Von der Schallplatte zur Silberscheibe

Geschrieben am 16.08.2022 von

Die Compact Disc hat wie andere Erfindungen mehrere Geburtstage. Wir möchten den 17. August 1982 feiern. An diesem Datum wurde in Hannover zum ersten Mal eine Musik-CD in Serie gefertigt. Sie gab Walzer von Frédéric Chopin wieder. Die gemeinsame Entwicklung der Firmen Philips und Sony war das erste globale Beispiel für eine Digitalisierung im Konsumentenbereich.

Der SPIEGEL nannte ihn den Krisen-Sommer ’82. Die Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt ging langsam ihrem Ende entgegen, hinzu kamen 1,8 Millionen Arbeitslose. Am 9. August 1982 meldete der AEG-Konzern seine Insolvenz, neun Tage später kündigte das Volkswagenwerk wegen schlechter Absätze Kurzarbeit an. Am Tag zuvor, am 17. August 1982, gab es aber ein erfreuliches Ereignis. Im Norden von Hannover begann die großtechnische Produktion von Musik-CDs.

CD-Entwickler Kees Schouhamer Immink mit einem seiner Preise, der „Emmy“ von 2003

Die Compact Disc ist ein Gemeinschaftswerk der Firmen Philips und Sony. Sie wurzelt in den Bildplatten der 1970er-Jahre, von denen analoge Video-Informationen mit Lasern gelesen wurden. Sowohl Philips als auch Sony befassten sich damals mit Systemen, die in ähnlicher Weise digitale Audio-Daten speicherten. 1978 drangen aus den Niederlanden erste Einzelheiten an die Öffentlichkeit. Am 8. März 1979 enthüllte Philips-Manager Joop van Tilburg in Eindhoven die Ur-CD mit 11,5 Zentimetern Durchmesser, wie die „Funkschau“ berichtete.

Es liefen aber schon seit 1978 Gespräche zwischen den Spitzen von Philips und Sony über ein Joint Venture. Ab August 1979 trafen sich Entwickler der beiden Firmen regelmäßig und legten das System fest. Der Durchmesser der CD vergrößerte sich dabei von 11,5 auf zwölf Zentimeter. Der Legende nach geschah das, um Speicherplatz für die Neunte Symphonie von Beethoven zu schaffen. Wie jedoch Philips-Ingenieur Kees Schouhamer Immink schrieb, war es eher das Bestreben von Sony, Philips Wettbewerbsvorteile wegzunehmen.

„Rille“ einer CD mit sogenannten Pits: die Linie steht für zwei Mikrometer.

Immink gilt als Vater des Datenformats, mit dem CD-Inhalte gespeichert werden. Die 0-1-Folgen, die sich aus der Digitalisierung eines Musikstück ergeben, liegen spiralförmig auf der Scheibe; im Unterschied zur Schallplatte verläuft sie von innen nach außen. Die „Rille“ der Compact Disc besteht aus kurzen oder längeren Vertiefungen, den Pits, auf die jeweils ein flaches Stück folgt, das Land. Der Sensor des CD-Players erkennt mit dem Laser die Wechsel von Pit zu Land und von Land zu Pit; die Übergänge werden dann zu einer 1 und die Abschnitte dazwischen zu einer Reihe von Nullen.

1980 fassten die Philips- und Sony-Ingenieure alle Details im Red Book zusammen; später wurde daraus ein weltweiter Standard. Am 15. April 1981 stellten Stardirigent Herbert von Karajan, Sony-Chef Akio Morita und Abgesandte von Philips und der Plattenfirma PolyGram die CD in Salzburg vor. Die Normalverbraucher konnten die neue Technik im September 1981 auf der Berliner Funkausstellung erleben. Im ORF-Film erscheint sie ab Minute 5:50, in der Wochenschau bei Minute 8:15. Am 3. Dezember 1981 erklärte die BBC das Verfahren anhand einer Silberscheibe von den Bee Gees – bitte zu Minute 2:10 gehen.

Der erste CD-Player: Sony CDP-101 (Foto Atreyu CC BY 3.0)

Im Mai 1982 erläuterte das Schweizer Fernsehen die Geheimnisse der Compact Disc und zeigte ein Abspielgerät. Im Juni gab es wieder einen Karajan-Termin. Der Maestro führte eine CD mit der Alpensinfonie von Richard Strauss vor. Am 17. August 1982 kam der große Tag. Im PolyGram-Werk in Hannover-Langenhagen startete die erste serienmäßige CD-Produktion. PolyGram gehörte in einem komplizierten Geflecht teils zu Philips und teils zu Siemens; zu ihren Labels zählten Decca, Polydor und Deutsche Grammophon.

Die in Hannover gefertigten Compact Discs enthielten Chopin-Walzer, eingespielt vom bekannten Pianisten Claudio Arrau. Er war persönlich zugegen und drückte den Knopf der Pressmaschine. Einblicke in das Werk liefert ein französischer TV-Bericht von 1983 ab Minute 3:10. 1984 filmte der Deutschlandspiegel; der hannoversche Teil läuft ab Minute 8:00. Bis 1985 wurden in Langenhagen 26 Millionen CDs gebrannt. Im gleichen Jahr ging eine weitere CD-Fabrik in den USA in Betrieb; an ihr war auch Sony beteiligt.

Das europäische Gegenstück: Philips CD100

Am 1. Oktober 1982 brachte Sony den ersten CD-Player auf den Markt. Der CDP-101 war zunächst nur in Japan erhältlich, wo er umgerechnet 2.300 DM kostete. Das äquivalente Modell Philips CD100 erschien einen Monat später. Danach folgten immer mehr Geräte; hier ist das Angebot von Ende 1983. Die Verkäufe von CDs überschritten in Deutschland 1991 die 100-Millionen-Marke, das erfolgreichste Jahr war 2001 mit 134 Millionen verkauften Scheiben. Danach gingen die Absätze zurück, vor allem durch die Verbreitung von Online-Musik. 2021 wurden bei uns 25 Millionen Alben erworben.

Die Firma PolyGram gibt es nicht mehr, auch das Presswerk in Hannover schloss. An seiner Stelle sitzt der Grammophon Büropark; der Name erinnert an die Deutsche Grammophon-Gesellschaft der Schallplatten-Pioniere Emil und Joseph Berliner. Emil Berliners Platten aus den 1890er-Jahren bestanden aus Hartgummi und hatten 12,5 Zentimeter Durchmesser, sie waren also kaum größer als eine CD. Letztere bescherte uns vor vierzig Jahren eine globale Digitalisierung, doch der technische Fortschritt ist manchmal kleiner als man denkt.

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