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Happy Birthday, Bundesnachrichtendienst!

Geschrieben am 30.03.2026 von

Jedes Land, das etwas auf sich hält, unterhält eine Agentur für die Spionage. Der Dienst von Deutschland feiert am 1. April den siebzigsten Jahrestag seiner Gründung. Er arbeitete nach Kriegsende zunächst unter Aufsicht der US-Armee und der CIA. Ab 1947 saß er in Pullach bei München. 2019 eröffnete der BND eine neue Zentrale in Berlin.

„Der 31. März 1956 war ein kalter, grauer Tag. Man konnte noch Spuren des letzten Schnees erkennen, der allmählich an der Mauer wegtaute, die den Innenhof einfasste… Ich hatte den Eindruck, wohl der Einzige gewesen zu sein, der das letztmalige Niederholen der Stars and Stripes und der Bundesdienstflagge, das tägliche Ritual in Nikolaus über Jahre, miterlebt hatte.“

Das schrieb der ehemalige CIA-Beamte James Critchfield im Buch „Auftrag Pullach“, das 2005 in Hamburg erschien; das Original „Partners at the Creation“ kam 2003 in den USA heraus. Critchfield war Kontrolleur der Organisation Gehlen, des deutsch-amerikanischen Geheimdienstes, der in der Gemeinde Pullach südlich von München arbeitete. Er bezog seine Büros in einer leer stehenden NS-Siedlung am 6. Dezember 1947, dem Nikolaustag. Dadurch erwarb der Standort den Spitznamen Camp Nikolaus oder einfach Nikolaus.

Ab 1. April 1956, einem Sonntag, hatte die Bundesrepublik eine staatliche Stelle, die Freund und Feind im Ausland und gelegentlich auch die SPD ausspionierte – dazu später mehr. Der Bundesnachrichtendienst oder BND war der dritte westdeutsche Geheimdienst; im Köln saß seit 1950 das Bundesamt für Verfassungsschutz, der spätere Militärische Abschirmdienst MAD existierte seit Januar 1956 als Unterabteilung im Bundesministerium für Verteidigung in Bonn. In der DDR wurde 1950 das Ministerium für Staatssicherheit gegründet.

Zu neuen Ufern: Reinhard Gehlen im Jahr 1945

Die Geschichte des BND begann zwei Wochen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am bayerischen Schliersee. Dort ergab sich am 22. Mai 1945 Generalmajor Reinhard Gehlen den vorrückenden US-Truppen, denen er sein Archiv anbot. Der am 3. April 1902 in Erfurt geborene Artillerieoffizier, ein Vetter des Philosophen Arnold Gehlen, hatte seit Mai 1942 im Generalstab der deutschen Wehrmacht die Abteilung Fremde Heere Ost geleitet. Sie wertete Informationen über die sowjetischen Truppen an der Ostfront aus und versuchte, ihre Angriffe vorherzusagen.

Nach einer Weile begriffen die Amerikaner Gehlens Bedeutung. Sie brachten ihn zur weiteren Abschöpfung in ein Kriegsgefangenenlager in Virginia. Im Juni 1946 bezog er eine Adresse im hessischen Oberursel. Hier betrieb die US-Armee den Mini-Nachrichtendienst „Operation Rusty“; sein Chef Hermann Baun hatte in der deutschen Abwehr unter Admiral Canaris gedient. In der Folgezeit gelang es Gehlen, Baun an den Rand zu drängen und sich selbst als Anführer zu installieren. Am 1. Juli 1949 übernahm der Geheimdienst CIA die „Organisation Gehlen“ und ihre mittlerweile 280 Mitarbeiter.

Dazu kamen Hunderte von Informanten, viele davon in der DDR. Im Juni 1953 waren nahezu viertausend Menschen in und für Pullach tätig. Die Staatssicherheit ließ das nicht ruhen; im Dezember des Jahres fand vor dem obersten DDR-Gericht ein groß angelegter Prozess statt. Im September 1955 verurteilte das Gericht zwei Angeklagte wegen Spionage für Reinhard Gehlen zum Tode. Zu den Taten seiner Organisation ist eine Dokumentensammlung online, die die Ereignisse des 17. Juli 1953 und ihre Vorgeschichte behandelt.

