Unix für Nixdorf – Karriere eines Betriebssystems

Geschrieben am 18.08.2020 von

Ein Betriebssystem ist eine Software, die die Aktionen eines Computers regelt. Mit seiner Hilfe gelangen die richtigen Daten zur richtigen Zeit an den richtigen Platz. Ein bekanntes Betriebssystem war Unix. Es wurde ab 1969 in den amerikanischen Bell-Laboratorien entwickelt und in vielen Ländern eingesetzt. In den 1980er-Jahren steckte Unix auch in Systemen der Firma Nixdorf.

Eigentlich hätten wir schon 2019 feiern müssen, als es fünfzig wurde. Aber andere runde Jahrestage gingen vor wie der des Moorhuhns und der Daguerreotypie. Heute begehen wir also den 51. Geburtstag des Betriebssystems Unix. Als es im August 1969 entstand, war es noch namenlos.

Zu jener Zeit wurde in den USA ein Betriebssystem namens Multics entwickelt. Die Arbeiten starteten 1964 mit der Firma General Electric, dem Massachusetts Institute of Technology und den Bell-Laboratorien. Das Forschungszentrum zog sich im Frühjahr 1969 aus dem Projekt zurück, die beteiligten Forscher mussten andere Aufgaben finden. Der 28-jährige Informatiker Dennis Ritchie und der 26 Jahre alte Ingenieur Ken Thompson dachten über ein neues und noch namensloses Betriebssystem nach.

Dennis Ritchie (stehend) und Ken Thompson 1972 an einer PDP-11 der Firma DEC. Thompson ließ sich später einen Vollbart stehen. (Foto Peter Hamer CC BY-SA 2.0 seitlich beschnitten)

Eine besondere Motivation war die Realisierung eines Computerspiels mit Weltraumflügen, es stand ja die Mondlandung bevor. Die beiden begannen zusammen mit einem Kollegen das Programmieren auf einem PDP-7-Minicomputer. Im August brachte Ken Thompson in einem Gewaltstreich – Frau und Kind waren in die Ferien gefahren – das Material in eine lauffähige Form. 1970 stellte sich ein Name ein: Unics, sozusagen das Gegenteil von Multics. Daraus wurde dann das vertraute Unix.

Am Jahresende erhielten Dennis Ritchie und Ken Thompson einen neuen Rechner des Typs PDP-11. Jetzt konnte ihr Betriebssystem sich nützlich machen; die erste Aufgabe war eine Textverarbeitung für das Patentbüro der Bell-Laboratorien. 1973 hielten die beiden im Forschungszentrum der IBM den ersten Vortrag über Unix, ein Jahr später folgte ein Artikel in einer Fachzeitschrift. Ab Juli 1975 erschienen die UNIX NEWS (später umbenannt in ;login: ). Damals lief Unix an 33 Plätzen in den USA, Kanada, Belgien und Israel.

1972 und 1973 entwarf Dennis Ritchie für Unix die Programmiersprache C. Im Lauf der Jahre wurde sie zu einer der beliebtesten Sprachen der Computerwelt. Auch Unix verbreitete sich in vielen Varianten. Hier ist noch ein Werbefilm aus dem Jahr 1982. Abkömmlinge sind die Betriebssysteme Solaris, Linux und Android. Die zwei Unix-Schöpfer erhielten 1983 den verdienten Turing-Preis. Ken Thompson war auch ein exzellenter Schachprogrammierer. Heute verbringt er seine Zeit in der Firma Google. Dennis Ritchie ist leider 2011 gestorben.

Computersystem Nixdorf Targon /35.

In den 1980er-Jahren stieg auch die Nixdorf Computer AG auf den Unix-Zug auf. 1984 zählte sie neben Bull, ICL, Olivetti und Siemens zu den Gründern der Interessengruppe X/Open. Im Herbst 1985 stellte die Firma in der Wiener Hofburg den Minicomputer Targon /35 vor. Er gehörte zur obersten Leistungsklasse und verwendete als Betriebssystem Unix System V, das in den Bell-Laboratorien wurzelte. Der Rechner entsprang der Zusammenarbei von Nixdorf und der Pyramid Technology Corporation in Kalifornien.

Das Grundmodell kostete 650.000 DM und erledigte gut drei Millionen Instruktionen pro Sekunde. Es brachte einen Arbeitsspeicher von vier Megabyte und ein Plattenlaufwerk von 415 Megabyte mit. Dazu kamen ein Magnetbandlaufwerk und ein Monitor. Wie die Presse schrieb, sollte die Targon /35 Nixdorf die Fabriktore öffnen; gedacht war an den CAD/CAM-Bereich und die Betriebsdatenerfassung. Auch Hochschulen und Forschungsinstitute galten als Zielmärkte. Mittelfristig plante Nixdorf den Schritt in die Bürowelt, vor allem durch einen Einsatz als Server. Eine Targon /35 konnte bis zu 120 Terminals bedienen.

Mit dem Unix-Rechner löste sich die NCAG von der alten Produktschreibweise. Neben der Targon /35 kam noch die etwas kleinere Targon /31 heraus. Aus dem 1984 vorgestellten fehlertoleranten Computer Nixdorf 8832 – eine Kooperation mit der US-Firma Auragen – wurde die Targon /32. Im November 1987 boten die Paderborner ihre Targons  in Amerika an. Der Artikel der Los Angeles Times wies auf mögliche Probleme hin: In den USA war Unix das Betriebssystem für Forschung und Technik, doch „a rarity in the corporate world“.

Nixdorf Targon /31 mit Monitor und Tastatur.

1989 sah auch der SPIEGEL die Computer skeptisch: „Im kaufmännischen Bereich hat Unix sich bisher nicht durchgesetzt … Nixdorf hat im angestammten Mittelstandsmarkt noch nicht ein einziges größeres Unix-System installiert.“ Insgesamt lief der Targon-Absatz aber nicht so schlecht. 1988 verkaufte die Firma Unix-Computer im Wert von 232 Millionen DM; 1989 kamen 299 Millionen DM in die Kasse. Auf der CeBIT 1990 stellte die NCAG die Targon 3300 vor; diesmal kam die Hardware von Tandem Computers aus dem Silicon Valley.

Ein halbes Jahr später verlor die Nixdorf Computer AG ihre Eigenständigkeit. Doch das wird ein Thema für eine kommende Folge unseres Blog sein.

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Ein Kommentar auf “Unix für Nixdorf – Karriere eines Betriebssystems”

  1. Ansgar Erlenkötter sagt:

    Guter Überblick! Eigentlich begann alles mit der 8832 (Auragen), aber die sehr anspruchsvolle Entwicklung eines fehlertoleranten (in Hard- und Software redundanten) Systems zog sich und so kamen schnell die weit weniger komplexe Targon/31 und später die Targon/35 (Pyramid) dazu. Eine spannende Zeit!

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