Der Visionär der Schreibmaschine

Geschrieben am 15.08.2017 von

Vor 100 Jahren, am 15. August 1917, starb in Stamford nahe New York der Fabrikant George Blickensderfer. 1850 geboren, erfand er in den 1880er-Jahren die Schreibmaschine mit Typenrad. Er stellte sie 1893 vor. Sie war ein Verkaufserfolg und wurde in viele Länder exportiert. 1902 brachte er eine elektrische Schreibmaschine heraus, die aber am Markt durchfiel.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert war das Angebot an Schreibmaschinen ziemlich bunt. Es gab die vertraute Ausführung mit Typenhebeln, aber auch Modelle mit Typenbügeln, Typengummis, Typenschiffchen, Typenscheiben, Typenstangen und Typenplatten. Außerdem existierten Maschinen mit Typenrädern und -zylindern, auf die wir noch genauer eingehen. Unterschieden wurden darüber hinaus solche mit Voll-, Halb-, Drittel- und Vierteltastaturen sowie Unter-, Ober- und Vorderaufschlag.

Als George Blickensderfer am 13. Oktober 1850 in der amerikanischen Stadt Erie geboren wurde, kannte man noch keine Schreibmaschinen. Der zehnjährige George träumte deshalb zunächst von einem Fluggerät, das er aber nicht realisierte. Als junger Mann erfand er ein Seilbahnsystem, um Lasten durch Fabrikhallen zu transportieren. Wie es scheint, fand er Kunden, was lange Dienstreisen mit der Eisenbahn bedeutete. Dabei kam er auf eine ganz andere Idee, eine Schreibmaschine für die Reise und fürs Hotel.

Typenrad-Patent von George Blickensderfer

1886 begann Blickensderfer, ein solches Gerät zu entwickeln. 1887 meldete er das erste Patent an. 1888 folgte die Anmeldung für ein Typenrad. 1889 gründete er in der Stadt Stamford eine Firma zur Herstellung von Schreibmaschinen. Stamford liegt 50 Kilometer nordöstlich von New York im Bundesstaat Connecticut. 1893 reiste er mit zwei fertigen Maschinen zur Weltausstellung nach Chicago. Dort führte seine Sekretärin das erstaunlich modern aussehende Modell 1 und das kleine und handliche Modell 5 vor.

Anders als von Blickensderfer erwartet, weckte die Nummer 5 das Interesse der Besucher. Dementsprechend ging diese Maschine in die Serienproduktion. Ein Exemplar aus dem HNF ist im Bild unten zu sehen. Über dem Schildchen erkennt man das Typenrad. Die Maschine enthält nicht die bekannte QWERTY-Tastatur, sondern verwendet ein von Blickensderfer ersonnenes „wissenschaftliches“ System. Dabei sitzen die am häufigsten vorkommenden Buchstaben in der vorderen Reihe.

Blickensderfer-Modell 5 mit ZXKGB-Tastatur

Auf Wunsch konnte man aber auch QWERTY-Maschinen erhalten wie das Modell 6 aus dem Eingangsbild. Es kam 1902 heraus und bestand zum größten Teil aus Aluminium; deshalb wurde es auch als „Federgewicht“ angeboten. Schon 1897 erschien das Modell 7, eine Luxusausführung von Modell 5. 1908 brachte die Firma das Modell 8 mit Tabulator heraus. Zwei Jahre später wurde Modell 9 produziert. Das HNF besitzt neben der Nummer 5 auch die Blickensdorfer-Typen 6, 7 und 9.

Die innovativste Konstruktion von George Blickensderfer ist ohne Zweifel die elektrische Schreibmaschine. Die „Blick Electric“ wurde 1901 auf der Pan-Amerikanischen Ausstellung in Buffalo vorgestellt, also nicht weit von Blickensderfers Geburtsort, und ab 1902 verkauft. Sie fiel aber auf dem Markt durch, woran die lückenhafte und uneinheitliche amerikanischen Elektrifizierung die Hauptschuld trug. Die erste elektrische Schreibmaschine, die größere Stückzahlen erlebte, war 1921 die Mercedes Elektra aus Zella-Mehlis.

Eine elektrische Blickensderfer aus dem Technikmuseum Mailand (CC BY-SA 4.0)

Der Ausbruch des 1. Weltkriegs brachte schwere Einbußen für Blickensderfers Fabrik, da wichtige Exportmärkte wegfielen. Das galt erst recht, als die Vereinigten Staaten im April 1917 in den Krieg eintraten. George Blickensderfer starb wenig später, am 15. August 1917. Seine Firma wurde 1919 verkauft. Insgesamt stellte sie rund 200.000 Schreibmaschinen her, in der besten Zeit im frühen 20. Jahrhundert 10.000 Stück pro Jahr. Die Stadt Stamford bietet zu ihm eine informative Website an.

Blickensderfers wichtigste Erfindung, das Typenrad, finden wir leicht verändert in der AEG Mignon. Die Kleinschreibmaschine von 1903 hat einen Typenzylinder, der mit einem Zeiger eingestellt wird. 1961 brachte IBM die Selectric mit einem Kugelkopf heraus. Im Unterschied zum fest montierten Typenrad fährt der Kopf die Walze entlang. 1978 präsentierte Olivetti die TES 401 mit bewegtem Typenrad. Zur selben Zeit verbreiteten sich Drucker mit Daisy Wheels, womit auch George Blickensderfer im Computerzeitalter anlangte.

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