Wie das Web weltweit wurde

Geschrieben am 05.08.2016 von

In der ersten Zeit erstreckte sich das World Wide Web nur über das Kernforschungszentrum CERN in Genf. Am 12. Juni 1991 stellte der Erfinder des Netzwerks, der englische Informatiker Tim Berners-Lee, das Projekt in einem Seminar vor. Am 6. August 1991, also vor 25 Jahren, machte er es über eine Newsgroup in aller Welt bekannt.

Vor Weihnachten berichteten wir bereits über die Anfänge des World Wide Web, der neben E-Mail wichtigsten Anwendung des Internets. Heute geht es um die Frage, wie sich das Netzprojekt von Tim Berners-Lee weiterentwickelte und vor 25 Jahren seinen Siegeszug über den Globus antrat.

Der englische Informatiker stellte seine Software Ende 1990 im europäischen Kernforschungszentrum CERN fertig, das am Stadtrand von Genf teils in der Schweiz, teils im benachbarten Frankreich liegt. Dort lief sie zunächst nur auf wenigen Computern der Marke NeXT. Im Frühjahr 1991 schrieb Nicola Pellow, Praktikantin von Berners-Lee, einen einfacher Browser. Er schuf einen Zugang für andere Rechnertypen, wenngleich er nicht die grafischen Qualitäten des NeXT-Menüs besaß.

Seit dem 17. Mai 1991 lief das WorldWideWeb – das schrieb man noch zusammen – auf zentralen Computern im CERN. Zusammen mit seiner Praktikantin und dem belgischen Kollegen Robert Cailliau veranstaltete Tim Berners-Lee am 12. Juni 1991 ein Seminar über das Programm. Berners-Lee sprach über seine Software und Nicola Pellow über ihren Browser. Zuvor stellte Robert Cailliau das Konzept des Hypertext vor, das die Informatiker schon kannten. Allerdings betraf es nicht Netzwerke, sondern Texte auf einem oder mehreren Speichern, die untereinander verlinkt waren.

Das WorldWideWeb-Seminar vom 12. Juni 1991 (Foto CERN)

Das WorldWideWeb-Seminar vom 12. Juni 1991 (Foto CERN)

Die WorldWideWeb-Gruppe stand vor einem Problem. Es fehlten Programmierer, die leistungsfähige Web-Browser für die Betriebssysteme von Microsoft, Apple sowie für Unix verfassen konnten. Die Lösung kam in Gestalt des amerikanischen Softwaregurus Richard Stallman, der das CERN am 26. Juni 1991 besuchte. Er entstammt der alten Hackerkultur, die an die uneingeschränkte Weitergabe von Programmen glaubte. Er warb überall für freie Software und brachte Berners-Lee auf eine Idee.

Seit 1980 umfasste das Internet das Usenet. Es enthielt virtuelle Newsgroups zu unterschiedlichen Themen. Dazu gehörte die Gruppe alt.hypertext, die sich der erwähnten Speichertechnik widmete. Am 2. August 1991 postete der Informatiker Nari Kannan von seinem Büro in der US-Firma Digital Equiment folgende Fragen: „Weiß ein Leser Näheres über Forschungs- oder Entwicklungsarbeiten über 1. Hypertext-Links zu mehreren heterogenen Informationsquellen? 2. ‘Qualifizierte Hypertext-Links’: Damit meine ich das Hinzufügen von inhaltlichen Informationen.“

Vier Tage später, am 6. August 1991 um 14:56 Uhr Greenwich-Zeit, traf die Antwort vom CERN ein: „Das Projekt WorldWideWeb (WWW) strebt an, Links zu beliebiger Information an beliebigen Orten zu erlauben.“ Es folgte eine Beschreibung der Werkzeuge, die in jenem Projekt zur Verfügung standen: der Prototyp eines Hypertext-Editor für NeXT-Computer, ein Browser im Zeilenmodus – das war natürlich der von Nicola Pellow – und ein Hypertext-Server.

