Rechenspielzeug und Spielzeugrechner

Geschrieben am 15.12.2020 von

Seit langem lernen Kinder das Rechnen mit bunten Kugeln, die auf Drähten oder dünnen Stangen sitzen.  Die „russische Rechenmaschine“ kann man außerdem als das erste mathematische Spielzeug ansehen. Das 20. Jahrhundert brachte den lieben Kleinen noch andere Rechenapparate bis zum Taschenrechner mit der Micky Maus. Darüber hinaus erfanden kreative Köpfe mechanische, elektrische und elektronische Spielcomputer.

Ihr Ursprung verliert sich im Dunkeln. Ein deutsches Buch von 1810 erwähnt eine „kleine russische Rechenmaschine“ in einer Schule für sehbehinderte Kinder in Berlin. Das könnte ein Stschoty gewesen sein, ein russische Abakus mit kleinen Scheiben, der flach auf dem Tisch liegt. Ein Lehrbuch für den Blindenunterricht, 1819 in Wien erschienen, widmete der Maschine ein Kapitel. Sie umfasste sechs bis acht Reihen zu zehn Kugeln und unterschied sich vom Original-Stschoty, der mehr Reihen und eine mit nur vier Scheibchen besaß.

1825 ist ein Kugel-Gerät auch in den USA belegt. Ab Mitte des 19. Jahrhundert verbreitete sich die russische Rechenmaschine, wie sie bei uns noch lange genannt wurde, in den Volksschulen Europas. Sie dient bis heute zur Einführung in die Welt der Zahl; zugleich ist sie das erste Rechenspielzeug. Es gibt sie in allen Größen, mit parallelen wie mit gebogenen Drähten. Im 20. Jahrhundert wurde sie sogar digitalisiert. De Kleine Rekenmeester aus Holland zeigte per Ziffernrad die Zahl der verschobenen Elemente an.

Der russische Stschoty ist der Urvater des Rechenspielzeugs.

Andere Apparate lösten sich vom Stschoty-Modell. In Bonn erfand der Büroartikel-Hersteller Friedrich Soennecken 1890 den Kleinen Rechner für alle Rechenarten. Ein technischer Nachfahre war 1915 der kluge Affe Consul – wir beschrieben ihn im Blog. 1941 erhielt der Amerikaner Linus Ritz ein Patent für eine Kinder-Addiermaschine. Die Wolverine kam um 1950 in den Handel; in England hieß sie Peter Pan. Eine Menge Geduld erforderte der Spielzeugrechner Add-em, denn er zählte in jeder Dezimalstelle nur Einsen hinzu.

1975 griffen junge Mathematiker zum Mickey Math, dem Taschenrechner mit der Disney-Maus. Pädagogisch orientiert waren der Quiz Kid der National Semiconductor Corporation und der Little Professor von Texas Instruments. 1980 erschien dann ein Mikrocomputer für den Rechenunterricht;  der Lesson One stammte von der in Hongkong ansässigen Firma VTech. Zurück zu Leibniz strebte der Deutschkanadier Matthias Wandel: Er entwickelte eine binäre Addiermaschine mit Murmeln. Bei uns ist sie als Bausatz erhältlich.

Im Unterschied zum Stschoty steht die Kinderrechenmaschine meist aufrecht.

Neben dem Rechenspielzeug finden wir die Spielzeugrechner. Der erste hieß GENIAC und wurde ab 1955 in den USA verkauft. 1958 folgte der ganz ähnliche BRAINIAC. Die Computer besaßen sechs Drehschalter, die elektrische Schaltkreise veränderten. Diese musste man vorher auf der Rückseite mit Drähten anlegen – das erinnerte an die Programmierung des historischen Elektronenhirns ENIAC. Der Output erfolgte durch Glühbirnen. Ein Gefühl für die Bedienung des GENIAC vermittelt ein Video, und hier geht es zu einer Informationsseite.

Die Verbindung von Mechanik und Elektrizität kennzeichnete ebenso den Logikus. Diesen Spielcomputer brachte der Stuttgarter KOSMOS Verlag 1968 heraus. Er verfügte über zehn Schiebe- und einen Druckschalter und wurde mit eingesteckten Drähten programmiert. Die Anzeige bestand aus zehn Glühbirnen, den Strom lieferte eine Batterie. Bei übermäßiger Verdrahtung ließ der elektrische Widerstand die Lampen aber immer schwächer leuchten. Nach dem Logikus-Prinzip arbeitete ein Jahr später auch der ostdeutsche PIKO dat.

Eine Weiterentwicklung mit gebogenen Drähten.

