Aristo

Stäbe zum Rechnen

Geschrieben am 10.03.2026 von

Der Rechenstab oder Rechenschieber wurde im 17. Jahrhundert in England erfunden. Nach dem Abakus war er das erste mathematische Gerät, das sich in größerer Zahl verbreitete. Er kostete nur wenig, ließ sich leicht bedienen und musste nicht wie heutige Betriebssysteme upgedatet werden. Ein Rechenschieber rechnet analog, doch das digital orientierte HNF hat ihn nicht vergessen.

Trommelwirbel, Trompetenschall und hiermit sei es verkündet: Neben Museen in Bonn, in Mannheim und in München – Privatsammlungen und solche im Ausland möchten wir einmal überschlagen – besitzt auch das HNF eine Kollektion von klassischen Rechenschiebern. Sie sind zum großen Teil nicht ausgestellt, sondern liegen im Depot; es handelt sich um etwa 110 Objekte.

Den mathematischen Hintergrund und die komplexe Erfindungsgeschichte des Instruments erzählten wir schon im Blog. Die bekannte Bauform mit Rahmen, Zunge und Läufer erschien um 1860, im späten 19. Jahrhundert traten erfolgreiche deutsche Hersteller hervor. In den 1970er-Jahren wurde der Umgang mit dem Rechenstab noch im Gymnasium gelehrt, zugleich erstarkte die Konkurrenz des elektronischen Taschenrechners. Ende 1977 veröffentlichte der SPIEGEL den Abgesang auf die manuelle Mathe-Methode.

Wir haben ELSTER, englische Steuerprüfer benutzten im 18. Jahrhundert die „excise rule“. Bitte zum Vergrößern anklicken!

Die HNF-Stäbe gehen auf diverse Ankäufe, Versteigerungen und Schenkungen zurück. Das Deutsche Museum München stiftete Dubletten aus seinem Bestand von den Dennert & Pape Aristo-Werken in Hamburg. Andere Rechenschieber erhielt das HNF vom 2025 aufgelösten Büromuseum Lüdenscheid. Ein Großgerät für den Schulunterricht – ältere Leser erinnern sich vielleicht noch daran – wurde vom Paderborner Westfalen-Kolleg übernommen, ein zweites bei einer Technikauktion erstanden.

So kamen siebzig Aristo-Produkte und zwei Dutzend Stäbe von Nestler und Faber-Castell zusammen, dazu Erzeugnisse des Feinmessinstituts Klawun, der Gebrüder Wichmann, der IWA-Rechenschieberfabrik F. Riehle, des ungarischen Herstellers Gamma, der französischen Firma Damien, eines Unternehmens aus China sowie ein Schieber Marke Eigenbau. Das älteste Stück der HNF-Sammlung stammt aus dem 18. Jahrhundert von dem Londoner Instrumentenbauer Edward Roberts. Mit der Excise Rule wurden Fässer mit alkoholischen Getränken vermessen und die zu zahlenden Steuern bestimmt.

Der einzige Analogrechner von Nixdorf – der Rechenstab diente wohl als Werbegeschenk.

Im frühen 19. Jahrhundert entstanden gleichfalls in London zwei Gunter-Lineale. Das waren einteilige Rechenstäbe, auf denen man die Zahlen mit einem Zirkel abgriff; sie wurden oft auf Schiffen zur Navigation benutzt. Der Erfinder, der walisisch-englische Mathematiker und Astronom Edmund Gunter, lebte von 1581 bis 1626. Den Löwenanteil der HNF-Sammlung machen allgemein verwendbare mathematische Rechenstäbe aus, doch finden wir einige Spezialschieber für Stahlbeton, Dünger, Lagermatten, für kaufmännische Zwecke und nicht näher definierte Umrechnungen.

