charlatansmäßig treibt. Am interessantesten müßte es freilich seyn, wenn er seine Beschreibung herausgäbe und man den ganzen Mechanismus deutlich vor Augen sähe.“

Soweit der Pressebericht von 1800. Der Herr ohne Vornamen ist der 1772 in Ripafratta bei Lucca geborene und 1840 in der Nähe dieser Stadt verstorbene Giuseppe Morosi, der eine wichtige Rolle beim Aufbau der Textilindustrie Norditaliens spielte. Im Internet gibt es eine italienische Biographie von ihm, sein Nachlass liegt in Florenz. Über seinen Schachtürken haben wir keine weiteren Details gefunden; das Foto zeigt den Schachautomaten des HNF (Foto: Jan Braun, HNF).

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