Danach folgte die Aufforderung „Wenn Du Dich für den Code interessierst, schicke eine Mail“. Nach einigen Erläuterungen endete der Text mit „Wir sind sehr interessiert, das Web in andere Regionen zu übertragen, und haben Server für weitere Daten. Wir suchen Mitarbeiter! Ich poste noch eine Zusammenfassung als separaten Beitrag“. Unterzeichnet war das Ganze von Tim Berners-Lee vom World Wide Web Projekt – diesmal versehentlich auseinander geschrieben.

Status-Skizze von Tim Berners-Lee vom Frühjahr 199, das die fehlenden Browser zeigt (Foto W3C) fehlendne Browswern

Status-Diagramm von Tim Berners-Lee aus dem Frühjahr 1991, das oben die fehlenden Browser zeigt (Foto W3C)

Um 16 Uhr erschien die WorldWideWeb – Executive Summary: „Das Projekt WWW vereinigt Datenbanken und Hypertext zu einem leicht bedienbaren, aber leistungsstarken globalen Informationssystem.“ Die Summary nannte die Browser-Datei, die über den Internetknoten info.cern.ch erhältlich war, und die erste globale Website http://info.cern.ch/hypertext/WWW/TheProject.html. Sie war mit dem Browser lesbar und brachte zusätzliche Informationen.

Die Seite wurde 2013 vom CERN wieder aktiviert. Wer sie möglichst original erleben möchte, sollte den alten Browser starten. Er ist gewöhnungsbedürftig, doch das hielt das WorldWideWeb bzw. World Wide Web nicht auf. Eine wichtige Rolle spielten die neuen Browser, allen voran Viola von 1991/92 und Mosaic von 1993. Sie bildeten die Basis der späteren Fenster-Systeme. Die Idee von Tim Berners-Lee, das Programmieren an die Computer-Nerds auszulagern, hatte funktioniert. Im Januar 1993 zählte man 50 Webserver, im Oktober schon über 500. Und danach gab es kein Halten mehr.

Einen Eindruck vom weltweiten Aufbruch des Web liefert das Archiv der Mailingliste www-talk. Tim Berners-Lee startete sie im Oktober 1991. Am 13. Dezember postete er die Nachricht vom ersten Webserver in den USA, der im Forschungsinstitut SLAC in Kalifornien lief. Wenig später flog er zur Hypertext-Konferenz im texanischen San Antonio; dort entstand unser Eingangsbild (Copyright CERN). Wahrscheinlich sucht man gerade das ortsansässige Pokémon.

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2 Kommentare auf “Wie das Web weltweit wurde”

  1. Ulrich Klotz sagt:

    Mit Jubiläen ist das ja immer so eine Sache. Robert Cailliau und Tim Berners-Lee setzten auf vielerlei Vorarbeiten anderer auf – von Vannevar Bush über Ted Nelson bis hin zu Bill Atkinson und einigen mehr. Mit anderen Worten: das WWW war nicht die Erfindung eines Einzelnen, sondern es ist das Ergebnis der Arbeiten von ziemlich vielen Menschen, die sich über einen langen Zeitraum erstreckten. Man kann Entwicklungen besser verstehen, wenn man solche Zusammenhänge im historischen Verlauf aufzeigt und nicht den Eindruck erweckt, als ginge es um die plötzliche geniale Idee eines Einzelnen, die quasi vom Himmel gefallen ist. Oft war es viel mehr das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, als die individuelle Genialität, die im Nachhinein manchen bekannten Namen zugeschrieben wird. Ein Buch, welches die verbreiteten Mythen um einzelne Personen der jüngeren IT-Geschichte etwas entzaubert – „Accidental Empires“ von Mark Stephens (alias Robert X. Cringely) – hat übrigens auch in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum.

  2. HNF sagt:

    Vielen Dank! Das stimmt natürlich. Mehr zum Thema hatten wir schon mal im Blog: http://blog.hnf.de/world-wide-weihnachten/

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