Hacken für Moskau

Geschrieben am 01.03.2019 von

Die 1980er-Jahre waren die Ära der Hacker; im Netz eroberten sie die Welt. Am 2. März 1989 wurde der KGB-Hack bekannt. Computerfreaks aus Hannover und Berlin drangen vor allem in amerikanische Systeme ein und nahmen Daten mit. Diese verkauften sie dem russischen Geheimdienst. Einer der Hacker, der junge Karl Koch, beging im Mai 1989 Selbstmord.     

„Die bundesdeutsche Spionage-Abwehr hat nach Informationen des NDR einen Agentenring enttarnt, der über Computerleitungen in Militär-, Forschungs- und Wirtschaftsdateien eingedrungen ist und die Informationen an das KGB weitergegeben haben soll. Mehrere Wohnungen in Berlin und Hannover wurden heute durchsucht und umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Drei Personen wurden festgenommen.“

Dies verkündete am Donnerstag, dem 2. März 1989, die Tagesschau um 20 Uhr. Sie wies überdies auf einen Brennpunkt um 23 Uhr hin, der weitere Einzelheiten brachte. Er trug den Titel  „Ostspione in westlichen Computernetzen – deutsche Hacker arbeiteten für KGB“. Die länger vorbereitete Sendung sprach vom schwersten Spionagefall seit Günter Guillaume, dem Stasi-Agenten bei Bundeskanzler Willy Brandt. Sie enthüllte nicht alles; so wurden etwa die Namen der Spione verschwiegen. Sie standen aber am Montag alle im SPIEGEL.

So erfuhren die Bürger vor dreißig Jahren vom bis heute spektakulärsten Hacker-Fall mit deutscher Beteiligung. Begonnen hatte der KGB-Hack, wie er später genannt wurde, drei Jahre zuvor. 1986 traf sich in einer Kneipe in Hannover die Leitstelle 511, ein Kreis von computerinteressierten jungen Männern. Einige beherrschten bereits die Kunst, mit Telefon und Akustikkoppler ins Internet zu gehen; manchmal knackten sie auch Passwortbarrieren und schauten sich in fremden Datenbanken um.

Die Lubjanka in Moskau, Hauptquartier des KGB und seiner Nachfolge-Dienste (Foto A. Savin CC BY-SA 3.0)

Vor allem in amerikanischen Speichern lagen militärische Informationen, Interna aus der Raumfahrt sowie vertrauliche Software für neue Computer. Im Sommer 1986 entstand in der Leitstelle der Plan, solche Daten zu Geld zu machen. Der Weg dazu führte nach Ost-Berlin. Im Netz gefundenes und heruntergeladenes  Material wurde einem KGB-Mitarbeiter in der sowjetischen Handelsvertretung angeboten. „Sergei“ war interessiert, und der Moskauer Geheimdienst und die Hannoveraner Hacker kamen ins Geschäft.

Beteiligt waren der 21-jährige und von ererbtem Geld lebende Karl Koch, der Physikstudent Markus Hess, der Programmierer Dirk-Otto Brzezinski, auch Dob genannt, und der Croupier Peter „Pedro“ Carl. Er war Anfang dreißig und der Älteste im Bunde. Aus Berlin reiste Hans Hübner alias Pengo an; er war noch keine zwanzig. Den Kontakt zum KGB hielt Pedro, am besten programmierte aber Markus Hess, Spitznamen Urmel. Karl Koch nannte sich Hagbard nach einer Gestalt aus den Illuminatus-Büchern von Robert Shea und Robert Anton Wilson.

Die entscheidende Figur der KGB-Affäre saß nicht in Hannover, sondern weiter weg. Clifford Stoll, Jahrgang 1950, war Astronom und arbeitete im Lawrence-Berkeley-Laboratorium im kalifornischen Berkeley. Im Juli 1986 ging seinem Projekt das Geld aus, worauf Stoll in den Keller des Gebäudes zu den Computern zog. Als Systemadministrator sorgte er nun für ihr Funktionieren; ebenso prüfte er die Abrechnung der Leistungen, die sie für auswärtige Nutzer erbrachten. Und hier tauchte im August 1986 ein Fehlbetrag von 75 Cent auf.

Der Grund war ein Einbruch von Markus Hess in das Computersystem. Stoll packte das Jagdfieber. In detektivischer Kleinarbeit und mit Unterstützung durch das FBI und die Bundespost wurde im Januar 1987 Urmels Telefonnummer ermittelt. Es dauerte aber bis zum 23. Juni des Jahres, bis die Polizei die Wohnung von Markus Hess in Hannover stürmte. Er selbst war nicht zu Hause. Die Aktion erwies sich als Schlag ins Wasser; man konnte Hess nichts nachweisen. Das Verfahren wurde eingestellt.

