Konrad Zuse und die Textverarbeitung

Geschrieben am 10.01.2020 von

1938 vollendete Konrad Zuse in der elterlichen Wohnung in Berlin einen mechanischen Digitalrechner mit Programmsteuerung; er wurde später Z1 genannt. Er funktionierte nur schlecht, wies aber den Weg zur Z3, dem ersten Computer der Welt. 1938 skizzierte Zuse außerdem ein „Nachrichtengerät“, das Schriftsätze speicherte und kombinierte. Es war, jedenfalls auf dem Papier, die erste Textverarbeitung.    

Vor einem Jahr stellten wir im Blog das Buch Moderne Büro-Maschinen vor; es erschien Anfang 1930 in Zürich und in Frankfurt am Main. Das Werk besprach Rechen-, Schreib- und Buchungsmaschinen sowie Kopier- und Adressiergeräte. Diese verwendeten Schablonen oder Druckplatten, mit denen man eine Anschrift auf Briefe und Briefumschläge setzte.

Damit war die Textverarbeitung abgehakt, wobei es den Ausdruck  1930 natürlich noch nicht gab. 1938 machte sich aber ein junger Mann Gedanken über jene Technik; er hieß Konrad Zuse. Der Computerpionier hatte gerade seinen ersten programmierbaren Digitalrechner fertiggestellt; er befand sich in der Wohnung seiner Eltern in Berlin-Kreuzberg. Das später Z1 genannte Gerät enthielt Tausende von Blechen und Stiften und arbeitete rein mechanisch. Die meiste Zeit stand es jedoch still, da sich irgendwo Einzelteile verklemmten.

Das hielt Zuse nicht davon ab, über eine Weiterentwicklung nachzudenken. Seine Ideen tippte er am 12. März 1938 auf zwei A4-Seiten; sie liegen im Archiv des Deutschen Museums. Sie erscheinen am Ende unseres Blogbeitrags und im Konrad Zuse Internet Archive nach Eingabe des Suchworts Nachrichtengeräte – so lautet der Titel von Zuses Papier. Der Erfinder beschrieb dort eine Chiffrier- und Dechiffriermaschine sowie ein „Speicherwerk für  Schriftsätze aller Art“. Oder modern ausgedrückt: eine ganz frühe Textverarbeitung.

Eine Adrema-Adressiermaschine, wie sie in den 1930er-Jahren benutzt wurde. Der Turm nahm die Bleche mit den eingeprägten Anschriften auf. (Foto LoKiLeCh CC BY-SA 3.0)

Der Mechanismus orientierte sich am Speicher der Z1, der 64 Adressen mit jeweils 24 Bit aufwies. Er sollte offenbar an eine  Telegrafen- oder Fernschreib-Leitung anschlossen werden. Im Entwurf heißt es: „Die Vorrichtung besteht aus mehreren Zellen, die je eine Anzahl (z.B. 100) Buchstaben aufnehmen können. Die Zeichen werden im R[h]ythmus der ankommenden Sendung gespeichert und wieder herausgegeben, sobald die betreffende Zelle angerufen wird.“ Eine Zelle ist demnach ein bestimmter Abschnitt des Speichers.

Und weiter heißt es: „In Verbindung mit einer Fernschreibmaschine kann diese Vorrichtung dazu benutzt werden, Briefe oder Briefteile gleichen Inhalts an verschiedene Kunden zu schreiben. Ferner ist die Verwendung als Adressiermaschine möglich, wobei jede Zelle eine Adresse fasst. Im Gegensatz zu bekannten Adressiermaschinen, die grosse Stapel von Adressen hintereinander verarbeiten, ist es hiermit möglich, eine beliebige herauszugreifen.“ Bitte den Ausdruck „Briefteile“ beachten.

Nun wird es spannend: „Im Zeitungswesen besteht die Möglichkeit, Schriftsätze von der Schreibmaschine aus zu speichern, beliebig zu kombinieren und damit direkt eine Setzmaschine zu steuern.“ Konrad Zuse dachte also nicht nur an Textverarbeitung, sondern auch an Desktop-Publishing, wie wir heute sagen. Unklar bleibt, ob sich das Kombinieren auf Passagen eines Schriftsatzes oder auf Artikel einer Zeitungsseite bezog.

Der mechanische Speicher der Z1. (Foto Konrad Zuse Internet Archive CC BY-NC-SA 3.0)

Das Speicherwerk sollte 120 mal 220 Zentimeter groß und 30 bis 60 Zentimeter hoch sein. Im Archiv des Museums befindet sich noch der Entwurf eines Briefs vom 14. März 1938. Konrad Zuse richtete ihn an seinen Mäzen Kurt Pannke; er hatte zuvor den Bau der Z1 mit 7.000 Reichsmark unterstützt. Der promovierte Ingenieur ist eine etwas mysteriöse Gestalt.  Die spärlichen Erwähnungen in der Fachliteratur deuten darauf hin, dass er mit Feuerleit-Rechnern für die Reichswehr zu Geld kam. Er wohnte in Berlin.

Im Brief schlug Zuse vor, die beiden „Nachrichtengeräte“ getrennt von der Z1 zu entwickeln. Vielleicht erhoffte er sich eine Förderung durch Pannke. Falls das Resultat, so Zuse, nicht den Erwartungen entsprechen sollte, wäre die hineingesteckte Arbeit nicht verloren, da man sie auch für den Speicher der Rechenanlage nutzen könnte. Über eine Antwort Pannkes ist nichts bekannt. Wir wissen nur, dass Konrad Zuse 1939 seinen zweiten Rechner baute, heute Z2 genannt, und sich dann erneut mit Chiffriermaschinen befasste.

Es folgt zum Abschluss der Aufsatz vom 12. März 1938, wie im Konrad Zuse Internet Archive überliefert (CC BY-NC-SA 3.0 seitlich beschnitten). Unser Eingangsbild bietet einen Blick auf den Nachbau der Z1, den Zuse in den 1980er-Jahren erstellte; er befindet sich im Deutschen Technikmuseum in Berlin (Foto Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin).

 

 

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Ein Kommentar auf “Konrad Zuse und die Textverarbeitung”

  1. Interessant! Aber zu einer Textverarbeitung im heutigen Sinne ist es doch noch ein weiter Weg. Die beschriebene Vorrichtung klingt eher wie eine weiterentwickelte Speichereinheit für Fernschreiber und Adresssiermaschinen. Vor allem liegt der Unterschied zu heutiger Software auch darin, dass die Lösungen noch mechanisch umgesetzt wurden.

    Interessant ist aber eine andere Dimension der Quelle, nämlich die militärische Verwendbarkeit der Erfindung. Auf die spielt Zuse im letzten Absatz deutlich an: Ein handliches Verschlüsselungsgerät für die Reichswehr beim Einsatz im Felde, ähnlich Enigma? Die Nationalsozialisten erkannten den Wert der Erfindungen Zuses schnell. Ich bin gespannt, was die Forschung am Deutschen Museum da noch weiteres hervorbringt.

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