Gefangen im Netz: Wenn das Surfen zur Sucht wird

Geschrieben am 04.09.2015 von

Süchtig machen nicht nur Alkohol, Nikotin, Tabletten und Rauschgifte, es gibt auch Tätigkeiten, die zu seelischer und körperlicher Abhängigkeit führen, wie etwa das Spielen an Automaten. Schon seit 1988 beschäftigen sich Psychologen mit Menschen, die vom Internet besessen sind. Vor allem Frauen taten sich bei der Erforschung und der Therapie der neuen Sucht hervor.

Der Erste, der es ahnte, war Joseph Weizenbaum. Der 1923 in Berlin geborene und 2008 verstorbene deutsch-amerikanische Informatiker schilderte 1977 in einem Buch einen neuen Typ von geistig Verwirrten, die er im Rechenzentrum seiner Universität antraf: die zwanghaften Programmierer, „aufgeweckte junge Männer mit zerzaustem Haar, die oft mit tief eingesunkenen, brennenden Augen vor dem Bedienspult sitzen“. Sie arbeiten bis zum Umfallen, zwanzig, dreißig Stunden am Stück, und wenn möglich, „schlafen sie sogar auf einer Liege neben dem Computer“.

Weizenbaum sprach nicht von Sucht, sondern von einer Psychopathologie, also von einer seelischen Erkrankung, die er mit zwanghaftem Spielen am Roulettetisch verglich. Als er sein Buch schrieb, gab es in den USA schon ein Computernetz, das die Hochschulen des Landes verband, das ARPANET, doch dürfte er primär an Menschen gedacht haben, die den Rechner vor Ort programmieren. Zehn Jahre später hatten sich Hard- und Software ein ganzes Stück weiterentwickelt. Jetzt rückten auch Online-Benutzer ins Blickfeld der psychologischen Forschung.

1988 erstellte Margaret Shotton an der Loughborough University – diese liegt südlich der englischen Stadt Nottingham – als Doktorarbeit „An exploratory study of computer dependency“, zu Deutsch „Eine Forschungsstudie über Computerabhängigkeit“. Darin untersuchte sie neben zielgerichteten Nutzern („Workers“) und Gelegenheitsprogrammierern („Explorers“) auch „Networkers“, die per Telefon und Modem auf das Computerspiel MUD alias Multi-User Dungeon zugriffen.

Trotz aller Abhängigkeit stellte Margaret Shotton bei den MUD-Netzwerkern noch keine krankhafte Besessenheit fest, sondern nur eine Nutzung des Computers als Spielzeug und „fascinating hobby“. Insgesamt verneinte die Autorin die Existenz einer Programmier- oder Onlinesucht – auf Englisch „addiction“ – und die Buchausgabe ihrer Dissertation, die 1989 in London erschien, trug im Titel dann auch ein Fragezeichen: „Computer Addiction? A study of computer dependency“. Diese entspannte Sicht der Dinge sollte sich aber bald wieder ändern.

Am 8. März 1995 brachte die „New York Times“ einen langen Beitrag von Molly O’Neill über „The Lure and Addiction Of Life On Line”. Der Artikel beschrieb die traurigen Schicksale von Menschen, die dem Reiz des Online-Lebens erlagen und einen unstillbaren Drang danach entwickelten. Acht Tage später setzte der New Yorker Psychiater Ivan K. Goldberg eine ebenso langen Text in eine psychologische Internet-Newsgroup, der die Gründung einer „internet-addiction-support-group for those with acute or chronic Internet Addiction Disorder“ verkündete.

Die dort erwähnte Gruppe wie auch die akute und chronische „Internet Addiction Disorder“ waren allerdings Erfindungen von Goldberg, der mit seinem Text den amerikanischen Katalog seelischer Störungen parodieren wollte. Dieses Verzeichnis mit dem Kürzel DSM („Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“) wird alle paar Jahre upgedatet und in einer Übersetzung auch bei uns benutzt. Viele Leser der Newsgroup nahmen Goldbergs scherzhafte Diagnose für bare Münze, und der Psychiater wurde mit Fallgeschichten geradezu überschwemmt.

Damit begann die ernsthafte Geschichte der Onlinesucht und ihrer Behandlung. Noch 1995 gründete die amerikanische Psychologie-Professorin Kimberly Young das Center for Internet Addiction Recovery, zu Deutsch Zentrum für die Heilung von Internetsucht. 1996 erstellte sie eine Liste von Diagnose-Kriterien, von denen mindestens fünf vorliegen müssen, um eine Sucht anzuzeigen, 1998 verfasste sie das Buch „Caught in the Net“, das mit dem Untertitel „Suchtgefahr Internet“ auch bei uns herauskam.

Nach und nach bildete sich ein Konsens zur Definition der Besessenheit heraus. Signifikant sind die Computerspiel-Abhängigkeit, die Abhängigkeit von sozialen Netzen und die Cybersexsucht. Darüber hinaus gibt es digitale Varianten von bekannten zwanghaften Verhaltensweisen – Online-Glücksspiel, Online-Shopping und -Auktionen und Online-Arbeitssucht. Im offiziellen Verzeichnis der seelischen Störungen DSM ist bislang aber nur das pathologische Glücksspiel verzeichnet.

Zur Jahrtausendwende erreichte das Thema auch Deutschland. Die Universitätsangestellte Gabriele Farke, die sich aus einer jahrelangen Chat-Abhängigkeit befreit hatte, gründete 1999 in Langenfeld bei Düsseldorf den Verein HSO – Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige. Später schrieb sie die Bücher „OnlineSucht“ (2003) und „Gefangen im Netz?“ (2011) und startete eine Website. Ebenfalls 1999 führte die Berliner Humboldt-Universität eine Online-Umfrage zum Thema durch, an der mehr als 8.000 Menschen teilnahmen. Ergebnis: In der Bundesrepublik leben rund 300.000 Internetbesessene.

Den aktuellsten Einstieg in Fragen der Internetsucht bietet das Buch „Digital Junkies“ von Bert te Wildt, das 2015 in München erschien. Der Autor leitet in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Bochum die Spezialambulanz für Internet- und Computerspielabhängigkeit. Für Betroffene gibt es außerdem noch den Fachverband Medienabhängigkeit, Selbsthilfeportale für Rollenspielsucht und Mediensucht, die Stiftung Medien- und Onlinesucht sowie die Ambulanz für Spielsucht der Universitätsmedizin Mainz. Last not least empfehlen wir diese Wikipedia-Seite.

 

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4 Kommentare auf “Gefangen im Netz: Wenn das Surfen zur Sucht wird”

  1. Marcel sagt:

    Neben dem Pc wird mittlerweile das Handy immer mehr zur Suchtfalle. Man muss nicht mehr unnötig zum PC rennen sondern holt eben mal schnell das Handy raus um zu sehen was es wider neues gibt. Man mag es nicht zu geben aber diese Sucht haben wir alle .

  2. B. P. sagt:

    Wo hört die normale Nutzung auf, wo fängt die Computer-Sucht an? Ich interessiere mich gerade für Cybersex-Sucht, gibt es dazu Studien?

    1. HNF sagt:

      Hallo B.P.! Das im Text zitierte Buch „Digital Junkies“ von Bert te Wildt bietet weiterführende Informationen zum Thema Cybersex-Studien.

  3. Julia sagt:

    Stimmt, ich finde Smartphones machen heutzutage viel süchtiger als PCs. LG, Julia

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