Mut zur Größe

Geschrieben am 07.10.2015 von

Welcher Computer der erste Supercomputer war, ist unklar, doch bezeichnet das Wort ein System, das von der Leistung her in der Spitzengruppe liegt. Vor mehr als 40 Jahren beteiligte sich die Firma Nixdorf an Fertigung und Vertrieb eines Hochleistungsrechners. Vor 25 Jahren wurde der deutsche Supercomputer SUPRENUM fertig, dem aber der Erfolg versagt blieb.

Wer oder was war der erste Supercomputer? War es der LARC der Firma Univac, der 1960 in Dienst ging, die IBM 7030 aus dem Folgejahr oder 1962 der englische Atlas? Oder die CDC 6600 von Control Data, 1965 ausgeliefert, oder vielleicht erst die Cray-1 von 1976 mit der berühmten Sitzbank? Bei der Cray-2 von 1985, die – siehe unser Eingangsbild – auch im HNF steht, fiel die Bank leider weg.

Sicher ist, dass es nach Erfindung des Computers stets Systeme gab, die bei der Geschwindigkeit und meist auch beim Preis an der Spitze lagen. In den späten 1960er-Jahren galt dies, sofern man sich auf Europa beschränkte, für ein westdeutsches Modell, die TR 440 von AEG-Telefunken, die mit einer Million Operationen pro Sekunde, 16 Megahertz Taktzeit und 200.000 DM Monatsmiete glänzte.

Der Rechner, dessen Entwicklung zur Hälfte der Staat bezahlte, besaß integrierte Schaltungen sowie für Inputs eine Maus, Rollkugel genannt. Seine Zuverlässigkeit ließ aber sehr zu wünschen übrig. Im Jahresbericht 1972 beklagte das Leibniz-Rechenzentrum München die nahezu täglichen Abstürze, die man der zu schwachen Klimaanlage zuschrieb. Die Ruhr-Universität in Bochum, die ebenfalls eine TR 440 besaß, half sich damit, sie jeden Tag um 13 Uhr abzuschalten und vorbeugend Fehler zu suchen.

Der Hersteller war also nicht so glücklich mit seinem Produkt. Er suchte einen Partner, um den Vertrieb anzukurbeln und die TR 440 weiterzuentwickeln. 1972 erfolgte – wieder mit staatlicher Finanzhilfe – die Gründung der Telefunken Computer GmbH, an der AEG-Telefunken und die 1968 gegründete Nixdorf Computer AG zu 50 Prozent beteiligt waren. Laut Presseberichten hoffte Heinz Nixdorf, pro Jahr 100 Systeme abzusetzen, denn: „Optimismus gehört zu unserem Beruf.“

Bald mussten jedoch alle Beteiligten ihre Hoffnungen herunterschrauben. Bis Frühjahr 1974 konnte man nur 23 TR440 verkaufen oder vermieten; im Sommer war der Ausflug der Firma Nixdorf in die Welt der Hochleistungsrechner zu Ende. Am 19. Juli 1974 wurde die Telefunken Computer GmbH von Siemens übernommen und in Computer Gesellschaft Konstanz GmbH umbenannt. Die begnügte sich damit, die TR 440 zu verbessern und TR 445 zu nennen; ein Nachfolger wurde ad acta gelegt.

Insgesamt entstanden am Bodensee 46 Modelle der Typen TR 440 und TR 445, das letzte in den späten Siebzigern; einige davon überlebten in deutschen und amerikanischen Museen. Die Computer Gesellschaft Konstanz widmete sich später der optischen Zeichenerkennung. Zur Jahrtausendwende wurde sie vom Océ-Konzern übernommen und danach weiter aufgeteilt. Das futuristische Steuerpult eines AEG-Telefunken-Rechners war 2008 im Film „Der Baader Meinhof Komplex“ zu sehen, wo es den Computer des Bundeskriminalamts spielte.

Das nächste große Projekt eines deutschen Hochleistungsrechners startete 1985 und widmete sich dem SUPRENUM. Das Wort stand für Super-Rechner für numerische Anwendungen und bedeutet außerdem die kleinste Dezimalzahl, die größer als alle Elemente einer bestimmten Zahlenmenge ist. Hauptentwickler des SUPRENUM waren Forscher der damals noch existierenden Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung GMD, an ihrer Spitze der Informatiker Wolfgang Giloi und der Mathematiker Ulrich Trottenberg.

Das Besondere am SUPRENUM war seine Parallelität: Er enthielt bis zu 256 „Rechenknoten“, die zur gleichen Zeit unterschiedliche Aufgaben bewältigten. Der erste SUPRENUM mit 32 Knoten wurde 1989 auf der Hannover Messe 1989 vorgestellt. Ein 64-Knoten- System kam 1990 an die GMD nach Sankt Augustin und wurde später auf 256 Knoten erweitert. 1991/1992 schaffte der Rechner 2,8 GigaFLOPS, also nahezu drei Milliarden anspruchsvoller Rechenoperationen pro Sekunde.

Kleinere Systeme wurden in den Universitäten Erlangen und Liverpool, in der Kernforschungsanlage Jülich, bei der Krupp-Atlas-Elektronik GmbH und beim GMD-Institut FIRST in Berlin installiert. Damit war die Vermarktung des SUPRENUM aber schon vorbei. Der angedachte Nachfolger SUPRENUM-2 wurde niemals realisiert, weil weder die Industrie noch der Staat die nötigen Investionen leisten wollten. Bis heute hängt dem Rechner der Ruf an, ein grandioser Flop gewesen zu sein.

Erfolgreicher als der SUPRENUM waren die Parallelrechner der Aachener Firma Parsytec, die ebenfalls im Jahr 1985 das Geschäft aufnahm. Die beiden größten mit Namen Parsytec GC besaßen 1.024 Prozessoren und liefen in den Universitäten von Köln und Paderborn. 1990 erfolgte in Chemnitz die Gründung der Firma MEGWARE, die seit der Jahrtausendwende Hochleistungsrechner nach dem Cluster-Prinzip fertigt. Die Spitzenleistung liegt bei 241 TeraFLOPS, d.h. 241 Billionen Operationen pro Sekunde, was das betreffende System auf Platz 297 der Top 500-Liste brachte.

Und so gibt es doch noch ein Happy End für die deutsche Supercomputerbranche.

 

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