Klein und französisch

Geschrieben am 06.04.2018 von

In den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren schrumpften die Elektronenrechner immer mehr; sie konnten von Privatleuten erworben werden und passten auf den Schreibtisch. Einen entscheidenden Fortschritt brachte 1971 der Mikroprozessor: Er komprimierte die Rechenleistung auf einen Siliziumchip. Der erste Mikrocomputer erschien dann 1973 in Frankreich; er hieß Micral. Der Name ist ein Slangausdruck für „klein“.

Nein, mit Hightech hatte unsere Geschichte zunächst nichts zu tun. Alain Perrier arbeitete 1972 im französischen Institut für landwirtschaftliche Forschung, kurz INRA. Dort maß er die Verdunstungen von Gräsern, Pflanzen und Feldern, die sogenannte Evapotranspiration. Die Agronomen nutzten dazu einen Lysimeter, eine Art Waage für Ackerböden. Perrier hatte eine neue Idee. Könnte man nicht in geringer Höhe über der Erde die wechselnden Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten mit Sensoren messen und daraus die Verdunstung ermitteln?

François Gernelle

Messtechnisch war das unproblematisch, knifflig wurde es beim Auswerten der Daten. Dazu brauchte Alain Perrier einen Digitalrechner. 1972 liefen in französischen Universitäten und Forschungsinstituten schon viele Minicomputer, doch musste ein Kauf wohlüberlegt sein. Ein Gerät für die Verdunstungsmessung hätte umgerechnet 40.000 Euro gekostet, was das Budget von Perrier deutlich überstieg. Er kannte aber ein Unternehmen in Orsay südwestlich von Paris. Hier hoffte er einen Computer zu finden, der die Daten für den halben Preis verarbeitete.

Die Firma R2E, ausgeschrieben Réalisations et Études Électroniques, gab es seit 1970. Ihr Personal hatte meist im Luftfahrttechnik-Betrieb Intertechnique gearbeitet. Das galt auch für den 1944 geborenen François Gernelle. Er besuchte in Paris die Ingenieurschule und ging 1968 zu Intertechnique; 1972 wechselte er zu R2E. Ein Mitbringsel war seine Kenntnis des Mikroprozessors Intel 8008, auf den er in der größeren Firma gestoßen war. Er rechnete mit acht Bit und einer Taktrate von 500 Kilohertz; er war seit April 1972 auf dem Markt.

Der Ur-Micral ist 43 Zentimeter breit.   (Foto Computer History Museum)

Im Juni 1972 bestellte Alain Perrier bei R2E einen Computer. François Gernelle und drei Kollegen schafften es bis zum Jahresende, ihn fertigzustellen. Im Inneren steckten der Intel 8008 sowie Speicherchips für zwei Kilobyte. Programmiert wurde alles mit Lochstreifen; die Datenausgabe geschah per Fernschreiber oder Modem. Im Januar 1973 erhielt Perrier seinen Rechner; einen Monat später brachte ihn R2E als Micral N in den Fachhandel. Micral ist französischer Slang für „klein“. Der Preis von 8.500 Franc entspräche heute 7.500 Euro.

Damit war der Micral der erste serienmäßige Computer mit einem Mikroprozessor. Der erste amerikanische Mikrochip-Rechner, der Scelbi-8H, wurde erst im März 1974 angeboten. Er verwendete ebenfalls den Intel 8008 und kam fertig montiert oder als Bausatz. Kastenförmig wie der Micral war im Dezember 1974 der Altair 8800. Er enthielt den 8-Bit-Prozessor Intel 8080 und gab den Anstoß zur Mikrocomputer-Revolution. Der erste Apple erschien 1976, die „Großen Drei“ Apple II, Commodore PET und Tandy TRS-80 folgten 1977.

Der „Mini-Computer“ Scelbi-8H aus dem Jahr 1974

Schon im Dezember 1973 bot R2E für den Micral ein Diskettenlaufwerk an, 1974 erhielt der Computer auch eine Tastatur und einen Bildschirm. Im Laufe der Siebziger gesellten sich zum Micral N die Typen G, S, M, C und V; die letzten vier rechneten mit dem Intel-8080-Chip. 1978 wurde Micral-Hersteller R2E vom französischen Computerriesen CII Honeywell-Bull übernommen, die Marke lief aber noch bis 1983 weiter. Von 1985 bis 1989 hießen die kleinen Computer „Bull Micral“, das letzte Modell war der Bull Micral 600.

Von der Urversion Micral N liegen einige Exemplare in französischen Sammlungen; das wahrscheinlich älteste dürfte aber das im Computer History Museum sein. Es geht auf den früheren R2E-Geschäftsführer André Truong zurück. Im letzten Jahr ersteigerte Paul Allen, Microsoft-Mitgründer und Dollar-Milliardär, einen Micral N für sein Museum in Seattle; der Preis belief sich auf 62.000 Euro. Der Micral in unserem Eingangsbild wurde fotografiert von Rama, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 FR.

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