Telstar – Fernsehen über Satellit

Geschrieben am 08.07.2022 von

Ab August 1960 umkreiste der aufblasbare Echo die Erde; er reflektierte Funkwellen und gilt als erster Nachrichtensatellit. Am 10. Juli 1962 hob in Cape Canaveral Telstar 1 ab. Er war der erste Satellit, der TV-Signale empfangen, verstärken und weiterschicken konnte. Er sendete bis zum 21. Februar 1963 und beeinflusste auch die Kultur und den Sport.

Wir erzählten es im Blog: Am 12. August 1960 startete die NASA Echo 1A. Er blähte sich im Weltraum zum Ballon auf; elektrische Wellen prallten an ihm ab. Das machte ihn zum Nachrichtensatelliten. Der erste Satellit, der diesen Namen wirklich verdiente, war jedoch der Courier 1B der US-Armee. Er empfing analoge und digitale Daten, speicherte sie auf Magnetband und strahlte sie zur Erde. Der Satellit flog am 4. Oktober 1960 in Cape Caneveral los; er arbeitete nur siebzehn Tage lang.

Nachrichtensatellit Courier (Foto National Air and Space Museum, Smithsonian Institution)

Zu jener Zeit entwickelten die amerikanischen Bell-Laboratorien, die Geburtsstätte des Echo, ein neues Konzept. Es hieß Telstar und umfasste zwischen 50 und 120 Satelliten. Sie sollten auf Bahnen bis zu einer Entfernung von 7.000 Meilen die Erde umkreisen. Solche Bahnen sind nicht geostationär; die Satelliten würden sich langsam am Himmel bewegen. Zwischen ausgewählten Bodenstationen wäre aber stets ein Trabant verfügbar, der von der einen Station Funkwellen empfangen und an die zweite weitergeben könnte.

Das Projekt schrumpfte dann auf sechs Satelliten zusammen, von denen zwei ins All gelangten, Telstar 1 und Telstar 2. Sie waren kugelförmig wie der Courier 1B, hatten einen Durchmesser von 88 Zentimetern und wogen 78 Kilo. Jeder Satellit empfing Signale der Frequenz 6,39 Megahertz, verstärkte sie mit einer Wanderfeldröhre und sandte sie bei 4,17 Megahertz zur Erde zurück. Den nötigen Strom von fünfzehn Watt lieferten Solarzellen. Übertragen wurden eine Fernsehsendung, 600 einseitige oder 60 zweiseitige Telefonate. Es gab damals schon zwei herkömmliche Telefonkabel auf dem Grunde des Nordatlantiks.

Ein zeitgenössisches Telstar-Foto mit einem Sternenhimmel

In den Morgenstunden des 10. Juli 1962 hob eine Thor-Delta-Rakete der NASA den ersten Telstar auf seine elliptische Bahn; sie reichte von 950 bis zu 5.930 Kilometern Höhe. Eine Erdumkreisung geschah in zwei Stunden und 37 Minuten. Das Stück von Amerika nach Europa dauerte zwanzig Minuten; in dieser Zeitspanne konnte Telstar 1 gleichzeitig von Bodenstationen im US-Bundesstaat Maine, in Südwest-England und der Bretagne verfolgt werden. Transatlantische TV-Übertragungen waren zeitlich beschränkt, und wer telefonierte, musste sich kurz fassen.

Nach dem geglückten Start fanden Tests statt, zu denen Berichte aus den USA, England und Frankreich erhalten sind. Eine deutsche Wochenschau fanden wir nicht, allerdings brachte der SPIEGEL im April 1962 einen langen Artikel über Fernsehsatelliten. Am 13. Juli 1962 kam es zum ersten richtigen Telstar-Termin, einem Telefongespräch zwischen dem französischen Postminister Jacques Marette und Eugene McNeely, Chef des Telefonkonzerns und Telstar-Betreibers AT&T. Es ist ebenfalls im Film überliefert.

Die amerikanische Telstar-Bodenstation verwendete eine riesige Hornantenne.

