Gene Amdahl – der Meister der Kompatiblen

Geschrieben am 20.10.2020 von

Was ist besser als ein teurer Computer? Einer, der das gleiche leistet und weniger kostet. Noch besser ist ein Computer, der außerdem die Programme der alten Maschine versteht. Das war die Geschäftsidee von Gene Amdahl. Vor fünfzig Jahren gründete er eine Firma, die zu IBM-Computern kompatible Rechner baute. Er hatte auch Kontakt zu Heinz Nixdorf. 

Als Gene Amdahl am 16. November 1922 im US-Bundesstaat South Dakota geboren wurde, hatte der väterliche Bauernhof noch keinen elektrischen Strom. Die Technik beschränkte sich auf Auto und Traktor und vielleicht ein Radiogerät. Der kleine Gene besuchte im nächsten Ort die einklassige Grundschule und später etwas weiter weg ein Internat. Das Studium wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen, in dem Amdahl Elektronik lernte; anschließend gab er selbst Kurse.

1948 erhielt er den Bachelor für technische Physik am College von South Dakota. Danach studierte Amdahl im Bundesstaat Wisconsin theoretische Physik, denn er wollte hinter die Geheimnisse des Universums kommen. Vor einem Leben in der Studierstube bewahrte ihn die Entdeckung der neu erfundenen Elektronenrechner. Für seine Promotion im Jahr 1952 entwickelte er ein Gerät mit 700 Röhren und einem Trommelspeicher. Der „Wisconsin Integrally Synchronized Computer“ oder WISC wurde 1954 fertiggestellt.

Gene Amdahl in den 1970er-Jahren vor dem Computer WISC

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Amdahl schon für die IBM. Die Firma hatte ihn gleich nach der Promotion engagiert; sein Schreibtisch stand im Entwicklungslabor in Poughkeepsie im US-Bundesstaat New York. Dort befasste sich Gene Amdahl vor allem mit dem Computer IBM 704. Ihre Vorläuferin, die IBM 701, haben wir im Blog kennengelernt. Ende 1955 verabschiedete sich Amdahl von Big Blue und zog nach Kalifornien. Hier war er für zwei neue Technologiefirmen tätig. 1960 kehrte er wieder zur IBM zurück.

Nun wirkte Amdahl beim Milliardenprojekt der IBM-360-Familie mit. Er war Chefarchitekt des Systems, das ab 1965 an die Kunden kam und den Hersteller zum Weltmarktführer in der Rechentechnik machte. Als Lohn für seine Verdienste wurde er zum „IBM-Fellow“ ernannt. In den späten 1960er-Jahren leitete Amdahl das IBM-Labor im kalifornischen Menlo Park; es sollte einen Hochleistungsrechner schaffen. Im Mai 1969 wurde das Projekt jedoch beendet und das Labor geschlossen. Im September 1970 verließ Gene Amdahl die IBM ein zweites Mal und nun für immer.

Großrechner Amdahl 470 V/6 von 1975

Einen Monat später, am 19. Oktober, gründete er im kalifornischen Sunnyvale die Amdahl Corporation. Sie bestand zunächst nur aus Amdahl, dem Finanzexperten Ray Williams und zwei Sekretärinnen. Es kamen dann Leute von drei Start-up-Firmen aus der Nachbarschaft hinzu, die Bankrott gegangen waren; unter ihnen waren auch Ex-Mitarbeiter des erwähnten IBM-Labors. 1970 erlebten die USA eine Wirtschaftskrise, und Geldgeber machten sich rar. Amdahl konnte gerade einmal zwei Millionen Dollar sammeln. Er brauchte 44 Millionen.

1971 beteiligte sich der japanische Technologiekonzern Fujitsu mit fünf Millionen Dollar, 1972 folgte Heinz Nixdorf mit sechs Millionen. Er hielt bereits 50 Prozent an der neu geschaffenen Telefunken Computer GmbH, die den Großrechner TR 440 baute; die Amdahl Corporation passte in seine Pläne für künftige Mainframes. Der Einstieg von Fujitsu und Nixdorf lockte weitere Investoren an, und Geld kam in die Kasse. Gene Amdahl konnte endlich mit der Entwicklung und Fertigung seines Computers beginnen.

