IBM 370 – der Computer für die Siebziger

Geschrieben am 03.07.2020 von

Das System/360 der Firma IBM war der Rechner des Jahrhunderts, sein Nachfolger, das System/370, der Computer des Jahrzehnts. Am 30. Juni 1970 wurden die Modelle 155, 165 und 195 im IBM-Standort Poughkeepsie vorgestellt, an Kunden kamen sie 1971. Weitere Modelle folgten bald. Das System/370 basierte auf der 360-Familie, er brachte aber auch integrierte Schaltkreise mit.

“Wir sind überzeugt, dass die Leistung, die Kompatibilität, die Hardware und die Software das System/370 zu einem Meilenstein der 1970er-Jahren machen, so wie es das System/360 in den Sechzigern war.“ Das sagte IBM-Chef Thomas Watson junior am 30. Juni 1970 auf einem Pressetermin in Poughkeepsie im US-Staat New York. Im Computerwerk der Stadt enthüllte er drei Modelle der Firma, die IBM 370/155, 370/165 und 370/195. Präsentiert wurden außerdem der Plattenspeicher IBM 3330 und der Drucker IBM 3211.

Die Rechner waren, wie der Name andeutete, die Fortsetzung der berühmten IBM 360. Die Pressemitteilung stellte die IBM 370 als völlig neu dar und sprach von dramatisch höheren Leistungen und Speicherkapazitäten. Die technischen Erläuterungen in der Pressemappe waren etwas ehrlicher: „Die grundlegende Architektur des 1964 vorgestellten System/360 wurde für das System/370 erweitert, aber nicht verändert.“ Potenzielle Käufer oder Mieter konnten ihre Programme weiter nutzen und vorhandene Peripheriegeräte anschließen.

Neu war aber, dass alle Modelle der 370-Familie integrierte Schaltungen enthielten. Die Chips der Monolithische System-Technologie MST steckten im Rechenwerk und ebenso im Pufferspeicher. Beim Modell IBM 370/165 enthielt er 8 oder 16 Kilobyte, der Arbeitsspeicher mit Magnetkernen ging von 500 Kilobyte bis drei Megabyte. Bei der IBM 370/155 erreichte der Kernspeicher zwei Megabyte, den Puffer gab es nur mit 8 Kilobyte. Die Taktrate betrug hier 8,7 Megahertz, die Schwester rechnete mit 12,5 Megahertz etwas schneller.

Auch der Plattenspeicher IBM 3330 wurde 1970 vorgestellt. Meist standen mehrere davon nebeneinander, was zum Namen „Kaninchenstall“ führte. (Foto Computer History Museum)

Die beiden Modelle waren sowohl für geschäftliche als auch für wissenschaftlich-technische Zwecke gedacht. Für die Standardversion der IBM 370/155 verlangte Big Blue 48.000 Dollar Monatsmiete oder 2.250.000 Dollar beim Kauf. Die IBM 370/165 war jeweils doppelt so teuer. Die Dritte im Bunde, die IBM 370/195, kostete bis zu zwölf Millionen Dollar; die Kunden – es waren nur etwa zwanzig – mussten bis 1973 auf sie warten. Die preiswerteren Typen wurden schon im Frühjahr 1971 ausgeliefert.

Eine frühe IBM 370 lief in der Universität Bonn; mit ihr lernten Studenten der Mathematik und Informatik das Programmieren. Das geschah nicht per Time-Sharing und am Monitor, sondern mit der guten alten Stapelverarbeitung. Die Studiosi trugen ihre Lochkarten zum Rechenzentrum und erhielten einen halben Tag später die großformatigen Ausdrucke zurück, oft mit der gefürchteten Zeile „Syntax Error“. Der Computer billigte jedem User zwei Sekunden CPU-Zeit zu; das reichte für ein Fortran-Programm mit mehreren hundert Karten.

Im September 1970 kündigte IBM das nächste Modell der 370-Serie an. Die IBM 370/145 ersetzte den Kernspeicher durch Silizium-Chips. Im darauf folgenden März war Modell 135 an der Reihe, im August 1972 wurden die Nummern 158 und 168 bekannt gemacht. Sie wiesen eine virtuelle Speicherverwaltung auf. Im März 1973 kam die IBM 370/115 dran; dazu sagen wir gleich mehr. Die letzte „370“ wurde genau sechs Jahre nach der ersten verkündet: Am 30. Juni 1976 stellte Big Blue die IBM 370/138 und die IBM 370/148 vor.

Die EC 1035 war ein Nachbau der IBM 370 im sozialistischen ESER-Programm. Das Bild nahm Eugen Nosko in Freiberg auf. (Foto Deutsche Fotothek CC BY-SA 3.0 DE seitlich beschnitten)

Das Modell 115 war das kleinste der Familie. Es enthielt aber ebenfalls einen Halbleiter-Speicher mit virtuellen Verwaltung; sein Monitor zeigte sechzehn Zeilen zu 56 Zeichen an. Die monatliche Miete lag unter 10.000 Dollar, der Kaufpreis zwischen 265.000 und 352.000 Dollar. Entwickelt wurde der Computer im Labor Böblingen der IBM Deutschland. Neben der IBM 370/115 konstruierten die Böblinger den Drucker IBM 3203. Je nach Version brachte er pro Minute 600 oder 1.200 Zeilen zu Papier; IBM konnte von ihm 20.000 Stück absetzen.

Ein Ensemble mit jenen Geräten besitzt das Computermuseum der Fachhochschule Kiel. Es ist oben im Eingangsbild zu sehen; wir danken Gabriele Sowada herzlich für das Foto. Die gezeigte IBM 370/115 lief einst in der Kreissparkasse Plön, ein anderer 115-Benutzer der 1970er- und 1980er-Jahre war die ELAC Electroacustic GmbH in Kiel. Vorn erkennen wir den Drucker IBM 3203, hinten an der Wand stehen Plattenlaufwerke des Typs IBM 3340, besser bekannt als Winchester.

Dank des System/370 beherrschte die IBM in den Siebzigern den globalen Computermarkt. 1978 lag der Anteil von Big Blue bei siebzig Prozent. Rechner im Wert von 50 Milliarden Dollar trugen die drei Buchstaben. Drei Jahre später brach ein neues Zeitalter mit zwei Buchstaben an – 1981 erschien der IBM PC. Er ist mittlerweile auch Geschichte. Wer sich aber für historische Mainframes interessierte, findet hier noch schöne alte Filme. Sie entstanden wahrscheinlich für die Präsentation vor fünfzig Jahren.

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Ein Kommentar auf “IBM 370 – der Computer für die Siebziger”

  1. Gabriele Sowada sagt:

    … sehr interessant, die Kittelschürzen!
    Dieses Outfit hatten wir in West-Berlin nicht!

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