Als Wau Holland ins HNF kam

Geschrieben am 29.07.2021 von

Heute vor zwanzig Jahren starb Herwart Holland-Moritz, besser bekannt als Wau Holland, in Bielefeld. Er wurde 1951 in Kassel geboren; ab 1981 machte er den Chaos Computer Club zu einer weltbekannten Hacker-Vereinigung. Am 16. Oktober 1997 nahm er im ein Jahr zuvor eröffneten HNF an einer Podiumsdiskussion teil. Wir haben uns das Video dazu angeschaut.

„Hacker laden zum Gespräch“ und „Geschichte der Hacker in Deutschland“ – so war die Veranstaltung überschrieben, die am 16. Oktober 1997 im Heinz Nixdorf MuseumsForum über die Bühne ging. Das HNF war seit einem knappen Jahr für das Publikum geöffnet, und auf dem Podium des großen Saales saß der wohl bekannteste deutsche Datenreisende, Herwart Holland-Moritz alias Wau Holland.

Neben ihm nahmen der 26-jährige Andy Müller-Maguhn und der 1967 geborene Boris Gröndahl Platz. Müller-Maguhn war Sprecher des Chaos Computer Clubs CCC, Gröndahl arbeitete als freier Journalist und hatte die Hacker-Abteilung des HNF eingerichtet. Er leitete das Gespräch. Den damals 45 Jahre alten Wau Holland stellten wir schon 2016 im Blog vor. Er wuchs in Kassel auf, besuchte in Marburg das Gymnasium und zog nach dem Studium – das er nicht abschloss – nach Hamburg. 1981 gründete er den CCC und startete damit die deutsche Hackerszene.

Als die HNF-Veranstaltung stattfand, hatten sich die Szene und auch der Chaos Computer Club gewandelt. Man ging nicht mehr per Akustikkoppler ins Internet, sondern mit dem Modem ins World Wide Web. Nun konnten Computer-Laien Mails verschicken und durchs Netz surfen;  spektakuläre Aktionen wie der NASA-Hack oder der KGB-Hack fanden nicht mehr statt. Die Diskussion auf dem HNF-Podium behandelten vor allem die 1980er-Jahre, als die Hacker mit dem Datenklo ihre Streifzüge antraten. Wau Holland schilderte außerdem Jugenderinnerungen.

Das legendäre und illegale „Datenklo“: der Name leitet sich aus den Muffen ab, die aus der Sanitärtechnik stammen.

Einige Ausführungen wollen wir rekapitulieren; Grundlage ist die Videoaufzeichnung der Veranstaltung. Gleich zu Beginn und angeregt durch einen HNF-Rundgang lobte Holland Hans Magnus Enzenzbergers Aufsatz Baukasten zu einer Theorie der Medien von 1970. Faszinierend ist seine Geschichte von Blinden in Marburg, die mit technischen Tricks Selbstwähl-Telefonate mit Teilnehmern in der DDR führten. Beim Thema Bildschirmtext erzählte Wau Holland von einem Systemfehler, der das nachträgliche Ändern von E-Mails – also im Speicherplatz des Empfängers – ermöglichte.

Zum Btx-Hack von 1984 verriet er, dass die Firma IBM danach einen Millionenauftrag für ein ähnliches System in Skandinavien verlor. Zitat: „Da ist uns hinterher doch ein bisschen mulmig geworden.“ Holland gab weiterhin preis, dass die Sicherungsgruppe der Deutschen Bundespost im CCC den Namen „Postgestapo“ trug. Vierzig Minute nach ihrem Beginn widmete sich die Diskussion der Hacker-Ethik; diese enthält auch zwei Gebote des CCC. Andy Müller-Maguhn berichtete vom bösen Hacker Zombie, der Computer abstürzen ließ, wenn er schlechte Laune hatte

Wau Holland sprach dann über die Computer-Studie des CCC für die Grünen sowie über ein dramatisches Ereignis aus der Club-Geschichte. Im März 1988 wurde sein Kollege Steffen Wernéry in Paris festgenommen; er saß anschließend zwei Monate in Untersuchungshaft. In der Paderborner Diskussion vermutete Holland, dass das Motiv der Festnahme deutsche Hacker-Besuche im Rechner eines französischen Zementwerks gewesen waren. Die Fabrik hätte wahrscheinlich Kunden aus dem Militär oder der Atomtechnik beliefert.

Das „CCC-Telefon“ besaß eine Tastatur aus Hongkong und zeigte den technischen Rückstand der Bundespost.

Nach achtzig Minuten konnten die Zuhörer Fragen ans Podium stellen. Gleich die erste von einem Paderborner Bürger hatte es in sich: „Herr Holland, man merkt Ihnen an, dass es Ihnen ungeheure Freude macht, Daten einzusehen, die nicht für Sie bestimmt sind. Ich persönlich würde mich besch***en fühlen, wenn ich mich in die Garderobe schleichen und in Ihrer Brieftasche herumschnüffeln würde.“ In seiner Antwort berief sich Wau Holland auf das Recht, gegen die Geheimhaltung von Behörden vorzugehen, selbst wenn das illegal wäre: „Dafür würde ich freiwillig in den Knast gehen.“ Ein Mann, ein Wort!

Bei der Frage „Wie mache ich denn jetzt so einen Hack?“ mussten Andy Müller-Maguhn und Wau Holland passen. Am Ende der Debatte drückte der CCC-Gründer seine Hochschätzung der Enzyklopädie aus, des französischen Mammut-Lexikons aus dem 18. Jahrhundert. Im Sammeln und Anbieten von Wissen sah er die Zukunft des Internets. Das voll ausgebaute Internet Archive hat Wau Holland leider nicht mehr erlebt. Im Mai 2001 erlitt er in Bielefeld einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 29. Juli 2001 starb.

Hier kann man sich einen Vortrag von 1998 anhören, in dem Holland gleichfalls auf die Geschichte des CCC einging; ein „audiovisueller Pressespiegel“ findet sich hier. Aus dem Jahr 2000 ist ein langes zweiteiliges Video mit Wau Holland überliefert. An seinem heutigen 20. Todestag läuft der Dokumentarfilm Alles ist eins. Ausser der 0. in deutschen Kinos an. Schließlich sei noch an die Wau Holland Stiftung erinnert, die seinen Nachlass bewahrt und Projekte in seinem Geiste fördert. Die Hacker-Abteilung des HNF liegt im 2. Obergeschoss in der Nähe der Videospiele.

Unser Eingangsbild zeigt Wau Holland am Abend des 16. Oktober 1997 im HNF.

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