Vom Hörgerät zum Computerspiel

Geschrieben am 27.07.2018 von

1962 gründeten die Brüder Hellmuth und Hans-Herbert Türk in Köln die Firma Interton. Sie stellte zunächst Hörgeräte her. In den frühen 1970er-Jahren kamen Taschenrechner hinzu. Ab 1975 fertigte Interton amerikanische Odyssey-Konsolen in Lizenz. 1978 brachte die Firma in eigener Regie das Videospielsytem VC4000 heraus. Dazu gehörten insgesamt 37 einsteckbare Kassetten. 1983 aber endete die Produktion.

In den Siebzigern startete die Erfolgsgeschichte der Videospiele, über die Klassiker Pong, Odyssey und Space Invaders haben wir bereits berichtet. Im gleichen Jahrzehnt traute sich auch eine Kölner Firma in diesen Markt, die Interton-Electronic GmbH. Sie wurde 1962 von den Brüdern Hellmuth und Hans-Herbert Türk gegründet und produzierte Hörgeräte. 1968 folgte ein „Frequenz-Protector“, der Abhörwanzen fand oder störte. Er kostete 770 DM.

Taschenrechner Interton PC 4020

Anfang der 1970er-Jahre bot Interton die neu erfundenen Taschenrechner an und avancierte zum Markführer. Lange vor IBM nutze man das Kürzel PC, wohl in der Bedeutung „Pocket Calculator“. Neben den eigenen Kunden versorgte die Firma auch das Versandhaus Quelle. 1979 fertigte sie den Telefon-Computer TC 2100; ins Gerät gesteckt, wählte er selbstständig die gespeicherten Nummern. 1980 erlebte der „Personal Information Computer“ PIC 9000, ein elektronisches Wörterbuch, seine Premiere auf der Hannover-Messe.

Schon 1975 hatte Interton die Spielkonsole Video 2000 vorgestellt. Es handelte sich um einen Lizenzbau der amerikanischen Odyssey, was im Film deutlich wird. Die Kassetten enthielten fünf Varianten des ursprünglichen Pixel-Tennis. In den nächsten Jahren kamen die Anlagen Video 2400, 2501, 2800, 3000 und 3001 hinzu. Krönender Abschluss war der Club Exclusiv 2000. Die Konsolen brachten Farbe, neue Spiele und Mikroprozessoren mit.

Was die Verpackung versprach, konnte die Konsole im Inneren nicht immer halten.

Im Jahr 1978 – das genaue Datum ist nicht bekannt – erschien dann der „Video Computer“ VC4000. Er kostete 298 DM und gilt als die erste deutsche Videospielkonsole. Basis war das 1292 Advanced Programmable Video System der Londoner Elektronikfirma Radofin. Darin steckte ein Signetics-Prozessor aus den USA für acht Bit; ein zweiter Chip setzt ein Bild von 128 mal 200 Pixeln auf den Fernsehschirm. Eine Interton-Spezialität waren die variablen Tastenfelder, auf die Schablonen gelegt wurden. Im Eingangsfoto erkennt man die erste Spielekassette, die zehn Autorennen für einen oder zwei Teilnehmer ermöglichte.

Es folgten 36 weitere Module zu Preisen zwischen 40 und 50 DM. Die Pixelblöcke waren gewaltig, aber die Programmierer gaben sich Mühe und schufen neben Kampf-, Renn- und Ballerspielen digitale Ausgaben von Schach, Dame und Backgammon. Der Flugsimulator könnte der erste aus Europa gewesen sein. Das große Handbuch der Video-Spiele verlieh dem VC4000-Cockpit die Note 1. Natürlich finden wir ebenso Nachkommen der Space Invaders und den aus dem japanischen Pac-Man entwickelten Monster Man.

Lockende Versuchung: Interton-Modul 23 mit acht Flipper-Programmen

Die Interton-Produkte wurden unter einer Vielzahl von Namen weiterverkauft und in alle Welt exportiert. 1983 endete jedoch das Computergeschäft. Nach diversen Umstrukturierungen und dem Umzug nach Bergisch Gladbach verkauft die Firma seit Jahren wieder Hörgeräte. Inzwischen ist sie nicht mehr eigenständig, sondern Teil der dänischen GN Group. Die Kölner haben die Interton-Spiele aber nicht vergessen und würdigen sie noch bis Ende August in einer Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum.

Am Schluss sei erwähnt, dass es auch eine Art Interton-Konsole der DDR gab. Von 1980 bis 1984 fertigte der VEB Halbleiterwerk Frankfurt (Oder) das Videospiel BSS 01. Es verwendete wie das Interton-System Video 2400 den Prozessor AY-3-8500 von General Instruments. Die DDR bezahlte den Import aus den Vereinigten Staaten mit wertvoller Valuta. Die tausend gebauten Exemplare erhielten Jugendzentren und Freizeiteinrichtungen. Im Handel kostete das Spiel 550 Mark – unten kann man es im Bild sehen.

(Foto liftarn CC BY-SA 2.0)

 

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Ein Kommentar auf “Vom Hörgerät zum Computerspiel”

  1. Jesi sagt:

    Danke für diesen tollen Blog. Wusste ich nicht….

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