Die Mutter aller Präsentationen

Geschrieben am 27.11.2018 von

Ein Forschungszentrum zur Intelligenzverstärkung: Dieser Vortrag stand am 9. Dezember 1968 im Programm einer Informatik-Tagung in San Francisco. Sprecher war der Ingenieur Douglas Engelbart. In hundert Minuten gab er einen Blick in die Zukunft des Computers, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Das Referat ging als „Mutter alles Demos“ in die Geschichte ein.

Von 1951 bis 1987 waren die Joint Computer Conferences die wichtigsten amerikanischen Tagungen zu den Fortschritten der Informatik. Bis 1972 fanden sie zweimal jährlich im Frühjahr und Spätherbst statt, danach einmal pro Jahr. Veranstalter waren die Fachverbände der Computerwissenschaftler, Elektroingenieure und Radioexperten. Die Orte wechselten zwischen dem Westen und dem Osten der USA.

In der zweiten Dezemberwoche 1968 traf sich die Computer-Elite in San Francisco. Die Stadthalle, das heutige Bill-Graham-Auditorium, war vom 9. bis 11. Dezember Schauplatz der Herbsttagung. Am Nachmittag des ersten Tages stand ein Vortrag von Dr. Douglas Engelbart im Programm. Engelbart kam vom Stanford-Forschungsinstitut im kalifornischen Menlo Park und sprach über „a research center for augmenting human intellect“. Was man am besten mit Forschungszentrum für Intelligenzverstärkung übersetzt.

Das Stanford-Forschungszentrum war 1968 mit der gleichnamigen Universität verbunden und betrieb Drittmittel-Projekte.

Die Ankündigung erwähnte ein computerbasierten und interaktives Display-System mit mehreren Konsolen, dazu die Sponsoren des Projekts und das Ziel, die Verbesserung der Denkfähigkeit. Wer sich um 15.45 Uhr im großen Saal der Stadthalle einfand, sah vorn eine riesige Projektionswand und rechts auf der Bühne den Referenten. Er saß hinter einem auf dem Boden aufgebauten Fernseher und hatte ein Mikrofon vor der Nase und ein Pult auf dem Schoß. Wer genau hinschaute, erkannte in der Mitte die Tastatur.

Douglas Engelbart wurde am 30. Januar 1925 in Portland im US-Bundesstaat Oregon geboren. Beim Militärdienst in der Marine las er 1945 den Aufsatz Wie wir denken könnten von Vannevar Bush. Sein Thema war der Memex, ein vielseitiger Bild- und Textspeicher mit Hypertext-Funktion. Die Ideen von Bush faszinierten Engelbart, worauf er Elektrotechnik in Oregon und in Kalifornien studierte. 1955 promovierte er an der Universität Berkeley; dort wirkte er auch bei der Entwicklung des Elektronenrechners CALDIC mit.

Maus aus den späten 1960er-Jahren: bei seiner Demo verwendete Engelbart ein ähnliches Modell. (Foto Computer History Museum)

Ab 1957 arbeitete Engelbart im Stanford-Forschungsinstitut – heute SRI International – in Menlo Park südöstlich von San Francisco. Hier baute er seine Konzepte für den intelligenten Einsatz von Computern weiter aus; 1962 verfasste er darüber eine Studie. In jenem Institut gründete er mit Staatsgeldern das Augmentation Research Center ARC. Es brachte das NLS oder oN-Line System hervor. Die öffentliche Vorstellung des Systems geschah am 9. Dezember 1968 auf der erwähnten Veranstaltung.

Auf der Bühne in San Francisco war Douglas Engelbart nur der sichtbare Knoten eines größeren Netzwerks. Sein Pult stand in Verbindung mit dem ARC in Menlo Park und einem Computer des Typs SDS 940. Er besaß schon Grafikfähigkeiten und zeigte Großbuchstaben und Linien auf einem Bildschirm an. Die Daten liefen über zwei Telefonleitungen; eingesetzt wurden Modems mit 1.200 Bit pro Sekunde. Mikrowellenstrecken übertrugen Aufnahmen der an beiden Orten befindlichen Fernsehkameras. Zwei waren auf Douglas Engelbart gerichtet.

