Der Ursprung der Uhr
Geschrieben am 08.05.2026 von HNF
Vom 10. Mai 2026 bis zum Mai 2027 ist das HNF „Der Uhr auf der Spur“. Die Ausstellung wendet sich an jüngere Besucher, geht aber eine Frage an, die auch Erwachsene interessiert: Was ist Zeit und wie vergeht sie? In unserem Blog möchten wir beim Titel der Ausstellung bleiben und die Entwicklung der Zeitmesstechnik erkunden.
Die Geschichte der Uhr ist lang und verwickelt. Sonnenuhren kannten die alten Ägypter, Babylonier und Chinesen. Sie erfanden auch die Wasseruhr, die immer und überall lief; sie war zudem die erste Stoppuhr. Im arabischen Kulturkreis und im mittelalterlichen China entstanden große und komplexe Konstruktionen mit zusätzlichen mechanischen Teilen; die Uhr von Su Song füllte eine zwölf Meter hohe Pagode. In einigen Modellen wurde Wasser durch Quecksilber ersetzt. Im 14. Jahrhundert kam die Sanduhr auf.

Uhrwerk aus der Kathedrale von Salisbury aus den 1380er-Jahren: Oben ist der Balken, darunter das Kronrad. (Foto Mike Peel CC BY-SA 4.0 oben beschnitten)
Die Erfindung der mechanische Räderuhr verliert sich im Dunkel der Zeit. Die erste könnte das horologium der Abtei Dunstable gewesen sein; ihre Kirche stand fünfzig Kilometer nördlich von London. Die Annalen der Abtei verzeichnen das Gerät für das Jahr 1283. Technische Einzelheiten sind nicht überliefert, doch besaß es sicher einen Gewichtsantrieb und eine Waaghemmung. Hierbei schwingt ein horizontaler Balken hin und her und bremst über das Kron- oder Hemmungsrad den Lauf. Eine solche Uhr wies einen Fehler von einer Viertelstunde pro Tag auf.
Die ersten Räderuhren in Deutschland waren vermutlich die beiden „Schellen“, die das Kloster St. Peter und Paul 1304 in Erfurt installierte. 1305 könnte der Augsburger Dom eine Uhr erhalten haben. In jenen Jahren wurden sie auch in Italien gebaut. Sie verwendeten als Hemmung keinen Balken, sondern ein vor- und zurückdrehendes Rad. Der Nationaldichter Dante erwähnte die Technik in seiner 1321 abgeschlossenen Göttlichen Komödie: „Wie, wohlgefügt, der Uhren Räder tun – In voller Eil’ zu fliegen scheint das letzte. Das erste scheint, wenn man’s beschaut, zu ruh’n.“
Ein prächtiges Zeitmessinstrument schuf Giovanni de‘ Dondi von 1348 bis 1364 in Padua. Es zeigte nicht nur Tag und Stunde, sondern ebenso die Stellungen von Sonne, Mond und der damals bekannten fünf Planeten an. Das ein Meter hohe Astrarium ist verschollen, doch Dondi beschrieb es in einem Buch. Im 20. Jahrhundert entstanden mehrere Nachbauten, hier sehen wir die Rekonstruktion vom Londoner Science Museum. Der HNF-Dichter Hans Magnus Enzensberger besang Dondi gleich zu Beginn in seinem Mausoleum.
Im 15. Jahrhundert führten Spiralfedern und ein neues Getriebeteil, die Schnecke, zu einer Verkleinerung der Uhren. Spätestens in den 1460er-Jahren entstanden in Italien und in Frankreich transportable Zeitmesser. Kurz nach 1500 begann in Nürnberg der Schlosser und Uhrmacher Peter Henlein mit der Fertigung. Auf der andern Seite der Preisskala erschienen reich verzierte Superuhren mit astronomischen Anzeigen. Eine der schönsten befindet sich im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden. Vom Kasseler Uhrmacher-Star Jost Bürgi erzählten wir in unserem Blog. Zur Paderborner Uhrengeschichte steht hier etwas mehr.

Taschenuhr des Reformators Philipp Melanchthon aus dem Jahr 1530, vielleicht von Peter Henlein angefertigt. Sie ist 4,8 Zentimeter breit und hoch. Bitte zum Vergrößern anklicken!
1656 entwickelte Christiaan Huygens in den Niederlanden die Pendeluhr, 1735 vollendete der Engländer John Harrison seinen ersten Chronometer. Das 19. Jahrhundert brachte die Serienfertigung von Taschenuhren und die Uhr mit Dezimalziffern. Die letzten Innovationen in der mechanischen Uhrentechnik waren die im späten 19. Jahrhundert aufkommende Armbanduhr und die sich selbst aufziehende Automatikuhr. Taschenuhren konnten das schon im 18. Jahrhundert, die erste automatische Armbanduhr wurde erst 1928 verkauft.
Zum Schluss möchten wir noch auf die Ausstellung Der Uhr auf der Spur hinweisen, die ab Sonntag im dritten Obergeschoss des HNF zu sehen ist und bis zum 30. Mai 2027 läuft. Sie kommt vom Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim und dem Grazer Kindermuseums FRida & freD, das Konzept stammt von der dort befindlichen FH Joanneum. Die Ausstellung wurde durch die Klaus Tschira Stiftung ermöglicht; im vorigen Jahr war sie in der Dortmunder DASA zu sehen. „Der Uhr auf der Spur“ gilt als Mitmach-Ausstellung für Kinder, doch wird das HNF erwachsene Zeit-Erforscher nicht abweisen.

