Wenn der Elektromensch kommt

Geschrieben am 08.02.2016 von

Vor hundert Jahren, am 8. Februar 1916, lief in einem Berliner Kino „Die große Wette“ an, der erste deutsche Film, in dem ein Roboter die tragende Rolle spielte. Regie führte Harry Piel, der auch das Drehbuch schrieb. Der Film ist nicht erhalten, doch Fotos, Anzeigen und historische Berichte vermitteln uns ein gutes Bild von ihm.

„Lage überall unverändert.“ – So lautete die Schlagzeile im Berliner Tageblatt am Dienstag, dem 8. Februar 1916. Gemeint war die militärische Lage, in diesem Fall an der Front in Osteuropa, an der deutsche und österreichisch-ungarische Truppen gegen die Armee des russischen Zaren standen. Wir sind mitten im Ersten Weltkrieg, aber damals wie später im Zweiten hatten die Theater und Kinos geöffnet und boten oft ein erstaunlich friedliches Programm.

An jenem Tag startete im Marmorhaus am Berliner Kurfürstendamm, „Die große Wette – Ein phantastisches Erlebnis aus dem Jahr 2000“. Dieses dauerte knapp 70 Minuten und wurde von der Bayerischen Film-Vertriebs-GmbH München produziert. Regisseur und Drehbuchautor Harry Piel war erst 23 Jahre alt, hatte aber schon 30 Filme gedreht, vor allem Detektiv- und Abenteuersteifen. Er stammte aus dem heute zu Düsseldorf gehörigen Benrath und war Seekadett, Kaufmannslehrling und Kunstflieger gewesen, ehe er 1912 in Berlin ins Kinogeschäft einstieg.

„Die große Wette“ ist einer der frühesten deutschen Science-Fiction-Filme und sicher der erste mit einem Roboter. Im Ausland waren diese schon öfter auf der Leinwand erschienen. So zeigte 1897 der Franzose Georges Méliès „Gugusse et l’Automate“, in dem ein Clown auf einen Maschinenmann trifft. Der Streifen ging wie viele Stummfilme aus der Pionierzeit verloren, doch überlebte The Automatic Motorist, den der Engländer Walter Booth 1911 ins All schickte. Erhalten blieb auch der blecherne Holzfäller aus dem Film The Wonderful Wizard of Oz, der 1910 in Amerika entstand.

 

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Anzeige im Berliner Tageblatt, 8. 2. 1916 (links), Notiz der Moving Picture World, 1. 4. 1916

 

„Die große Wette“ findet im New York der Zukunft statt. Der Held ist der junge und sportliche George Fogg. Er wird von Ludwig Trautmann gespielt, dem populärsten Leinwandstar der Kaiserzeit. Seinen Rivalen, den Physiker Ardan, verkörpert Victor Janson. Mizzi Wirth stellt die Heldin des Films dar, die schwerreiche Witwe Lee Kennedy. Wir sehen sie im Eingangsbild links vor dem Roboter. Wer hinter ihm steckt, ist nicht genau bekannt, doch könnte es Harry Piel sein.

Die Handlung des Streifens ist schnell erzählt. George und Lee sind füreinander bestimmt, doch Ardan begehrt Lee ebenfalls und will ihre Hochzeit verhindern. Deshalb wettet er mit Fogg um 100.000 Dollar, dass dieser es nicht schafft, drei Tage mit jemandem zu verbringen, den Ardan ihm ins Haus schickt. Fogg schlägt ein und erhält einen Roboter, der ihm ständig folgt. Im spektakulären Finale verbrennt das Labor von Ardan, von dem aus er den Roboter fernlenkte und Energie übertrug, der Maschinenmann sackt zusammen, und George und Lee können heiraten.

Piel spickte sein Jahr-2000-Drama mit vielen futuristischen Elementen. Die Protagonisten nehmen nicht das Auto, sondern kommen im „Lufttorpedo“, und wer ein Buch lesen will, drückt einen Knopf, worauf es aus dem Regal springt. Die Idee des drahtlos übertragenen Stroms fand Piel vermutlich in den Schriften des serbisch-amerikanischen Erfinders Nikola Tesla, dem wir unseren Wechselstrom verdanken. Ganz allgemein galt die Elektrizität 1916 als Energie der Zukunft. In Österreich und der Schweiz lief Piels Film unter dem Titel „Der Elektromensch“.

Die Kinoanzeigen im Berliner Tageblatt belegen, dass am Freitag, dem 11. Februar 1916, die Laufzeit des Films um vier Tage verlängert wurde. Einen ganz ähnlichen Erfolg hatte „Die große Wette“ in der Schweiz. Gesehen wurde sie auch vom Berliner Korrespondenten der New Yorker Moving Picture World, denn am 1. April 1916 brachte das Blatt in seinen German Trade Notes eine positive Kritik („An extraordinary film“). Ein spezielles Lob galt den Kulissen. Schließlich sei noch die Verleihfirma zitiert: „Stoff sehr gut, Photos, Spiel und besonders die Szenerie und Ausstattung prima.“

Völlig anders sah die Entwicklung an der Front aus. Am 21. Februar 1916 begannen in Frankreich die Kämpfe bei Verdun, die erst kurz vor Weihnachten endeten. Vom 1. Juli bis zum 18. November des Jahres tobten die Gefechte an der Somme. Nach schweren Fehlern der deutschen Politik erklärten die USA am 6. April 1917 dem Kaiserreich den Krieg, was letztendlich zum Waffenstillstand am 11. November 1918 führte. Die „German Trade Notes“ gab es damals schon lange nicht mehr.

Harry Piel ließ sich von der Politik nicht beirren und produzierte weiter seine Action-Filme, die Jung und Alt beeindruckten. Als er 1963 in München starb, waren es insgesamt 107. Roboter zeigte er noch 1923 in „Rivalen“ und in großem Stil 1934 im Tonfilm „Der Herr der Welt“. Er ist seit Ende 2012 online, für die Güte der Quelle können wir uns aber nicht verbürgen. Zum Schluss bedanken wir uns beim Bildarchiv des Deutschen Filminstituts Wiesbaden für die Übersendung des Standfotos.

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