Am 23. Juli 1962 wurde mit zwei Sendungen der Fernsehdienst eingeweiht. Die erste lief ab 15 Uhr Ostküstenzeit von Amerika nach Europa; sie beginnt in der BBC-Aufzeichnung bei Minute 13:15. Wir erleben ein Baseballspiel, danach Präsident Kennedy, den Astronauten Walter Schirra und Sehenswürdigkeiten der USA und Kanadas. Die Europäer schickten per Telstar-Orbit später ein gemischtes Programm nach Westen. Der deutsche Beitrag startet bei Minute 8:10 mit dem Stahlwerk Rheinhausen. Ein Teil des Films ging aber wohl verloren.

Am 24. Juli 1962 übertrug das TV-Netzwerk CBS eine Modenschau aus Paris. Es löste einen internationalen Skandal aus, denn für Bilder der Haute Couture galt eine strenge Sperrfrist, die die Amerikaner ignorierten. Am gleichen Tag entstanden Fernsehaufnahmen an der Berliner Mauer, die live in die USA geschickt wurden. Dazu existiert auch ein Foto. Harmlos war eine Reportage der BBC aus New York vom 30. Juli; sie stellte unter anderem einen Drugstore vor. Die Bildqualität ist ziemlich bescheiden, was aber niemanden störte.

Der Satellit Telstar 2 startete am 7. Mai 1963.

Telstar 1 funktionierte vier Monate einwandfrei, am 23. November antwortete er nicht mehr. Die Bell-Laboratorien erweckten ihn vor Weihnachten erneut zum Leben, am 21. Februar gab der Satellit endgültig den Geist auf. Grund des Ausfalls war eine Atombombe, die die USA einen Tag vor seinem Start in der oberen Atmosphäre zündeten. Sie erzeugte eine Wolke geladener Teilchen, die Telstar 1 gelegentlich durchflog. Die Partikel setzten der Elektronik zu und knockten sie schließlich aus. Am 7. Mai 1963 startete der Nachfolger Telstar 2. Er arbeitete gut und wurde am 16. Mai 1965 schlicht und einfach abgeschaltet.

Zu diesem Zeitpunkt schwebte bereits Intelsat I alias Early Bird über dem Atlantik. Er benutzte einen geostationären Orbit und folgte der Erdrotation; das Prinzip wurde zum Standard für TV-Satelliten. Den Telstars bleibt der Ruhm der Pioniere. Sie waren eine Mediensensation und beeinflussten nicht nur die Raumfahrttechnik, sondern auch die populäre Kultur. So schuf die englische Band Tornados eine musikalische Ausgabe. Am 22. Juli 1962 aufgenommen und ab August im Laden, ist die Platte ein Instrumental-Klassiker. Heinz Burt, der blonde Gitarrist der Gruppe, stammte aus Detmold.

Rund wie ein Nachrichtensatellit: Fußball Telstar

Telstar inspirierte französische Modeschöpfer, deutsche Friseure – bitte zu Minute 4:45 gehen – und eine Sportartikelfirma in Herzogenaurach. Sie bescherte 1970 der Welt den Telstar-Fußball mit schwarzen Fünfecken auf weißem Grund. Die wichtigste Auswirkung des Telstar-Fiebers in Deutschland war aber die Erdfunkstelle Raisting. Die ZEIT beschrieb im September 1962 ihre Anfänge; 1965 nahm sie den Betrieb auf. Der Name Telstar schmückte ebenso Konsolen für Computerspiele und ab 1983 wieder Satelliten.

Weitere Details zu unserem Telstar liefern NASA-Broschüren, die man hier aufrufen kann, und ein Farbfilm der Bell-Laboratorien. Im Eingangsbild oben sehen wir ein nicht geflogenes Modell im National Air and Space Museum in Washington. Seine Geschwister umkreisen aber noch immer die Erde und können hier und hier verfolgt werden. Schließen möchte wir mit einer italienischen Wochenschau; sie zeigt, wie Telstar 1 die Stadt Alba im Piemont auf den Kopf stellte. Mamma mia!

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