
Heinz Nixdorf und die Kienzle Apparate GmbH
Geschrieben am 18.03.2025 von HNF
Heinz Nixdorfs erste Firma war das 1952 gegründete Labor für Impulstechnik LfI, das ab 1957 in Paderborn saß. Dort entwickelte es Elektronik für Lochkarten-Maschinen und die sogenannte Mittleren Datentechnik. Ab 1963 standen Nixdorf und die Kienzle Apparate GmbH in Villingen in Kontakt; das LfI lieferte Bauteile für Kienzle-Computer. Zu einer vertieften Zusammenarbeit kam es nicht.
Die Mittlere Datentechnik, abgekürzt MDT, umfasste kleinere Elektronenrechner, die in den 1960er- und 1970er-Jahren in Deutschland, Italien und den Niederlanden entstanden und Büroaufgaben lösten. Von der Leistung lagen sie zwischen den Buchungsautomaten und den richtigen Computern; oft besaßen sie eine integrierte Schreibmaschine und einen Einzug für Karten mit Magnetstreifen, die Magnetkonten. MDT-Anlagen wurden in der Regel von einer einzigen Person bedient.
Heinz Nixdorf lernte die Technik kennen, als seine erste Firma, das Labor für Impulstechnik, die Kölner Exacta Buchungsmaschinen GmbH belieferte. Ab 1959 war ein Exacta-Produkt, die Continental 6000 Multitronic, mit einer transistorbasierten Multiplizier-Einheit aus Paderborn erhältlich. Zur selben Zeit entwickelte ein Unternehmen in Villingen/Schwarzwald eine vergleichbare Anlage.
Die Kienzle Apparate GmbH wurde im Jahr 1928 gegründet. Sie war ein Ableger der Kienzle-Uhrenfabriken in Schwenningen und bot vor allem Fahrtenschreiber an. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die Firma auch Bürotechnik her. 1950 zeigte sie auf der Hannover-Messe eine Saldiermaschine, es folgten Buchungsautomaten und 1960 ein elektronisches System. Unser Eingangsbild zeigt eine alphanumerische Buchungsmaschine aus den frühen 1950er-Jahren. 1951 arbeiteten in Villingen mehr als tausend Menschen für Kienzle, 1959 waren es doppelt so viele.
Auf der Hannover-Messe 1963 kam es zum Kontakt zwischen der Kienzle Apparate GmbH und dem Labor für Impulstechnik; es schlossen sich Gespräche in Paderborn an. Am 22. November 1963 besuchte Heinz Nixdorf die Firmenspitze in Villingen, zwei Wochen später machte der technische Geschäftsführer Richard Ernst zusammen mit einigen Kollegen den Gegenbesuch. Es kristallisierte sich ein Entwurf für einen MDT-Rechner namens Kienzle 800 heraus. Anfang 1964 versprach Heinz Nixdorf den Prototyp für den Frühsommer und ab 1965 dreihundert Elektronik-Bausätze pro Jahr.
Auf der Hannover-Messe 1964 bot Nixdorf der Firma Kienzle das Labor für Impulstechnik zum Kauf an. Im Juni reduzierte er allerdings die Offerte auf eine Beteiligung. Kienzle bestellte nun eine erste Serie der Kienzle-800-Elektronik und zahlte 450.000 DM an. Im Januar 1965 schlugen die Schwarzwälder einen Erwerb von 49 Prozent des Labors für Impulstechnik vor; Nixdorf sollte einen Anteil von 49 Prozent an einer gemeinsamen Vertriebsgesellschaft erhalten. Daraufhin verlangte Heinz Nixdorf fünfzehn Prozent von der Kienzle Apparate GmbH, womit die Gespräche über eine gemeinsame Zukunft endeten.
Eine Hannover-Messe später zeigten die Wanderer-Werke, die Nachfolger der Exacta GmbH, den MDT-Rechner Logatronic mit Schaltkreisen vom Labor für Impulstechnik. Elektronik aus Paderborn steckte ebenso im neuen Bürocomputer Ruf-Prätor aus Karlsruhe. Die Beziehung zwischen Heinz Nixdorf und der Kienzle Apparate GmbH lief jedoch weiter. 1966 erschienen die ersten Modelle der 800-Familie, bis 1972 wurden davon 2.800 Stück abgesetzt. In den späten 1960er-Jahren brachte Kienzle als Eigenentwicklung den Magnetkonten-Computer Kienzle 6000 heraus, der sich hervorragend verkaufte.

Fakturier- und Abrechnungsapparat Kienzle 2000 aus dem Jahr 1975 (Foto Deutsches Museum/Andreas Kaufmann CC BY-SA 4.0 seitlich beschnitten)
Wie die Leser und Leserinnen unseres Blogs wissen, zahlte sich die Kooperation mit Exacta alias Wanderer für Heinz Nixdorf aus. 1968 erwarb er das Unternehmen und machte aus ihm die Nixdorf Computer AG. Die Kienzle Apparate GmbH erlebte zwei gute Jahrzehnte, zunächst eigenständig und in den Achtzigern als Mannesmann Kienzle GmbH. Unter den Herstellern von Bürocomputern belegte sie stets einen Platz in der Spitzengruppe. 1991 landete sie in den Armen der Digital Equipment Corporation und verschwand nach und nach. 2001 erfolgte die finale Insolvenz.
Wer sich für die Kienzle-Geschichte interessiert, findet hier, hier und hier noch Material; dieser Link führt zu einem Buch über Buchungsmaschinen. Das ist eine Publikation zur Mittleren Datentechnik in englischer Sprache, an der auch HNF-Experte Dr. Christian Berg mitwirkte. Wir schließen mit einer schicksalhaften Begegnung. Im Hause Kienzle traf Heinz Nixdorf den 25 Jahre alten Klaus Luft, der ab 1967 für ihn in Paderborn tätig war und rasant aufstieg. Luft übernahm nach Nixdorfs Tod 1986 die Leitung der Firma; allerdings ohne Fortune. Die Business-Götter erlauben sich manchmal ihre Scherze.