Die Leipziger Straße in Ost-Berlin: KGB-Kontakt Sergei saß im Hochhauskomplex in der Mitte oben. (CC BY-SA 3.0 DE Foto rechts beschnitten)

Im April 1988 berichtete die Münchner Illustrierte „Quick“ über die Aktivitäten von Urmel – die Zeitschrift nannte ihn Matthias Speer. Einen Monat später erschien in den USA ein Artikel von Clifford Stoll zur Jagd nach dem schlauen Hacker. Im Sommer 1988 offenbarten sich unabhängig voneinander Hans Hübner und Karl Koch dem Verfassungsschutz. Erst durch ihre Aussagen kamen die Kontakte der Hacker zum sowjetischen Geheimdienst ans Licht. Schließlich übernahm das Bundeskriminalamt die Ermittlungen.

Am 2. März 1989 wurden Dirk Brzezinski, Peter Carl und Markus Hess festgenommen. Dob und Pedro wanderten in Untersuchungshaft, Urmel war nach weniger als 24 Stunden frei. Ende Januar 1990 fand in Celle der Prozess statt; die Anklage lautete auf geheimdienstliche Agententätigkeit, also nicht auf Hacking. Unter den Zeugen war auch Clifford Stoll. Am 15. Februar verlas der Richter das Urteil: Carl bekam zwei Jahre Gefängnis, Hess zwanzig Monate und Brzezinski vierzehn. Alle Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt.

Von den 90.000 DM, die das Trio vom KGB für seine Daten erhielt, musste Hess 10.000 DM zahlen, Brzezinski 5.000 DM und Carl 3.000 DM. Nach Ansicht des Gerichts war der Bundesrepublik und vermutlich der USA durch das Hacken kein nachweisbarer Schaden entstanden. Allem Anschein nach interessierte sich der Ost-Geheimdienst weniger für Material zur Atomrüstung oder zu SDI, sondern mehr für Computersoftware von Digital Equipment. Diese wurde von den Hackern geliefert; genutzt wurde sie wohl in der DDR.

Hans Hübner und Karl Koch blieb als Kronzeugen ein Gerichtsverfahren erspart. Als der Prozess in Celle endete, war Karl Koch tot. Er nahm sich am 23. oder 24. Mai 1989 das Leben. Der verkohlte Leichnam wurde bei seinem Auto zwischen Hannover und Gifhorn gefunden. Hagbard war seit Jahren rauschgiftsüchtig und glaubte an Verschwörungen aller Art. Ungeklärt ist seine Beziehung zu Journalisten des NDR, an die er sich aus Geldnot oder aus Geltungsbedürfnis gewandt hatte. Sein Schicksal war 1998 Thema des Spielfilms 23.

In den Robotron-Computer K 1840 von 1988 gingen vermutlich auch Erkenntnisse aus der Spionage ein. Das System oben steht im Computermuseum Hoyerswerda.

Über den KGB-Hack erschienen mehrere Bücher und eine Dokumentation im Netz. Clifford Stoll wirkte 1990 in einem TV-Film über seine Abenteuer mit; ab Minute 48:00 sehen wir Fotos von vier Hackern sowie einen Auftritt von Markus Hess in Celle. 1998 strahlte SPIEGEL TV eine Sendung zum Fall aus; interviewt wurde unter anderem Hans Hübner. Bei Minute 4:45 beginnt ein kurzer Filmclip, der Karl Koch auf der CeBIT 1986 und an einem Atari-Computer zeigt. Er war damals zwanzig Jahre alt.

Am Rande war auch die Nixdorf Computer AG an der KGB-Affäre beteiligt. 1988 bekam sie einen Auftrag von der Münchner Polizei für eine Datenleitung zum Bundeskriminalamt Wiesbaden. Nixdorf gab den Auftrag an die kleine Firma NetMBX in Berlin weiter; genau dort arbeitete Hans Hübner. Er erhielt ältere Fernschreiben aus München für technische Tests; sie gaben interessante Einblicke in die Polizeiarbeit. Die ganze Geschichte erzählt das Buch Cyberpunk der amerikanischen Journalisten Katie Hafner und John Markoff.

Unser Eingangsbild (Foto CERN) zeigt das Rechenzentrum des Atomforschungszentrums CERN in den 1980er-Jahren. Es war zu jener Zeit ein Tummelplatz für Hacker und Eingang in die Computernetze der westlichen Welt. Die Leitstelle 511 existiert noch immer.

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Ein Kommentar auf “Hacken für Moskau”

  1. Einer der auch dabei war sagt:

    „die Kunst, mit Telefon und Akustikkoppler ins Internet zu gehen“ ist nicht ganz korrekt. Die meisten Verbindungen wurden nicht über das heute übliche Internet-Protokoll TCP/IP hergestellt, sondern über das damals recht verbreitete X.25 Protokoll, oder zwischen den DEC-Rechnern per DECNet. Insofern ist der Begriff Internet hier wenigstens ungenau.

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