KlotzComputer

MCS-40: der erste deutsche Mikrocomputer

Geschrieben am 13.01.2026 von

Zu den verborgenen Schätzen des HNF zählt der MCS-40. Der Student Ulrich Klotz stellte ihn vor fünfzig Jahren in der TU Berlin fertig; das Gerät war der erste programmierbare Kleinrechner in Deutschland mit einem Mikroprozessor. Der MCS-40 besaß den Intel-Chip 4040, einen Nachfolger des allerersten Prozessors Intel 4004; er ließ sich an einen Fernschreiber anschließen.

Wer war der Erste in einer technischen Kategorie in einem bestimmten Land? Das ist oft schwer zu sagen. 1973 schuf die Nürnberger Firma Diehl den kleinen programmierbaren Tischrechner alphatronic, der bereits einen Mikrochip enthielt. Wir zögern aber, ihn auch einen Mikrocomputer zu nennen; das Gleiche gilt für den Computer 74, den die Zeitschrift „Elektor“ in jenem Jahr vorstellte. Er verwendete Chips mit logischen Schaltungen, aber eben noch keinen zentralen Mikroprozessor.

Den Preis für den ersten deutschen Mikrocomputer möchten wir stattdessen dem MCS-40 verleihen. Er steht im Depot des HNF, ist im Eingangsbild zu sehen und entstand 1974 und 1975 im Institut für Elektronik der TU Berlin als Diplomarbeit des Ingenieurstudenten Ulrich Klotz. Der Titel seiner Arbeit lautete „Universeller Mikrocomputer mit Testeinrichtung und Software zur Programmerstellung“. Die Bedeutung des Worts Mikrocomputer lag damals noch nicht fest, beim TU-Projekt war aber nicht der Chip, sondern das Gerät gemeint.

Ulrich Klotz wurde 1948 in Marburg geboren; der Vater betrieb dort ein Foto-Studio. Klotz machte elektronische Musik und dachte an eine Karriere als Toningenieur. Nach dem Abitur studierte er zunächst Physik und schrieb sich dann an der Technischen Universität in Berlin ein. Er lernte die Computertechnik näher kennen; 1974 begann er für sein Diplom mit dem Bau eines Vier-Bit-Rechners. Dabei kooperierte er mit einem anderen Studenten, der sich einem Entwicklungssystem für Echtzeit-Anwendungen widmete. Beide Diplomarbeiten betreute der TU-Assistenzprofessor Wolf Martin.

Das Geld für das Studium musste Klotz selbst verdienen; als Praktikant und in den Ferien arbeitete er im Berliner Forschungszentrum der Nixdorf Computer AG. Sein eigener Computer lag im Frühjahr 1975 als Hardware vor, er war fünfzig Zentimeter breit und dreißig Zentimeter hoch. Es dauerte bis Dezember 1975, bis auch das Betriebssystem lief. Die Software wurde Bit für Bit über die Kippschalter auf der Frontplatte eingegeben. Die dreihundert A4-Seiten starke Dokumentation war im Mai 1976 fertig, ein Jahr später erhielt Ulrich Klotz das Diplom.

Ulrich Klotz an seinem Computer; rechts steht ein Teletype-Fernschreiber für die Ausgabe. Das Foto nahm HNF-Geschäftsführer Dr. Jochen Viehoff 2014 in Berlin auf.

Sein Computer trug keinen Namen, der Ausdruck MCS-40 stammte vom US-Hersteller Intel; er bezeichnete den Mikrochip-Satz, der in dem Gerät steckte. Den Mittelpunkt bildete der Prozessor Intel 4040, eine verbesserte Version des Intel 4004. Die Chip-Familie erschien im Herbst 1974, das ist eine Übersicht, hier geht es zum Handbuch. Der gleichnamige Computer war als Lehrsystem gedacht. Man konnte Schritt für Schritt verfolgen, was in dem Prozessor geschah; es ließ sich außerdem ein technischer Vorgang steuern und zum Beispiel eine Metallkugel über einem Elektromagneten in der Schwebe halten.

