Wir machen ein Programm

Geschrieben am 10.01.2019 von

Vor fünfzig Jahren wurde Deutschland digital. In der Bundesrepublik wie auch in der DDR begannen Fernsehserien, die den Umgang mit Computern lehrten. Am 10. Januar 1969 sendete der WDR in seinem 3. TV-Kanal „Wir machen ein Programm“. Moderator war Roland Fuchshuber. Sechs Tage später startete der Deutsche Fernsehfunk in Ost-Berlin einen Kurs über „Elektronische Datenverarbeitung“.

Ältere Leser erinnern sich vielleicht an die 3. Programme, wie sie in den 1960er-Jahren hießen. Auf entlegenen Frequenzen und in leuchtendem Schwarzweiß berichteten sie über Bildung, Wissenschaft und Kultur. Mit geringem Budget, aber viel Enthusiasmus produziert, erreichten ihre Sendungen nur einen kleinen Zuschauerkreis. Einige wie die Weltraum-Serie von Heinz Haber haben aber im Netz überlebt und erfreuen uns mit nostalgischem Charme.

Am 10. Januar 1969 begann im 3. Kanal des WDR eine neue Serie – „Wir machen ein Programm“. Abends um halb neun lief die erste Folge; sie dauerte dreißig Minuten. Das Programm im Titel hatte nichts mit dem im Fernsehen zu tun; gemeint war das Programm eines Rechners. Die wöchentlich ausgestrahlte Sendung brachte die elektronische Datenverarbeitung nahe. Im Studio standen deshalb ein mittelgroßer Computer des Typs UNIVAC 9300 sowie die zugehörigen Peripheriegeräte, ein Drucker, ein Lochkartenleser und Bandlaufwerke.

Moderiert wurde die Sendung vom 36-jährigen Roland Fuchshuber. Der gebürtige Würzburger hatte Mathematik in Aachen studiert. Nach der Promotion arbeitete er in Frankreich, Belgien und Italien. Ab 1961 unterrichtete er Datenverarbeitung und Kybernetik an der Staatlichen Ingenieurschule für Maschinenwesen in Köln. Als diese in einer Fachhochschule aufging, war er dort Professor bis 1994. In den frühen Sechzigern betätigte sich Fuchshuber auch als Computerkünstler, allerdings nicht wie Frieder Nake mit Digitalrechnern, sondern an analogen Systemen.

Neben Fuchshuber saßen im WDR-Studio noch einige Herren von der Kölner Gesellschaft für technisch-wissenschaftliche Fortbildung. Mit vereinten Kräften erklärte man den Zuschauern nun die Praxis der EDV. Dokumentiert ist das in einem rororo-Taschenbuch, das bis 1972 vier Auflagen erlebte. Auf 126 Seiten führte es den Leser vom Aufbau eines Computers zum Algorithmus und dessen Umsetzung in ein Programm. Als Programmiersprache diente Fortran und als Anwendungsbeispiel die Berechnung einer Quadratwurzel.

Neun Minuten der Serie sind online erhalten – bitte zu Minute 9:45 vorgehen. Wir sehen klassische Stapelverarbeitung, aus didaktischen Gründen in mehrere Schritte unterteilt. Zunächst gibt der Moderator die Karten mit den Fortran-Befehlen ein, dann werden diese mit dem Compiler – er liegt auf Magnetband vor – in maschinenlesbare Anweisungen übersetzt. Nächster Input ist eine Lochkarte mit der Zahl 1.225. Das Programm zieht daraus die Wurzel, sprich 35, danach werden Befehle und Daten ausgedruckt. Zur Vertiefung wird alles mit einer Liste von Zahlen noch einmal wiederholt.

Das war Informatik anno 1969. Drei Jahre später wirkte Roland Fuchshuber bei der TV-Serie „Strategien der Vernunft“ mit; jetzt ging es um Rationalisierung durch EDV. 1974 finden wir ihn bei der Filmproduktion „Begegnung mit morgen – Kybernetik bei der Bundesbahn“. 1992 gestaltete er in Köln eine Ausstellung über ein völlig anderes Thema, nämlich die Geschichte der Mozartporträts. Seine Analogrechner-Grafiken schenkte Fuchshuber 2006 der Kunsthalle Bremen. 2015 erschien von ihm noch ein Buch zu Mozart, dann verliert sich seine Spur.

Zurück in das Jahr 1969. Am 16. Januar um 14.50 Uhr startete in der DDR der Fernsehkurs „Elektronische Datenverarbeitung“. Verglichen mit der Serie von Roland Fuchshuber war er ein Mammutprojekt. Er gliederte sich in zwei große Abschnitte über die Grundlagen der EDV und ihre Anwendung. Der erste Teil bestand auf fünf Themenkomplexen aus 26 Lektionen; Teil 2 brachte weitere fünf Komplexe mit zusammen 19 Lektionen. Zu jedem Abschnitt gab es acht Begleitbroschüren im A4-Format – siehe oben.

DDR-Bürger, die die ersten 26 Lektionen absolviert und die Literatur genau studiert hatten, konnten 1970 eine Prüfung ablegen. Der Computerkurs des Deutschen Fernsehfunks muss aber auch die Kollegen vom Westfernsehen beeindruckt haben. Denn am 22. Oktober 1970 begannen die 3. TV-Programme des Hessischen, Bayerischen und Westdeutschen Rundfunks sowie die des Südwestfunks mit einer gemeinsamen „Einführung in die elektronische Datenverarbeitung“. Der SPIEGEL kommentierte sie in gewohnt bissiger Form.

Die 26 halbstündigen Folgen boten die Möglichkeit, über Zwischen- und Endprüfungen ein Zertifikat zu erwerben. Mehr als 50.000 Interessenten ließen sich registrieren, Tausende mehr schauten einfach so zu oder lasen das Begleitbuch. Statt einer Wurzel ziehenden UNIVAC stand im Münchner Fernsehstudio eine blinkende IBM 360. Wer aber die heroischen Zeiten von 1969 nacherleben möchte, findet die 16 Broschüren des DDR-Kurses – bitte das RAR-Format beachten – im Online-Archiv des Rechenwerks Halle. Viel Erfolg!

Unser Eingangsbild zeigt weder die UNIVAC des WDR noch den Robotron-300-Rechner des Deutschen Fernsehfunks, sondern die IBM 360/25 im Studio des Bayerischen Rundfunks.  

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