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London 1951: Festival mit Computer

Geschrieben am 01.05.2026 von

Vor 75 Jahren begann das Festival of Britain. Ausstellungen und Events stellten britische Leistungen in Kunst, Kultur, Forschung und Technik dar und übermittelten ein positives Zukunftsbild. Das Zentrum des Festivals bildete ein Areal am Londoner Themse-Ufer, eine Schau des Science Museums zeigte die Fortschritte der Wissenschaft. Dazu gehörten auch der Elektronenrechner Nimrod und kybernetische Automaten.

1951 war das Leben im Vereinigten Königreich nicht leicht. Englische Städte wurden nicht so zerbombt wie die deutschen, doch viele trugen Spuren des Krieges. Die Labour-Regierung fuhr einen Sparkurs, Fleisch, Zucker und Süßigkeiten gab es gegen Lebensmittelkarten. Ablenkung von den Sorgen des Alltags brachte eine Kette von Veranstaltungen, das Festival of Britain. Die Planung dafür startete 1948; am 3. Mai 1951 eröffnete König George VI. das Fest vor der Londoner St. Paul’s Cathedral. Die Neue Deutsche Wochenschau schaute zu.

Eine englische Wochenschau zeigte den Monarchen auf dem anderen Themse-Ufer. Dort erstreckte sich über elf Hektar die wichtigste Ausstellung des Festivals, die South Bank Exhibition. Das Hauptgebäude, die Halle der Entdeckungen, hatte einen Durchmesser von 111 Metern und eine Höhe von 28 Metern. Die Exponate feierten britischen Forschergeist von Sir Francis Drake – der Pirat segelte von 1577 bis 1580 um die Welt – bis in die Gegenwart. Unser Eingangsbild bringt einen Blick ins Innere der Halle; das Spiegelteleskop ging später nach Australien (Foto Tyne & Wear Archives & Museums).

Rule Britannia! Das Plakat der Hauptausstellung in London

Ein Ticket für die Ausstellung kostete vier Shilling – etwa 2,50 DM – und zwei für Kinder. Diese Seite führt durchs Gelände, Technik gab es im Maschinen-, im Schifffahrts- und im Verkehrspavillon sowie in der Fernsehabteilung. Auf dem Shot Tower neben der ebenfalls am 3. Mai eröffneten Royal Festival Hall drehte sich eine Antenne, die Signale zum Mond schickte. Der Turm diente zuvor der Erzeugung von Schrotkugeln, das Verfahren wird hier erklärt. Eine Meile flussaufwärts lockte ein Vergnügungspark die Menschen an, im Stadtteil Poplar wartete eine Ausstellung zur Architektur und zum Wiederaufbau.

Im Science Museum in South Kensington erläuterte eine Sonderschau die modernen Naturwissenschaften. Die Besucher durchwanderten die Grundlagen von Physik, Chemie und Biologie, am Ende trafen sie einen Electronic Computer. Das war der Röhrenrechner Nimrod der in Manchester ansässigen Firma Ferranti. Er besaß ein einziges Programm, das Denkspiel Nim, und schlug die meisten Menschen, die gegen ihn antraten. Überliefert ist ein Publicity-Foto – bitte etwas scrollen – mit zwei jungen Schauspielerinnen, die ihn näher in Augenschein nahmen.

Das Festival von oben. Unten ist die runde Halle der Entdeckungen und auf der anderen Seite der Schienen die Royal Festival Hall zu sehen.

In der Nachbarschaft von Nimrod waren drei kybernetische Schildkröten untergebracht, die der Neurologe Grey Walter für das Festival konstruierte. Details liefert der Cyberneticzoo, wir erzählten ihre Geschichte schon im Blog. Dem Blog des Science Museums verdanken wir die Information, dass im August 1951 auch Alan Turing die Automaten besichtigte. Leider hatten sie einen schlechten Tag, und die Vorführung fiel enttäuschend aus. Anschließend besuchte Turing die Schau auf dem Südufer der Themse.

Neben den Plätzen in der Hauptstadt umfasste das Festival Ausstellungen in Glasgow und Edinburgh sowie kleinere Events im ganzen Königreich. Ein Flugzeugträger mit einer Schau an Bord steuerte zehn Hafenstädte an. Die drei Londoner Ausstellungen schlossen am 30. September 1951, der Vergnügungspark Anfang November. Die South Bank Exhibition zählte am Ende achteinhalb Millionen Interessenten, das Science Museum 214.000. Man schätzt, dass die Hälfte der britischen Bevölkerung eine Veranstaltung des Festivals besuchte.

Symbol der Superschau war der 75 Meter lange Skylon, eine Stahl-Aluminium-Spindel.   (Foto Bernard William Lee CC BY-SA 4.0)

Sicher ist, dass sich die Stimmung im Land hob; die gezeigten Exponate beeinflussten nachhaltig Kunst und Design. Eine politische Nachwirkung, wie von der Labour-Regierung erhofft, gab es dagegen nicht. Die Unterhauswahl vom 25. Oktober 1951 bescherte den Konservativen die Mehrheit der Sitze; Winston Churchill wurde nach sechs Jahren wieder Premierminister. Am 3. Oktober 1952 zündete England seine erste Atombombe, am 4. Juli 1954 endete die Lebensmittel-Rationierung.

Vom Festival of Britain blieben zwei kybernetische Schildkröten, einige Kunstwerke und die Royal Festival Hall, dazu Filme in Farbe und schwarzweiß und ein ZEIT-Artikel. Das Teleskop aus der Halle der Entdeckungen fiel 2003 einem Buschbrand zum Opfer. Der Computer Nimrod ist verschollen, im Oktober 1951 lief er jedoch in Berlin – wir berichteten im Blog. Unten kann man ihn noch einmal sehen sowie seinen Gegner, Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard. Bitte zum Vergrößern auf das Bild klicken!

(Foto Museum Charlottenburg-Wilmersdorf, Messe Berlin GmbH)

 

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