Der Amdahl 580 kam ab 1980 heraus. (Foto Computer History Museum)

1975 wurde der erste Amdahl 470 V/6 ausgeliefert. Der Computer war steckerkompatibel zur IBM 370: er rechnete mit dafür geschriebenen Programmen und ließ sich an die gleiche Peripherie anschließen. Der Amdahl war doppelt so schnell und zehn Prozent billiger als das äquivalente Modell der IBM-370-Serie. Das lag unter anderem an der Luftkühlung und den leistungsfähigen integrierten Schaltungen. Bis zum Frühjahr 1977 verkaufte Amdahl fünfzig Systeme; im ganzen Jahr nahm die Firma 321 Milionen Dollar ein und machte 48 Millionen Dollar Gewinn.

1977 kündigte Big Blue die superschnelle IBM 3033 an. Amdahl antwortete 1978 mit dem noch schnelleren und nur wenig teureren Computer 470 V/7. Von ihm wurden binnen eines Jahres rund hundert Stück abgesetzt. 1979 zog sich Gene Amdahl aus seinem Unternehmen zurück. Heinz Nixdorf hatte seinen Anteil bereits 1977 mit Gewinn an der Börse verkauft, wo die Amdahl Corporation seit 1976 gelistet war. Grund für den Rückzug war der dominierende Einfluss von Fujitsu. Nixdorfs Großrechnerträume waren mehr oder weniger ausgeträumt.

Gene Amdahl 1983 mit dem Trilogy-Superchip

1980 gründete Amdahl, jetzt mit reichlich Investorengeld, eine neue Firma namens Trilogy. Sie sollte Computerchips mit zweieinhalb Zoll Seitenlänge herstellen – das sind mehr als sechs Zentimeter. Aus jener Zeit stammt ein Video mit ihm. Das Chip-Projekt scheiterte auf ganzer Linie. Amdahls nächste Firma Andor ging 1995 pleite. Sein letztes Unternehmen hieß 1995 Commercial Data Servers; es beendete 1999 die Hardware-Produktion und wurde zu einer reinen Software-Firma.

Die Amdahl Corporation hatte nach dem Weggang des Gründers schlechte und gute Jahre; so machte sie 1988 und 1989 jeweils zwei Milliarden Dollar Umsatz. 1997 wurde sie aber von Fujitsu geschluckt. Gene Amdahl starb am 10. November 2015 kurz vor seinem 93. Geburtstag. Gültig ist noch das nach ihm benannte Gesetz über die Grenzen der Parallelverarbeitung. Außerdem gibt es die prächtigen Rinder auf der Amdahl-Farm in South Dakota, die seinen Verwandten gehört. Man kann Geld eben auch anders verdienen als mit Computern.

Das Eingangsbild oben zeigt einen Amdahl-Netzwerkrechner aus den frühen 1980er-Jahren (Foto Autopilot CC BY-SA 3.0 seitlich beschnitten).

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3 Kommentare auf “Gene Amdahl – der Meister der Kompatiblen”

  1. Peter Wolf sagt:

    Nach dem Studium der Nachrichtentechnik bin ich zu einer Versicherung nach Düsseldorf gegangen und habe dort mit einer IBM 360 als Operator gearbeitet. Abgelöst wurde die IBM 360 durch verschiedene Modelle der 370er Reihe.

  2. Ein großer Vorteil von IBM war ja die Dienstleistung rund um den Computer, vom technischen Service über Schulungen bis hin zur Betriebsanalyse und der Integration der Hardware in die Betriebsprozesse. Deswegen konnte IBM ja so hohe Preise abrufen. Nicht nur wegen der Hardware. Ist bekannt, wie Amdahl heranging? Haben Sie hier mit Dritten zusammen gearbeitet?

    1. HNF sagt:

      Hier liegen die Amdahl-Dokumente, da steht noch mehr drin: http://bitsavers.org/pdf/amdahl/brochures/

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