100 Jahre Zukunft
Geschrieben am 24.04.2026 von HNF
Fantastische Zukunft heute, harte Tatsachen morgen: Das war das Motto der „Amazing Stories“, die im April 1926 in New York herauskamen. Die Publikation des in Luxemburg geborenen Verlegers Hugo Gernback gilt als erste moderne Science-Fiction-Zeitschrift; sie prägte das Genre bis heute. Von Anfang an brachten „Amazing“ und ihre Nachfolger auch Geschichten über Roboter und Computer.
Die erste Seite sprach von einem Magazine of Scientifiction, doch der Ausdruck änderte sich bald in „Science Fiction“. Danach eroberte die Literatur die Welt sowie Film, Fernsehen und Computerspiele. Die Erstausgabe des erwähnten Magazins erschien im April 1926 in New York; es trug den Titel Amazing Stories und war eine Idee von Hugo Gernsback.
Geboren wurde er als Hugo Gernsbacher am 16. August 1884 in Luxemburg. Nach Schulen in seiner Heimatstadt und in Brüssel besuchte er das Rheinische Technikum in Bingen (heute TH Bingen). 1904 bestieg er einen Dampfer nach New York und baute dort einen Versand für Elektro- und Funktechnik-Artikel auf. 1908 startete er eine Fachzeitschrift namens „Modern Electrics“; einige Hefte sind online. 1911 und 1912 brachte sie in zwölf Folgen die von Gernsback verfasste utopische Erzählung Ralph 124C 41+.
Ab 1913 kamen weitere Titel. Im August 1923 gab es eine Scientific Fiction Number von Gernsbacks Magazin „Science and Invention“ und im April 1926 die „Amazing Stories“. Die Zeitschrift bediente sich zunächst bei bekannten Autoren, die über Wissenschaft und Forschung geschrieben hatten. So ist das erste Cover durch Jules Vernes Roman „Reise durch die Sonnenwelt“ von 1877 inspiriert. Nach und nach wurden die älteren Geschichten durch neue ersetzt. Dabei griff Hugo Gernsback auch auf Texte aus Deutschland zurück.
Utopische Fabeln gibt es seit der Antike, als Lukian von Samosata Wahre Geschichten erfand; das 19. Jahrhundert bescherte uns Klassiker von Jules Verne, Kurd Laßwitz und H. G. Wells. Das Neue an den „Amazing Stories“ waren die Bezeichnung Science-Fiction, das Zeitschriftenformat mit aktionsreichen Titelbildern, die Fixierung auf Wissenschaft und Technik ohne Herz-Schmerz-Getue und die besondere Leser-Autoren-Bindung. Im Juli 1939 fand in New York der erste Weltkongress statt; die 28. World Science Fiction Convention füllte im August 1970 die Stadthalle von Heidelberg.
Die „Amazing Stories“ erlebten ab 1926 drei gute Jahre, im April 1929 musste Gernsback sie aber verkaufen. Er gründete nun mehrere Zeitschriften mit dem Wort Wonder im Titel. Die Konkurrenz schlief nicht, und 1930 boten die Kioske Astounding Stories of Super-Science an. Der Herausgeber John W. Campbell läutete 1938 das Goldene Zeitalter der Gattung ein, das um 1950 endete. Die Nachkriegszeit brachte neue Magazine sowie das Science-fiction-Taschenbuch. In Heft- und Paperback-Form eroberte die US-Utopistik auch unsere Kultur.
Im Februar 1927 druckten die „Amazing Stories“ The Thought Machine, eine Geschichte über einen Computer. Danach suchten immer wieder denkende Automaten und künstliche Menschen die Zukunftsmagazine heim. Der Österreicher Gerhard Dabringer beschrieb ihre Taten 2022 in seiner Dissertation. Er konzentrierte sich auf die Zeit von 1926 bis 1936, als die Visionen noch wild waren. Seriös wirkten die Roboter-Erzählungen von Isaac Asimov aus der Goldenen Ära und „The Brain“ von Heinrich Hauser aus dem Jahr 1948. Die deutsche Fassung Gigant Hirn liegt inzwischen im Internet.
Wer sich im Internet Archive anmeldet, findet dort die Anthologie Machines That Think von 1984 und den KI-Roman Colossus von 1967; den Film besprachen wir in unserem Blog. Frei zugänglich ist die Geschichte Answer, die „Astounding“ 1947 vorstellte. Sie schilderte 79 Jahre vor Elon Musk, der eine ähnliche Idee hatte, einen Computer im Weltraum. Auch in Russland entwickelte sich eine Science-Fiction, die „fantastische Wissenschaft“. Im Blog wiesen wir auf den polnischen Autor Stanislaw Lem, seinen ukrainischen Kollegen Anatolij Dnjeprow und auf Computer-Fiktionen aus der DDR hin.
Gernsback gründete 1953 noch eine Zeitschrift, doch Science-Fiction plus verschwand bald wieder. Im selben Jahr wurde der nach ihm benannte Hugo geschaffen, der wichtigste Preis des Genre. 1963 besuchte ihn LIFE und 1965 die BBC, er starb am 19. August 1967 in New York. Das ZKM in Karlsruhe besitzt eine kleine Gernsback-Sammlung, die größte deutsche Science-Fiction-Bibliothek steht aber in Wetzlar. Die klassischen Magazine sind im Internet Archive greifbar, eine Zeitreise in die westdeutschen SF-Geschichte von 1973 bis 1992 ermöglicht die Seite der Science Fiction Times.
Unser Eingangsbild oben zeigt einen Ausschnitt aus dem Cover der „Amazing Stories“ vom August 1927. Man sieht Kampfmaschinen der gerade gelandeten Marsmenschen, wie im „Krieg der Welten“ von H. G. Wells nachlesbar.