Auf der Akkord-Tastatur gab man 31 Zeichen durch unterschiedliche Tastenkombinationen ein. (Foto Computer History Museum)

Die verschiedenen Quellen führte der Ingenieur William English in Menlo Park zu einer einheitlichen Szene zusammen. Diese erschien in San Francisco im Saal. Den Beamer gab es noch nicht, dafür aber den Eidophor, eine Schweizer Erfindung aus dem Jahr 1939. In ihm wird das Fernsehbild einem dünnen Ölfilm aufgeprägt, den eine starke Lampe anstrahlt. Eine spezielle Optik verwandelt die wechselnden Höhen der Ölschicht in schwarzweiße Kontraste und projiziert das Ausgangsbild auf die Leinwand.

Zu sehen war eine dialogorientierte und vernetzte Computerwelt, sprich diejenige von heute. Engelbart presste die Ideen eines Jahrzehnts in eine hundert Minuten lange Präsentation, die später als „Mutter aller Demos“ gerühmt wurde. Mit bereits vorhandener Technik schilderte er Textverarbeitung und Hyperlinks, Verknüpfung von Text und Grafik, Desktop-Publishing, Gruppenarbeit und Videokonferenz, neuartige Betriebssysteme und Programmiersprachen und das für 1969 geplante Computernetzwerk ARPANET.

William English mit einem Eingabe-Pult, wie es Douglas Engelbart benutzte. (Foto SRI International CC BY-SA 3.0)

Im Hardware-Teil der Präsentation führte Engelbart die von ihm erfundene Computermaus vor. Die tausend Informatiker und Ingenieure im Saal sahen in der Eidophor-Projektion, dass das Vor und Zurück der Maus zu analogen Bewegungen eines Bildschirmsymbols führte. Wie die Leser des Blogs wissen, gab es damals schon ein deutsches Pendant, die Rollkugel von Telefunken. Ihre Existenz hatte sich aber nicht bis nach Kalifornien herumgesprochen. Außer der Maus zeigte Engelbart noch die ingeniöse Akkord-Tastatur.

Am Schluss bedankte sich Douglas Engelbart bei den Mitgliedern seines Teams – einige waren in der Präsentation aufgetreten – und bei seiner im Saal sitzenden Familie. Danach gab es eine stehende Ovation; einige Zuschauer waren so begeistert, dass sie sich bei Engelbart bewarben. Die Auswirkung auf die Informatik zog sich aber hin. Manche Ideen flossen in das Forschungszentrums PARC ein, das die Firma Xerox in Kalifornien startete. In die normale Computerwelt gelangten Mäuse und grafische Menüs in den 1980er-Jahren.

Douglas Engelbart 2008 mit dem Urmodell der Maus. (Foto SRI International CC BY-SA 3.0)

Douglas Engelbart setzte seine Arbeiten an neuen Computerkonzepten fort, der ganz große Schwung fehlte aber. 1976 musste er sein Büro im Stanford-Forschungsinstitut räumen. Von 1978 bis 1986 war er für die IT-Firma Tymshare tätig. 1988 machte er sich selbstständig, sein Institut existiert noch heute. 1997 erhielt er den Turing-Preis. 2008 konnte er zusammen mit vielen Kollegen den 40. Jahrestag der „Mutter aller Demos“ feiern. Am 2. Juli 2013 ist Douglas Engelbart in seinem kalifornischen Wohnort Atherton gestorben.

Seine Demo ist im Video und in kommentierten Abschnitten erhalten; ebenfalls online liegt eine wortwörtliche Transkription vor. Der 50. Geburtstag in zwölf Tagen wird schon hier und da begangen, weitere Artikel im Netz und im Druck sind zu erwarten. Schöne Fotografien von Douglas Engelbart am 9. Dezember 1968 fanden wir leider keine, unser Eingangsbild zeigt ihn aber einige Tage vorher beim Training für die Präsentation (Foto SRI International).

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