GENIAC, BRAINIAC, Logikus und PIKO dat operierten im Reich der Aussagenlogik und der Booleschen Funktionen mit 0 und 1. Dasselbe galt für den Digi-Comp 1 von 1963. Der amerikanische Plastik-Computer verfügte über drei Speicherplätze und realisierte sechs logische Gatter. Programmiert wurde er durch Stifte, die die Mechanik beeinflussten, man erkennt es im Video. Seit 2005 ist er wieder lieferbar, nicht mehr aus Kunststoff, sondern aus Pappe. Und hier lässt sich der Online-Vortrag eines deutschen Digi-Fans abrufen.

Schon in den späten 1960er-Jahren rechnete der Digi-Comp II. Seinen Erfinder John Godfrey lernten wir bereits als Schöpfer des Dr. Nim kennen. Wie der Automat enthielt der digitale Spielcomputer kleine Kugeln, die über die geneigte Grundplatte rollten. Dabei lösten sie durchaus anspruchsvolle Rechenaufgaben. Kügelchen verwendete auch der italienische RAMI im Jahr 1978 und der Turing Tumble von 2017. Es ist die vorerst letzte Innovation der spielerischen Informatik und kostet 76,18 Euro plus Versand.

Wir bedanken uns herzlich bei Wilfried Denz für das Foto des binären Murmel-Computers. Unser Eingangsbild stammt vom National Museum of American History der Smithsonian Institution; es zeigt Digi-Comp 1. Wir  verweisen außerdem auf die Online-Führung von Thiemo Eddiks vom Oldenburger Computer-Museum. Es geht darin um Elektronikspielzeug der Siebziger und Achtziger; spannend wird es ab Minute 9:00. Nun aber beginnt unsere Fotostrecke mit mathematischen Apparaten für Kinder jeden Alters.

Der „Rekenmeester“ stammte wohl aus den 1950er-Jahren; er war eine Weitentwicklung der Kinder-Rechenmaschine und gab die Anzahl der verschobenen Ringe an.

Der kluge Affe Consul erschien 1915 in den USA. Einen technischen Vorläufer gab es schon im Jahr 1890 in Bonn.

Die 23 Zentimeter lange Wolverine kam um 1950; zur Eingabe wurden mit einem Stift die schmalen Gitter nach unten gezogen. (Foto Computer History Museum)

Taschenrechner mit Micky Maus: Das Kostüm ist dem Film „Fantasia“ entnommen.

Quiz Kid und Little Professor hießen zwei Rechenspiele von 1975 und 1976.

Der Mikrocomputer „Lesson One“ aus Hongkong ersetzte 1980 den Schulunterricht. (Foto Computer History Museum)

In den 2010er-Jahren brachte der Dreipunkt-Verlag in Ilsede bei Hannover einen binären Addierer mit kleinen Kugeln heraus. (Foto Rechnen-ohne-Strom.de)

Der GENIAC von 1955 besaß sechs Drehschalter; er war 42 Zentimeter breit. (Foto Computer History Museum)

GENIAC-Anzeige. (Foto Nesster CC BY 2.0 seitlich beschnitten)

Der „Think-A-Tron“ der US-Firma Hasbro brachte 1960 eine Leuchtanzeige mit. Er konnte Kärtchen mit eingravierten Daten lesen und Fragen beantworten.

Der Karton des Spielcomputers Digi-Comp 1 versprach 1963 „Logik in Aktion“. (Foto National Museum of American History, Smithsonian Institution)

Die Erwachsenen-Ausgabe des Digi-Comp II von 2011. Die kleinere Urversion erschien in den späten 1960er-Jahren. (Foto Windell Oskay CC BY 2.0 seitlich beschnitten)

Logikus – der König der Spielcomputer. Er kam zu Weihnachten 1968 in den Handel.

Der PIKO dat aus der DDR operierte 1969 ähnlich dem Logikus, besaß aber zusätzliche Funktionen und zwei Lämpchen mehr.

Nur wenig wissen wir über den französischen Spielcomputer JR-01. Er wurde 1970 von Honeywell Bull herausgebracht. (Foto Frédéric BISSON CC BY 2.0)

Immer noch erhältlich ist der RAMI aus Italien. Er übersetzt Dual- in Dezimalzahlen. (Foto Computer History Museum)

 

 

 

 

 

 

 

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3 Kommentare auf “Rechenspielzeug und Spielzeugrechner”

  1. Andreas Guski sagt:

    Das russische Wort „stschoty“ ist ein Plural, so dass auch die dazugehörigen Verben im Plural stehen müssten, also nicht „ist“, sondern „sind“ etc. Die Geräte stammen aus dem Tatarischen (Goldene Horde) oder Chinesischen und sind bis heute in russischen Geschäften in Gebrauch.

  2. Köhnlein sagt:

    Heinz Nixdorf kam regelmäßig zur Betriebsversammlung nach Berlin .

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