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Der erste IBM-Computer in Deutschland

Geschrieben am 20.01.2026 von

Sie war nicht das erste Elektronenhirn in deutschen Landen, aber dennoch eine Premiere. Mit der IBM 650, die die Allianz Versicherungs-AG am 20. Januar 1956 in ihrer Münchner Zentrale einweihte, begann bei uns der Einsatz von serienmäßigen Digitalcomputern. Der Röhrenrechner von Big Blue zog danach in weitere Firmen und Behörden und auch in Hochschulen ein.

Der SPIEGEL übersah den IBM-Computer. Das Nachrichtenmagazin entdeckte einen in einer deutschen Firma laufenden Elektronenrechner erst im Oktober 1956, als in Frankfurt die riesige UNIVAC I des Battelle Instituts den Betrieb aufnahm. Das Heft, das sie schilderte, schmückte ein Foto des amerikanischen Mathematikers Norbert Wiener, den der SPIEGEL als „Begründer der Roboter-Wissenschaft“ Kybernetik feierte.

Der etwas kleinere Röhrenrechner vom Typ IBM 650, der zehn Monate vorher in München startete, musste ohne Paten auskommen. Er stand in der Zentrale der Allianz Versicherungs-AG am Englischen Garten und wurde Anfang 1956 der Presse gezeigt. Zu jener Zeit gab es schon die elektronischen Computer G1 und G2, sie waren aber Einzelstücke und gehörten zu einem Max-Planck-Institut. In Wetzlar operierte die von Konrad Zuse konstruierte Z5 in der Ernst Leitz GmbH. Sie war auch ein Einzelgänger und besaß nur elektromechanische Relais. Dasselbe galt für die OPREMA in Jena.

Die IBM der Allianz dürfte der erste echte Seriencomputer in Deutschland gewesen sein. Der Hersteller kündigte ihn im Juli 1953 an und lieferte das spätere Erfolgsmodell erstmals im Dezember 1954 aus. Neben Digitalrechnern mit Von-Neumann-Architektur existierten damals noch Lochkarten-Systeme, die mit Stecktafeln programmiert wurden. Dieser Film von 1955 spielt in Baden-Württemberg; wir erkennen einen vollelektronischen Rechenstanzer IBM 604 und eine elektromagnetische Tabelliermaschine IBM 421. Sie ist ebenso links neben den beiden IBM-650-Computern im Eingangsbild zu erkennen, das in den USA entstand.

Die Allianz-Versicherung legte sich im Februar 1954 eine Betriebswirtschaftliche Abteilung oder BWA zu, die auch für Rationalisierungsmaßnahmen zuständig war. Im gleichen Jahr unternahm BWA-Leiter Heinz-Leo Müller-Lutz eine Studienreise durch die USA und schaute sich das Neueste aus der Bürotechnik an. Am Jahresende empfahl eine Arbeitsgruppe der BWA die Anschaffung eines Computers. Unterstützung kam von Allianz-Vorstandschef Hans Goudefroy, der sich vom Darmstädter Informatikpionier Alwin Walther beraten ließ.

Diese IBM 650 ruht in einem Museumsdepot. Unter dem Schaltbrett sitzt der horizontale Trommelspeicher. (Foto Deutsches Museum/Konrad Rainer CC BY-SA 4.0 seitl. beschnitten)

Am 6. Mai 1955 orderte die Allianz eine IBM 650 und beschloss die Einrichtung eines Rechenzentrums. Anfang 1956 wurde die Anlage aus den USA eingeflogen und am 20. Januar 1956 der Presse vorgestellt. Acht Tage nach der Installation nahm der Computer den Dienst auf und arbeitete bis Oktober 1961 für die Versicherung. Im Rechenzentrum kümmerten sich zunächst zwei und später sechs Mitarbeiter um ihn. Nach der Ausmusterung eröffnete die Versicherung ein neues Rechenzentrum, das Transistorcomputer vom Typ IBM 7070 und IBM 1401 verwendete.

Zur Einführung der IBM 650 fanden wir leider keine zeitgenössischen Berichte, ein Aufsatz von Rechenzentrumsleiter Hans-Willy Schäfer von 1957 steckt immer noch hinter einer Bezahlschranke. Einen Ersatz bildet die Online-Broschüre Digital Times zur IT-Geschichte der Allianz; sie erschien im Jahr 2021. Wir empfehlen außerdem den SPIEGEL-Artikel vom Dezember 1954. Das gestresste Gesicht von Generaldirektor Goudefroy verrät, dass ihn außer der Anschaffung von Computern noch viele andere Probleme quälten.

Dank des Erfolgs der IBM 650 sind mehrere Filme mit ihr erhalten. Der älteste entstand 1958 in Berlin; es moderierte Gerhard Löwenthal, der später durch das „ZDF-Magazin“ bekannt wurde. 1960 nutzte die Aerodynamische Versuchsanstalt Göttingen den Computer, 1961 folgte die Oberpostdirektion in Hannover. Die Universität Hamburg erhielt ihre IBM 650 1958, der TV-Bericht stammt jedoch vom Januar 1962. Die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte schaltete wenige Monate nach der Allianz eine IBM 650 in Berlin an; hier sehen wir sie im Jahr 1965 zusammen mit einer neu angeschafften IBM 360.

1956 summten insgesamt sechs IBM-650-Anlagen in der Bundesrepublik. Außer in Berlin und München liefen sie bei IBM Deutschland in Sindelfingen, im Volkswagenwerk, bei den Deutschen Edelstahlwerken in Krefeld – das war der erste Digitalcomputer von Nordrhein-Westfalen – und im Palast-Hotel von Bad Neuenahr, wo sie für die Bundeswehr rechnete. Im gleichen Jahr begann auch die deutsche IBM-Tochter mit der Herstellung des Systems.

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