Ein besonderes Kapitel bilden Kombinationen aus Rechenstäben und Zahlenschiebern. Letztere haben wir unter dem Stichwort Addiator bereits im Blog behandelt. Bei den Kombi-Schiebern kooperierten die in Berlin-Charlottenburg sitzende Addiator GmbH und der Hersteller A. W. Faber-Castell aus Stein nahe Nürnberg. Es wurden stets ein Castell-Stab und ein schmaler Addiator Rücken an Rücken zusammengefügt; je nach Version blieb der ganze Zahlenschieber oder ein Teil desselben frei. 1975 vereinte Faber-Castell einen Rechenstab und einen Taschenrechner.

Digital-analoger Doppelrechner Faber-Castell TR 2 von 1975

Wir schließen mit einer Fotogalerie und gut tausend Bildern, an denen sich die Rechenstab-Fans satt sehen können. Kinofilme gibt es nicht so viele, auf YouTube dreht aber Dr. Seltsam eine Rechenscheibe. Die normale Ausführung bietet der Versand AstroMedia zum Basteln aus Karton an. Etwas teurer und vielleicht der Letzte seiner Art ist der Rechenschieber der oben erwähnten Firma IWA. Stabrechnen kann man aber auch völlig kostenlos im Internet. Bitte beachten: Ganz rechts stehen die genauen Bezeichnungen der Skalen.

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5 Kommentare auf “Stäbe zum Rechnen”

  1. Erhard Anthes sagt:

    Seit 1991 widmet sich die Oughtred Society, California, (www.oughtred.org) der Erforschung der log. Rechenschieber und gibt dazu die Zeitschrift „Journal of the Oughtred Society“ mit Beiträgen jeder Art zu diesen Instrumenten heraus. Gründer waren Robert K. Otnes und Roger Shepherd. Jährlich erscheinen zwei Hefte, zuletzt Vol. 34 Heft No. 1 (Spring 2025). Von deutscher Seite ist vor allem Prof. Karl Kleine, Jena, an der Mitarbeit beteiligt.

  2. Karl Jaeger sagt:

    Danke für den Beitrag zu den analogen Rechengeräten. Meinen ersten bekam ich 1971 in der Fachoberschule Schweinfurt. Am Regiomontanus Gymnasium Haßfurt, das im letzten Jahr seine 100-Jahr Feier hatte, gab es das eventuell in der Oberstufe. Im Studium ab 1973 brauchte ich dann einen größeren Faber-Castell, der garnicht so günstig war, jedenfalls für einen Studenten. Die ab 1975 aufkommenden Taschenrechner, unter anderem von HP, waren mit 1000 DM unbezahlbar. Der Preisbrecher war dann mit 500 DM TI (Textas Instruments), den ich mir prompt zulegte. Ab dieser Zeit durfte er dann in den Prüfungen teilweise auch eingesetzt werden.

  3. Michael Detambel sagt:

    Auch ich erinnere mich, dass bis etwa 1975 in Prüfungen nur Logarithmen-Tafeln und Rechenschieber zugelassen waren. Meinen (Faber-Castell 1/87 von 1952) besitze ich heute noch. Mein erster Taschenrechner hieß dann logischerweise SR-56 (Slide Rule) von TI.
    Danke für den Beitrag! Wie wär’s mit einem über die vergessene Kunst der Nomogramme?

    1. HNF sagt:

      Besten Dank für den Hinweis. Das Thema hatten wir bereits: https://blog.hnf.de/rechnen-durch-hingucken/

  4. Latzel sagt:

    Die deutsche Vereinigung für Problemschach e.V. (namens „Schwalbe“) hat 2025 im udo degener verlag (Potsdam) die Jubiläumspublikation „100 Jahre Schwalbe“ herausgegeben (viii+144 S., ISBN 978-3-911307-91-8). Darin sind die Seiten 113-128 dem nach ihm benannten Entwickler des Rechenstabs System Schirdewan gewidmet. Es handelt sich dabei um die seltene Form eines „Textilrechenschiebers“ (Faber-Castell 57/74). Bereits 25 Jahre vor seiner Entdeckung und Aufnahme in die Produktion wurde er entworfen.

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