Siebzig Jahre Zuse KG

Geschrieben am 01.08.2019 von

Konrad Zuse erfand nicht nur den Computer, er schuf im Laufe seines Lebens auch drei Firmen. Die letzte von ihnen war die Zuse KG. Sie wurde am 1. August 1949 in Neukirchen gegründet. Die Zuse KG war nicht der einzige deutsche Hersteller von Digitalrechnern, sie führte aber wie kein anderes Unternehmen das Land ins Computerzeitalter.   

Erst kam der SPIEGEL und danach Eduard Stiefel. Der unbekannte Journalist aus Hannover – das Magazin zog erst 1952 nach Hamburg – dürfte im Juni 1949 in Hopferau gewesen sein. Der Text über den im Allgäu lebenden Konrad Zuse und seine Höhere Mathematik erschien am 7. Juli. Sechs Tage später klopfte Stiefel an. Auch der Professor aus Zürich wollte das „Maschinen-Gehirn“ sehen. Er suchte einen Computer, und die Z4, die 1949 noch „V4“ hieß, war genau das, was er brauchte.

Am 1. August 1949 konnte deshalb Konrad Zuse mit zwei Freunden die Zuse KG gründen. Zuse war Komplementär; den Mit-Komplementär Alfred Eckhard kannte er aus seiner ersten Firma, Zuse Ingenieurbüro und Apparatebau Berlin. Dritter Gründer war Harro Stucken; er arbeitete im Zweiten Weltkrieg wie Zuse beim Flugzeugbauer Henschel in Schönefeld. Stucken war Kommanditist; er riskierte nur seine direkte Einlage, besaß aber keinen Einfluss auf die Geschäftsführung. Nach Kriegsende hatte er mit Konrad Zuse dessen zweite Firma betrieben, ein kurzlebiges Ingenieurbüro in Hopferau.

Die Gründung der Zuse KG fand nun nicht im Allgäu, sondern in dem osthessischen Dorf Neukirchen statt. Ein zweiter wichtiger Ort der Firmengeschichte war die Gaststätte des Badischen Bahnhofs Basel. Hier unterschrieben Konrad Zuse und Eduard Stiefel den Vertrag für die Z4. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich mietete den Relaisrechner für fünf Jahre; dafür erhielt die Zuse KG insgesamt 50.000 Franken. Die Z4 wurde anschließend für die Reise in die Schweiz fitgemacht. Am 11. Juli 1950 stand sie im zweiten Stock der ETH.

Konrad Zuse 1950 vor der Z4, die nach Zürich geht. (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Unbekannt / Ans_03687 CC BY-SA 4.0 – seitlich beschnitten)

Das Geld war ein willkommener Anschub für das junge Unternehmen. In Neukirchen belegte es eine ehemalige Poststation; der Ort war klein, hatte aber einen Bahnanschluss. Noch 1950 traf der nächste Auftrag ein. Die Optischen Werke Ernst Leitz bestellten einen Großrechner und überwiesen schon den Preis von 300.000 DM. 1953 nahm die Z5 in Wetzlar den Betrieb auf. Andere Aufträge stammten aus der Schweiz: Für Remington Rand fertigte die Zuse KG dreißig Rechenlocher. Sie halfen älteren Lochkartenmaschinen bei mathematischen Operationen.

Die frühen Zuse-Produkte rechneten mit Relais. Das galt ebenso für die Z11; sie ist oben im Eingangsbild zu sehen (Foto: HNF). Sie eröffnete 1955 die Reihe der serienmäßigen Universalrechner. Bis 1970 folgten die Z22, Z23, Z25, Z31 und Z43; die Z22 enthielt Röhren, die anderen Computer nutzten Transistoren. Daneben bot Konrad Zuse Peripheriegeräte an. Das bekannteste ist der Plotter Z64 Graphomat. In größerer Stückzahl entstanden auch Datenerfassungsplätze, elektronische Planimeter und Apparate zur Auswertung von Theodolit-Messungen.

Die Zuse KG fertigte mehr als man denkt. Nach Untersuchungen von Horst Zuse lag die Gesamtzahl der produzierten Geräte, der großen wie der kleinen, bei rund 850. Die Firma startete 1949 mit acht Mitarbeitern, 1953 waren es 68. Von Neukirchen zog sie 1957 ins nahe Bad Hersfeld; am Jahresende waren dort 180 Personen tätig. 1964 eröffnete die Zuse KG einen Neubau und beschäftigte 1.200 Menschen. Nach der IBM Deutschland GmbH war Konrad Zuses Unternehmen der zweitgrößte Computerhersteller der Bundesrepublik. Hierbei zählen wir Siemens wegen der gemischten Produktpalette nicht mit.

Sitz der Zuse KG in Neukirchen. (Foto Berthold Wagner CC BY-SA 3.0 – seitlich beschnitten)

In den 1950er-Jahren förderte die DFG die Anschaffung von Computern in westdeutschen Hochschulen, was der Zuse KG zugute kam. Die Finanzierung der Firma glich aber einem Drahtseilakt. In den Sechzigern verlor sie Millionen durch technische Probleme bei der Z25 und durch die erfolglose Z31. Etwas Hilfe brachte das Engagement des Rheinstahl-Konzerns. 1961 beteiligte er sich mit zehn Millionen DM. 1964 wurde die Zuse KG von der Mannheimer BBC AG übernommen, der Tochter des gleichnamigen Schweizer Unternehmens.

Nach vierzig Millionen DM Verlust hatte die BBC genug; 1967 überließ sie siebzig Prozent der Anteile der Siemens AG. Konrad Zuse, der noch Komplementär war, zog sich zurück. Er begann eine zweite Karriere als Maler, Autor, Erfinder und Zeitzeuge der IT-Geschichte. 1969 gehörte die Zuse KG vollständig zu Siemens. Am 1. April 1971 wurde der alte Firmenname gelöscht, die Namensrechte behielten die Münchner aber bis zur Jahrtausendwende. Mitte der 1970er-Jahre endete die Computerproduktion in Bad Hersfeld.

Konrad Zuse starb 1995 in Hünfeld. Die Erzeugnisse seiner Firma zählen zum nationalen Technikerbe; außerhalb von Paderborn ist „Zuse“ die edelste deutsche Computermarke. Ab 1958 führten die Z22 und die Z23 das Digitalrechnen in die bundesdeutschen Hochschulen ein. 1961 trugen vierzehn akademische Computer das Z-Logo, darunter eine Z11, achtzehn kamen von anderen Herstellern. 1966 summten hundert Elektronengehirne in den Unis; davon stammten 36 aus Bad Hersfeld.

Fazit der Wirtschaftsprüfer für das Geschäftsjahr 1961 der Zuse KG. (Konrad Zuse Internet Archive http://zuse.zib.de CC BY-NC-SA 3.0 – seitlich beschnitten)

Die Akten der Zuse KG sind nur fragmentarisch erhalten. In Konrad Zuses Nachlass, den das Deutsche Museum verwahrt, liegt jedoch der Bericht einer Wirtschaftsprüfung für 1961. Er ist online und bietet Einblicke in die Firmentätigkeit. In der Datenbank beginnt er nicht vorn, sondern auf der letzten Seite; von dort muss man dann zurückblättern. Horst Zuse danken wir für die Informationen zur Zuse KG aus seinem Archiv; wir verweisen außerdem auf die Arbeit von Herbert Bruderer über Konrad Zuse und die ETH Zürich.

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