BND-Präsidentenvilla in Pullach (Foto Olaf Kosinsky CC BY-SA 3.0 DE seitlich beschnitten)

Im Frühjahr 1955 erlangte die Bundesrepublik durch die Pariser Verträge die Souveränität in der Außenpolitik. Am 28. März 1955 schickte Bundeskanzler Konrad Adenauer an seine Minister eine „Aufzeichnung“ zur Übernahme der Pullacher Agentur. Sie steht in einer BND-Broschüre von 2014 auf PDF-Seite 43, die ersten Punkte lauten: „1. Es wird eine Dienststelle ‚Bundesnachrichtendienst‘ eingerichtet. Sie ist dem Bundeskanzleramt angegliedert. 2. Die ‚Organisation Gehlen‘ wird nach näherer Weisung des Bundeskanzlers in den ‚Bundesnachrichtendinst‘ überführt.“

Am 11. Juli 1955 billigte die gesamte Regierung das Konzept. Im Protokoll findet sich nur die Angabe: „Nach eingehender Erörterung beschließt das Bundeskabinett gemäß Vorlage.“ Die Gründung unseres Geheimdienstes geschah also streng geheim. Am 19. Dezember 1956 sprach sich das Kabinett noch für die Ernennung von Reinhard Gehlen zum BND-Präsidenten aus. Er amtierte bis zum 30. April 1968, sein Nachfolger wurde General Gerhard Wessel. Der Herr der toten Briefkästen, wie der SPIEGEL einst Gehlen nannte, starb am 8. Juni 1979 in Berg am Starnberger See.

Trotz der CIA-Aufsicht kamen Ex-Nazis in Pullach unter oder wirkten nach der Gründung für den BND. Einen krassen Fall erläutert diese Schrift. Auch der bekannteste Maulwurf im BND hatte eine NS-Vergangenheit: Heinz Felfe arbeitete im Reichssicherheitshauptamt der SS. Das hielt die Stasi nicht davon ab, den 1969 in die DDR gelangten Doppelagenten im Video zu ehren; die CIA-Unterlagen zu Felfe liegen hier. Ein späterer Verratsfall verbindet sich mit dem Namen Gabriele Gast. Bis heute halten sich Spekulationen über den 1983 verstorbenen Abwehr- und BND-Angehörigen Oscar Reile.

Das BND-UFO parkt im neuen Hauptquartier in Berlin (Foto Bundesnachrichtendienst)

Die Lektüre deutscher Geheimdienst-Akten ist harte Arbeit. Die zahlreichen Papiere der CIA zur BND-Geschichte kann man hierhier und hier studieren, dieser Link führt zu Reinhold Gehlens Memoiren und dieser zur Biografie der Amerikanerin Mary Ellen Reese von 1990. Wer sich im Internet Archive anmeldet, findet dort die SPIEGEL-Serie Pullach intern aus den frühen 1970er-Jahren. Die BND-Akten im Bundesarchiv öffnen sich teilweise, wenn man in das Suchsystem das Kürzel „BND“ einträgt und sich durch die Untergruppen wühlt.

Ab 2011 ließ der BND einige Historiker in sein eigenes Archiv. Die Veröffentlichungen der Unabhängigen Historikerkommission sind hier aufgereiht, aber leider nicht online. Band 14 schildert die eigentlich verbotene Inlandsspionage des Dienstes in der Ära Adenauer, die vor allem der SPD galt. Eine Kurzfassung bietet die Friedrich-Ebert-Stiftung im Netz an. Zum letzten Mal Schlagzeilen machte der BND 2020 in der Rubikon-Affäre. Damals kam heraus, dass er jahrzehntelang Zugriff auf Nachrichten hatte, die mit Chiffriergeräten der Schweizer Crypto AG verschlüsselt wurden.

Der jetzige Präsident des Bundesnachrichtendienstes, der 1964 geborene Martin Jäger, ist von der Affäre nicht betroffen, da er sein Amt erst 2025 antrat. Wer dem BND am 1. April zum siebzigsten Gründungstag gratulieren möchte, kann das im Berliner Besucherzentrum tun, das wir im Blog erwähnten. In der Nähe, vor der 2019 bezogenen BND-Zentrale, entstand unser Eingangsbild; wir wissen aus sicherer Quelle, dass hinter der Stellenanzeige ein Krypto-Rätsel steckt. Vielleicht kennt ein Leser oder eine Leserin eine Lösung? Freunde von Computerspielen dürfen sich an den BND-Legenden versuchen.

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