Rechenmaschine finess – die letzte ihrer Art

Geschrieben am 14.05.2019 von

Addiergeräte schufen Wilhelm Schickard und Blaise Pascal im 17. Jahrhundert. Gottfried Wilhelm Leibniz erfand in den 1670er-Jahren eine Maschine zum Malnehmen; lauffähige Rechenmaschinen erschienen einige Jahrzehnte später. Was aber war das letzte komplett mechanische Gerät für die Grundrechenarten? Das könnte die finess gewesen sein. Sie kam 1971 auf den Markt; gebaut wurden höchstens zweitausend Stück.  

Die 1970er-Jahre brachten uns nicht nur Mikrocomputer und Taschenrechner; es veränderte sich die gesamte Rechentechnik. Der Rechenstab verschwand und ebenso die Vier-Spezies-Maschine mit Staffelwalze oder Sprossenrad. Mechanische Kassen und Addierer hielten sich noch eine Weile; schließlich wurden auch sie durch Elektronik ersetzt. In Russland und in Ostasien blieb der Abakus in Gebrauch, aber der enthielt nur Drähte und Kügelchen.

Erstaunlich ist jedoch, dass 1971 eine brandneue Rechenmaschine auf den Markt erschien. Das war die finess der Heine & Sohn KG aus Vöhrenbach im Schwarzwald. Die Firma heißt heute ANUBA und fertigt Scharniere für Türen und Fenster. Bei der finess übernahm Heine die Endmontage und den Vertrieb, die Einzelteile lieferte ein kunststoffverarbeitender Betrieb in West-Berlin. Denn die finess bestand zum überwiegenden Teil aus Plastik. Das galt nicht nur für das Gehäuse, sondern ebenso für die Räder und Leisten im Inneren.

Das Innenleben der finess. Die Maschine war nur 29,5 cm breit und wog weniger als ein Kilo. (Foto www.rechnen-ohne-strom.de)

Solche Leisten saßen auch oben auf der Maschine – siehe Eingangsbild. Zur Eingabe des ersten Faktors einer Multiplikation zog man mit einem Stift die nebeneinander sitzenden Plastikstangen bis zur gewünschten Ziffer hinunter. Danach wurde so oft gekurbelt, wie es die Ziffern des zweiten Faktors vorgaben. Die finess enthielt Sprossenräder, bei denen die Zähne nicht ein- und ausgefahren, sondern seitlich herausgedrückt wurden. Die Zähne wirkten dann auf das Summierwerk. Nach dem Einkurbeln einer Ziffer wurde das Werk um eine Stelle verschoben, und die nächste Dezimalziffer war dran.

Das Räderwerk bewegte sich durchs Innere der Maschine; die Ziffern der Resultatanzeige rutschten ein Fensterchen weiter.  Die Räder auf der linken Seite der Summiervorrichtung zeigten die Zahl der Kurbeldrehungen an. Am Ende einer Multiplikation las der Benutzer in der Fensterreihe den zweiten Faktor ab – der erste wurde ja eingestellt – und rechts davon das Gesamtergebnis. Bei der Division wurde bei jedem Kurbeln subtrahiert. Neben der handbetriebenen finess H bot die Heine & Sohn KG die finess E mit Elektromotor an.

Das „Rechengerät“ in Stiftform meldete Gottwill Reinhold 1954 zum Patent an. Es wäre die kleinste mechanische Rechenmaschine aller Zeiten gewesen.

Entwickelt hatte das alles der Fernmeldetechniker Gottwill Reinhold. Er wurde 1910 im sächsischen Meerane geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er mit seiner Frau in Berlin. 1953 erfand er eine Vier-Spezies-Rechenmaschine, für die er ein Patent erhielt; gebaut hat er sie nicht. Danach entwarf er ein kompaktes Rechengerät in Röhrenform. In den frühen 1960er-Jahren stand Reinhold mit der Firma Heine in Kontakt und zog nach Vöhrenbach. Hier hoffte er, seinen rechnenden Kugelschreiber zu verwirklichen.

Nach einigen Jahren gemeinsamer Arbeit stand fest, dass die Maschine nicht zu realisieren war. Gottwill Reinhold ließ sich nicht entmutigen und ging sein drittes rechentechnisches Konzept an: die finess. Anfang 1971 lag sie vor und gewann gleich eine Goldmedaille auf der Brüsseler Erfindermesse. Mit Preisen von 149 DM für das Kurbelmodell und 198 DM für das elektrische kam sie in den Handel. Wer nicht kam, waren Käufer. Die zweitausend Apparate – für so viele wurden jedenfalls Teile aus Berlin geschickt – blieben Ladenhüter.

Eine Sprossenscheibe der finess. Man erkennt zwei nach außen geschwenkte Sprossen. (Foto www.rechnen-ohne-strom.de)

1972 wurde die Fertigung eingestellt. Die mechanische Rechentechnik verschwand nicht sofort. So produzierte die Schweizer Hermes Precisa International AG noch weiter ihre druckenden Maschinen; sie stammten alle aus den 1960er-Jahren. Ob im Ostblock mechanische Vier-Spezies-Systeme neu entstanden, wissen wir nicht. Es endete aber sang- und klanglos eine drei Jahrhunderte währende Epoche der Technikgeschichte – wir beginnen unsere Zählung bei der ersten Rechenmaschine von Gottfried Wilhelm Leibniz.

Gottwill Reinhold siedelte in den Siebzigern nach Allensbach am Bodensee über. Belegt sind einige Patente, die er mit einer Firma aus Markdorf erhielt; der Ort liegt nördlich des Sees. Danach verliert sich seine Spur. Die finess erforschte der Rechenmaschinensammler Wilfried Denz aus Münster. Auf seiner Internet-Seite gibt es Bilder zu ihr sowie den Link zu einem langen historischen Bericht. Wir bedanken uns bei ihm herzlich für die zur Verfügung gestellten Fotos. Auch das Eingangsbild oben stammt aus www.rechnen-ohne-strom.de.

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Ein Kommentar auf “Rechenmaschine finess – die letzte ihrer Art”

  1. Ulrich Klotz sagt:

    Immerhin viel schöner als jeder Taschenrechner.

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