Nach dem Abschluss des Studiums arbeitete Klotz eine Zeitlang bei einem schwäbischen Drehmaschinen-Hersteller; seine Versuche zur Digitalisierung stießen allerdings auf wenig Gegenliebe. 1979 wurde er Innovationsberater der IG Metall in Hamburg; auch hier musste er oft gegen interne Widerstände ankämpfen. Ab 1984 lehrte er an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, der heutigen TU Hamburg. 1987 kehrte Ulrich Klotz zur IG Metall zurück; im Vorstand der Gewerkschaft betreute er die Forschungs- und Innovationspolitik.

Seine Sympathien für die Hochtechnologie führten immer noch zu Reibereien, und im Jahr 2001 war er Stiftungsprofessor an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Sein Berufsleben beendete er 2011 als Angestellter der IG Metall. Daneben übte Klotz eine rege publizistische Tätigkeit aus; besonders interessierte ihn die Rolle der Software in der Industrie. 1981 wirkte er an einem Buch über Mikrocomputer mit. Darüber hinaus arbeitete er als politischer Berater und Gutachter und gehörte zu der Expertengruppe „Zukunft der Arbeit“ beim Bundeskanzleramt.

Der von Klotz konstruierte Rechner blieb zunächst in Berlin. Als sein Diplom-Betreuer Wolf Martin eine Professur in Hamburg erhielt, nahm er ihn mit und setzte ihn in der Lehre ein. Später gab Martin den MCS-40 dem Urheber zurück. In den 2010er-Jahren erfolgte ein Kontakt zwischen Ulrich Klotz und dem Geschäftsführer des HNF, Dr. Jochen Viehoff. So gelangte der erste in Deutschland gebaute Mikrocomputer nach Paderborn. 2014 kam es zu einem Wiedersehen auf einem Retro-Festival in Berlin, und Klotz sah zu seinem Erstaunen, dass sein Gerät immer noch funktionierte.

Wir bedanken uns bei Ulrich Klotz für viele fachliche Hinweise.

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5 Kommentare auf “MCS-40: der erste deutsche Mikrocomputer”

  1. Karl Jaeger sagt:

    Danke für diesen wunderbaren Beitrag. Auch die Lebensgeschichte von Ulrich Klotz ist beeindruckend und sein Durchhaltevermögen gegen die Widerstände bei der Digitalisierung gerade heute ein Vorbild. Danke auch für den neuerlichen Hinweis auf den Diehl alphatronic. Wie bereits vermutet war es der erste Recner den ich 1974 programmieren durfte. In meinem Beitrag habe ich denVerweis auf das HNF Blog und die Informatiksammlung Erlangen eingefügt https://www.jaeger.network/2024/10/22/50-jahre-programmierung/

  2. Ausfürlicher berichtet Ulrich Klotz über diese Erfahrungen im Teil V des Buches „Mut zu Innovationen“, hrsg. von Wolfgang Scholl.

    1. Das Interview mit Ulrich Klotz ist hier in voller Länge zu sehen:
      http://bit.ly/MzI_IntvwKlotz2019
      Den Link ggf. in den Browser kopieren.
      Dort ist auch ein zweites, späteres Interview zu finden.

  3. Ulrich Klotz sagt:

    Ergänzung: Der im Text erwähnte Kommilitone, der damals an der TU Berlin mit einer zweiten Diplomarbeit bei der Entwicklung von Hard- und Software kooperierte, ist Thomas Diekmann. Er lebt heute in Hamburg – auch im „Unruhestand“.

  4. Ulrich Klotz sagt:

    Anmerkung: Mikrocomputer, d.h. Computer auf Basis eines Mikroprozessor-Chips, gab es schon früher als dedicated Systems. Ab 1971 ersetzten Mikrocomputer in allen möglichen Geräten Feinmechanik durch Elektronik: Rechenmaschinen, Waagen, Uhren etc.
    Demgegenüber war der MCS-40 sicherlich einer der ersten General Purpose Mikrocomputer, die später unter der Bezeichnung Personal Computer weiterentwickelt wurden. Hingegen waren andere Systeme, wie der berühmte Altair 8800, genau genommen noch gar keine Computer, da diesen Bausätzen noch die Software fehlte.
    Ohnehin war der Begriff Mikrocomputer nur kurzlebig, er war nur während der 70er und 80er Jahre populär. In dem Maß, in dem Mikrocomputer allgegenwärtig und meist unsichtbar wurden, verschwand der Begriff allmählich – z. B. enthalten heute viele technische Systeme, wie Autos oft hunderte oder tausende Mikrocomputer.

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