16. Mai 1916: die erste Telefonkonferenz
Geschrieben am 15.05.2026 von HNF
Sein erstes Telefongespräch führte Alexander Graham Bell vor 150 Jahren in Boston. Danach eroberte sein System die Welt. Wir Deutsche feiern lieber Philipp Reis als den Erfinder, der schon 1861 in Frankfurt am Main telefonierte. Unbestreitbar ist aber, dass vor 110 Jahren in den USA die erste Konferenz per Fernsprecher stattfand, die acht Städte verknüpfte.
Wir schreiben Dienstag, den 16. Mai 1916. Während in Europa an der Westfront des Ersten Weltkriegs um Verdun gekämpft wird, herrscht in den USA tiefer Frieden; das Land ist noch neutral. In einem Hochhaus in New York hält ab 16.30 Uhr das Amerikanische Institut der Elektroingenieure AIEE seine Jahresversammlung ab. Sie geht vielleicht bis zum frühen Abend; um 20.30 Uhr beginnt im Auditorium des Hauses das „National Meeting“ des AIEE.
Es findet nicht nur in New York statt, sondern auch in Boston, Philadelphia, Atlanta, Chicago und San Francisco sowie inoffiziell in Denver und in Salt Lake City. Möglich macht es die Telefontechnik. Sie verknüpft Säle in den acht Städten; die dort anwesenden Ingenieure lauschen mit Ohrhörern der Kommunikation. Ins Telefon sprechen wohl nur wenige Personen in jedem der sechs Hauptorte; Denver und Salt Lake City sind aufs Zuhören beschränkt. Die gesamte Veranstaltung umfasst 5.200 Teilnehmer; sie steht heute als erstes Virtual Meeting im Guinness Buch der Rekorde.

Alexander Graham Bell (Mitte) telefonierte 1915 quer durch die USA; ganz links am Tisch sitzt AIEE-Chef John Carty. Bitte zum Vergrößern auf das Bild klicken.
Wir erzählten es schon in unserem Blog: Am 10. März 1876 gelang dem Dozenten Alexander Graham Bell ein verständlicher Telefonanruf in seiner Werkstatt in Boston. Drei Tage zuvor hatte er das Patent für seine Technik erhalten, das er gegen andere Erfinder durchsetzte. Die Städte der USA wurden durch Fernsprechkabel erschlossen; bald liefen sie von Ort zu Ort. 1885 erfolgte die Gründung der American Telephone and Telegraph Company, kurz AT&T. Im Jahr 1892 konnte man von New York nach Chicago und zurück telefonieren.
Die Nutzung der Verstärkerröhre erlaubte am 25. Januar 1915 ein Telefonat von Küste zu Küste, wie die Amerikaner sagen. In New York rief Alexander Graham Bell seinen ehemaligen Assistenten Thomas Watson in San Francisco an. Dabei entstand auch das obige Foto. In der Mitte sitzt Bell, über ihm hängt ein Bild von Theodore Vail, dem Präsidenten der Firma AT&T. Der Herr ganz links ist AT&T-Chefingenieur John Carty. Er übernahm 1915 die Führung des Verbands AIEE und leitete ebenso die Telefonkonferenz vom 16. Mai 1916.

John Carty (oben am Tisch) auf dem Meeting vom 16. Mai 1916. Aus Platzmangel nahmen nur die AIEE-Ingenieure teil, in anderen Städten saßen auch die Ehefrauen im Saal.
Eine gute Quelle dazu ist der Bericht in den Proceedings des AIEE, der fünfeinhalb Seiten umfasst. Wir lesen unter anderem das Telegramm, das US-Präsident Woodrow Wilson an die Versammlung schickte, und erfahren mehr zu den Ansprachen und der danach gespielten Musik. Einen Drei-Seiten-Artikel brachte im Juni 1916 die Zeitschrift The Telephone Review, er enthält auch Fotos aus New York und Atlanta. Weitere Einzelheiten liefert ein Beitrag der Technikhistorikerin Allison Marsh aus dem Jahr 2024.
„The Telephone Review“ beschrieb noch andere Vorführungen, zu denen sich Fernsprech-Begeisterte im dunklen Anzug oder Abendkleid im Hotel versammelten. Die nächste große Telefonkonferenz fand am 14. Juni 1916 in 35 Städten statt. Dort feierten knapp fünftausend Absolventen des Massachusetts Institute of Technology mit Begleitern und Begleiterinnen den 50. Gründungstag des MIT und die Einweihung von neuen Hochschulgebäuden. 2016 drehte die Alumni-Vereinigung des MIT ein Video über das Telephone Banquet.

Das Podium der Telefonkonferenz am gleichen Abend in Atlanta. Die vielen Sternenbanner sind wahrscheinlich eine Reaktion auf den Krieg in Europa.
Im April 1917 endeten die Festlichkeiten und „transcontinental demonstrations“; die USA traten in den Ersten Weltkrieg ein. Danach waren sie nicht mehr nötig, das Telefon wurde zu einer alltäglichen Technik. Nach der Überbrückung von Nordamerika stellte sich eine neue Herausforderung ein, die Überquerung des Nordatlantiks. Das ging zunächst nur drahtlos. Am 7. Januar 1927 wurde die Funktelefon-Strecke von New York nach London eröffnet. Erst am 25. September 1956 nahm das unterseeische Telefonkabel TAT-1 zwischen Kanada und Schottland den Dienst auf.
Erwähnen müssen wir noch, dass Anfang 1963 der Verband AIEE im IEEE aufging, dem Institut der Elektro- und Elektronikingenieure. Unser Eingangsbild zeigt aber ein typisches Kerzenhalter-Telefon, wie es in den 1910er-Jahren und später in den USA verwendet wurde. Das Gerät im Foto stammt vom Hersteller Stromberg-Carlson und befindet sich im Depot des National Museum of American History der Smithsonian Institution. Ein Hinweis zum Schluss: Wegen des Internationalen Museumstags ist am Sonntag der Eintritt im HNF frei.